Jharrel Jerome als Korey Wise, einer der fünf Verurteilten.
Foto: AP/Atsushi Nishijima

Ende der 1980er-Jahre sorgte in den USA eine brutale Vergewaltigung landesweit für Schlagzeilen: Einen Überfall im New Yorker Central Park durch einen unbekannten Täter überlebte die 28-jährige Investmentbankerin Trisha Meili nur knapp. Fünf Jugendliche, vier afroamerikanische und ein hispanoamerikanischer Junge, die später in der Presse die "Central Park Five" genannt werden, sind unter jenen jungen Männern, die die Polizei als Verdächtige verhört. Kevin Richardson, Antron McCray, Raymond Santana, Yusef Salaam und Korey Wise, allesamt zwischen 14 und 16 Jahre alt, fehlt es sowohl an rechtskundigen Eltern als auch an gewieften AnwältInnen. Unter dem Druck der BeamtInnen legen sie Geständnisse ab und werden trotz fehlender Beweise verurteilt: zu Haftstrafen zwischen sechs und 13 Jahren. Erst 2002 wird die Unschuld der Männer bestätigt, nachdem der tatsächliche Täter gefunden war.

Biografische Erzählung

Für die Verfilmung des "Central Park Five"-Falls hat Regisseurin Ava DuVernay eine grandiose – und zum Teil noch unbekannte – Riege an SchauspielerInnen versammelt. Die Geschichte von rassistischer Vorverurteilung und Klassenjustiz inszeniert sie nicht als Gerichtsdrama, vielmehr richtet DuVernay den Fokus auf das persönliche Schicksal der fünf Jungen, deren Kindheit über Nacht in den Mühlen der US-Justiz endet. Dass diese Strategie aufgeht und "When They See Us" dadurch nichts an politischer Brisanz einbüßt, ist nicht zuletzt den DarstellerInnen – allen voran Jharrel Jerome – zu verdanken.

Jerome verkörpert als einziger Schauspieler in der vierteiligen Netflix-Serie einen der fünf Verurteilten sowohl als Jugendlichen als auch als Erwachsenen: Korey Wise – den Ältesten der fünf. Korey hatte lediglich seinen Freund Yusef zur Polizeistation begleitet und wurde als 16-Jähriger in ein Erwachsenengefängnis überstellt. Wie überfordert Korey von dieser Welt ist, in der das Recht des Stärkeren gilt und Männlichkeit sich über Brutalität und Härte definiert, macht Jharrel Jerome allein mit Blicken und wenigen Gesten deutlich. "Ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich sollte überhaupt nicht hier sein", erwidert Korey bei seiner Einweisung dem glatzköpfigen Gefängniswärter, der grinsend Gefälligkeiten einfordert. Als Korey später von anderen Insassen brutal zusammengeschlagen wird, tritt jener Wärter als teilnahmsloser Zeuge auf. Schnell lernt der 16-Jährige: Hinter den Gefängnismauern geht es vor allem ums Überleben – auch in Isolationshaft, die vor Zellengenossen schützt und in die sich Korey schlussendlich freiwillig begibt.

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Lichtblicke bleiben die seltenen Besuche seiner Mutter – großartig Niecy Nash –, die ihrem Sohn in die wechselnden, entlegenen Haftanstalten nachreist. Wenn Korey von Schweiß durchnässt am Zellenboden kauert – die defekte Klimaanlage im Knast wird einfach nicht repariert – und in Gedanken mit seiner Schwester spricht, führt Jharrel Jerome die ZuseherInnen bis an die Schmerzgrenze. Und macht wie auch schon im Oscar-prämierten "Moonlight" mit viel Fingerspitzengefühl verletzliche Facetten brutalisierter Männlichkeit sichtbar.

Rassistische Kampagne

Im realen Fall der Central Park Five spielte auch Donald Trump eine unrühmliche Rolle: In ganzseitigen Zeitungsanzeigen forderte er die Todesstrafe für die Jugendlichen. "Ich möchte diese Räuber und Mörder hassen dürfen", schrieb er darin. Nicht zuletzt deshalb erweist sich "When They See Us" – das vor kurzem für 16 Emmys nominiert wurde – aktueller denn je. (Brigitte Theißl, 26.7.2019)