Der Rassismus ist zurück. Seit Donald Trump vier dunkelhäutige Kongressabgeordnete, die ihn kritisierten, aufforderte, dorthin zurückzugehen, wo sie hergekommen seien, ist das Thema in den USA allgegenwärtig. Die einen rufen und posten begeistert "send them back" (obwohl drei der Frauen in Amerika geboren sind). Die anderen sind entsetzt darüber, dass im scheinbar postrassistischen Zeitalter, und keine zwei Jahre nachdem das Land einen schwarzen Präsidenten hatte, ungeniertes öffentliches Anpöbeln von nichtweißen Bürgerinnen wieder möglich ist.

Die Experten sind weniger überrascht. In Wahrheit, sagen sie, war der Rassismus nie weg. Nach einer Umfrage des Senders CNN erklärten gegen Ende der Präsidentschaft Obamas 54 Prozent der Amerikaner, die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen im Lande hätten sich nicht nur nicht verbessert, sondern vielmehr verschlechtert. Neu in der Ära Trump ist etwas anderes: dass Menschen das, was sie schon immer gedacht hatten, nun offen aussprechen.

Seit US-Präsident Donald Trump ist ungeniertes öffentliches Anpöbeln von nichtweißen Bürgerinnen wieder möglich.
Foto: AP Photo/Andrew Harnik

In anderen Ländern beobachtet man Ähnliches. Seit in Italien Matteo Salvini und vor ihm Silvio Berlusconi in der Sprache der Gosse über ihre Gegner herzögen, hätte sich der öffentliche Standard verändert, sagen Einheimische wie Besucher. Gewisse Äußerungen – Gesindel, Pack, Verbrecher – über Migranten und Flüchtlinge seien früher undenkbar gewesen und heute alltäglich. Und auch hierzulande hat sich der Ton in der öffentlichen Auseinandersetzung vergröbert. Eine Vertreterin der Willkommenskultur konnte im Internet lesen, man wünsche ihr, sie solle von zwanzig Negern vergewaltigt werden. Die sozialen Medien haben es geschafft, dass man anonym sagen kann, was man in direkter Rede nicht wagen würde.

Salonfähige Manierenlosigkeit

Das sei ehrlich und ein Protest gegen die politische Korrektheit, meinen manche. Die Leute hätten es satt, sich einer quasi Zensur selbsternannter Eliten beugen zu müssen. Haben sie recht? Ja, es stimmt, politische Korrektheit kann mühsam sein. Viele Menschen finden das Binnen-I nervig und die Bezeichnung "LGBTIQ-Personen" albern. Als der neue Rektor der Wiener Kunstakademie vor kurzem seine Antrittsrede mit den Worten "meine Damen und Herren" begann, protestierte ein Zuhörer: davon fühle er sich nicht angesprochen. Das Publikum reagierte mit Kopfschütteln.

Aber wenn zu viel politische Korrektheit von Übel ist, so ist zu wenig davon entschieden ärger. Es ist wie mit den guten Manieren: etepetete nervt, aber totale Manierenlosigkeit geht gar nicht. Trump und Co sind dabei, unverblümten Rassismus, Sexismus und schlichte Bösartigkeit salonfähig zu machen.

Ein Tabu hat sich zumindest in Österreich freilich bisher gehalten: Öffentlich geäußerter Antisemitismus ist weiterhin ein No-Go. Sogar deklarierte Rechtsextreme würden nicht ohne weiteres "Juden raus" rufen, selbst wenn sie es insgeheim denken. Haben sie aus der Geschichte gelernt? Oder wissen sie inzwischen, dass so etwas trouble bedeutet? Auch wenn das Letztere zutrifft – hoffentlich bleibt es dabei. Jede Gesellschaft braucht Tabus.

Sie gehören zur Zivilisation. Das Gegenteil bedeutet Barbarei. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 24.7.2019)