Barzahlungen erschweren der Datenindustrie das Erstellen individueller Personenprofile.

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Die Liebe der Österreicher zum Bargeld klingt auch im Zeitalter der Digitalisierung kaum ab. Wie eine Untersuchung des Finanzkonzerns ING ergab, kann sich hierzulande nur jeder Zehnte ein Leben ohne Geldscheine und Münzen vorstellen. Selbst unter jungen Menschen im Alter zwischen 18 bis 34 können sich bloß 17 Prozent mit diesem Gedanken anfreunden. Im europäischen Gesamtschnitt sind es hingegen 22 Prozent, die auf Bares verzichten können.

Hinsichtlich Datenschutz und Wahrung der Privatsphäre ist die Haltung der Österreicher durchaus vernünftig, wie eine Untersuchung der Deutschen Bank zeigt. Während einst die Details einer elektronischen Zahlung nur zu deren Durchführung genutzt wurden, sind diese inzwischen selbst zum begehrten Gut geworden. Denn wenn man diese personenbezogenen Daten mit aus anderen Quellen gewonnen Informationen wie sozialen Netzwerken oder datengenerierenden Anwendungen kombiniert, lassen sich darauf identifizierbare Personenprofile erstellen.

Persönliche Datenprofile

"Wer auch immer auf persönliche Datenprofile zugreifen und sie analysieren kann, vermag weitreichende Erkenntnisse über eine Person zu gewinnen", sagt Heike Mai von Deutsche Bank Research. Dem könnten jedoch Bürger, die ihre Privatsphäre schützen wollen, einen Riegel vorschieben – etwa indem sie ihre Zahlungen mit Bargeld tätigen. "Wenn mit Scheinen und Münzen gezahlt wird, wissen nur der Käufer und der Verkäufer über die Einzelheiten des Geschäfts Bescheid", betont Mai. Was in welcher Menge zu welchem Preis, wann, wo und von wem gekauft wird – all dies liefere wertvolle Informationen über eine Person und deren Gewohnheiten.

"Ich habe doch nichts zu verbergen", lautet ein gängiges Argument für einen laxen Umgang mit den eigenen Daten. Für Mai handelt es sich bei dieser Einstellung allerdings um einen weitverbreiteten Trugschluss. Bei Diskussionen, Verhandlungen oder im Wettbewerb sei es ein Vorteil, die Gegenpartei zu kennen – es erhöhe die Chancen, das erwünschte Ergebnis zu erzielen. "Mithilfe der Datenindustrie können interessierte Parteien Erkenntnisse über die persönliche und finanzielle Situation einer bestimmten Person gewinnen", erklärt Mai. "Das kann dem Einzelnen durchaus schaden."

Datenindustrie rüstet auf

Und die Datenindustrie hat in den vergangenen Jahren gewaltig aufgerüstet. Schon länger werden Daten zu einzelnen Personen gesammelt, sei es in Schuldnerregistern, Telefon- oder Grundbüchern. Durch die Digitalisierung habe sich der Umfang der generierten Daten vervielfacht, warnt Mai, und ihre Verarbeitung und Analyse ist einfacher geworden, sodass umfangreiche personenbezogene Profile erstellt werden könnten. "Diese finden Datennutzer offensichtlich so hilfreich, dass sie dafür Geld ausgeben", sagt die Deutsche-Bank-Expertin.

Die steigende Nachfrage nach aussagekräftigen Daten über Kunden oder Wähler kann Mai zufolge nicht nur von großen Onlineplattformen gestillt werden. Vielmehr würden spezialisierte Unternehmen, sogenannten Datenmakler, Informationen aus verschiedenen Online- und Offlinequellen erwerben und kombinieren, um ihren Kunden genau definierte Datensätze zu liefern.

Pseudoanonyme Daten

Der Behauptung vieler Datensammler, dass personenbezogene Daten ja bloß in anonymisierter Form verwendet würden, steht Mai sehr skeptisch gegenüber. Warum? Datenschützer hätten nachgewiesen, dass diese Informationen meist pseudoanonymisiert seien und einzelne Personen daraus identifiziert werden könnten. Ein Beispiel: Unter 1,1 Millionen Kreditkarteninhabern konnten neun von zehn Personen anhand pseudoanonymisierter Datensätze identifiziert werden – allein durch Informationen wie Tag, Zeit und Ort des Einkaufs.

Aber auch Barzahlungen bieten keinen vollständigen Schutz, wenn Käufer andere verwertbare Datenspuren hinterlassen. Etwa indem sie sich vorher online über das Produkt informieren oder einen Kauf in sozialen Medien kommentieren. Theoretisch könnten auch über Sicherheitskameras in Kombination mit Gesichtserkennung Personen identifiziert werden, rein technisch wäre dies bereits möglich.

"Bürger haben ein Recht auf Privatsphäre", betont Mai – und wirft einen weiteren Punkt auf: Personenbezogene Informationen sind zu einem Wirtschaftsgut geworden. Otto Normalverbraucher als Produzent dieser Daten wird dafür aber gar nicht entlohnt. (Alexander Hahn, 25.7.2019)