In den frühen Morgenstunden des 2. August 1919 schoss sich Tibor Szamuely auf dem Lichtenwörther Grenzgendarmerieposten ins Herz. Sein Begleiter Franz Strohschneider – Arbeiterführer, Waffen- und Menschenschmuggler aus Wiener Neustadt –, wurde gerade verhört. Szamuely, nass vom Wasser der Leitha, die beide gerade durchwatet hatten, nahm ein Taschentuch zur Hand, als wolle er sich abwischen. Stattdessen schoss er sich mit der darin verborgenen Steyr Pieper 6,35 mm in die Brust.

Noch war ein bisschen Leben in ihm, wie der herbeigerufene Gemeindearzt feststellte. Man packte also den Schwerverletzten ins Automobil und brachte ihn eilig ins nahe Wiener Neustädter Kriegsspital, wo dann allerdings nur noch der Tod festgestellt werden konnte. Tibor Szamuely ist 28 Jahre alt geworden. Es war eine Zeit, da starben die Männer jung.

Szamuely wurde schließlich außerhalb des Friedhofs des Kurorts Sauerbrunn begraben.
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Szamuely war, wie viele andere k. u. k. Soldaten auch, in der russischen Kriegsgefangenschaft zum Kommunisten geworden. Nach der Oktoberrevolution 1917 entwickelte sich der Eifrige, ja Eifernde, sogar zu einem Vertrauten Lenins. Von ihm hat er dann auch das Konzept des Roten Terrors entliehen, das seinerseits der Mords-Strenge der französischen Jakobiner nachgebildet war. Und tatsächlich mutierte Szamuely innerhalb jener kurzen Zeit, in der Ungarn von Arbeiter- und Soldatenräten regiert wurde, zu einem pannonischen Robespierre.

Pannonischer Robespierre

133 Tage lang, vom 21. März 1919 an, hatte er sich einen diesbezüglich so tadellosen Ruf erarbeitet, dass selbst Karl Kraus ihn als Metapher nutzen konnte. Noch 1920 verhöhnte er den expressionistischen Dichter Georg Kulka, er verhalte sich zur Sprache "ungefähr wie der Szamuely zum Leben".

Tibor Szamuely war ein Bluthund in einer Zeit, die freilich ohnehin schon aus den Fugen geraten war. In Ungarn – das immer noch keinen Frieden fand – noch mehr als diesseits der Leitha. Mit dem Segen der Sieger rissen sich die Nachbarn große Brocken aus dem Ungarland, das an drei Fronten vier Gegnern gegenüberstand: den Tschechen, den Rumänen, den Jugoslawen und den mit ihnen allen verbündeten Franzosen. Am 21. März 1919 – an diesem Tag wurde klar, dass die Demarkationslinien des Waffenstillstandes sich zu definitiven Grenzen verfestigen werden – trat die bürgerliche Regierung zurück.

Aus purer Verzweiflung und ohne jede Gewaltaktion gelangte eine Volksfrontregierung an die Macht, wo sie sich hielt bis zum 1. August, als die Front an der Theiß endgültig zusammenbrach. Formal stand dieser Regierung der Sozialdemokrat Sándor Garbai vor. Erinnert wird sie allerdings bis heute als die des Kommunisten Béla Kun. Und Tibor Szamuely war der Henker, der mit seinen Lenin-fiúk, den Lenin-Buben, den "vörösterror" – die kommunistische Version der Lehren des Maximilien de Robespierre von den Wohltaten der Guillotine – durchs Ungarland trug. Wie vielen diese Wohltat zuteilgeworden ist, bleibt ungewiss. Zwischen 500 und 600 wird geschätzt. Nicht nur in Deutsch-Westungarn. Aber hier natürlich auch. Und wie.

Anton Szemeliker, der Pfarrer von Sopronkeresztúr/Deutschkreutz war zum Beispiel ein Opfer. In Csorna/Gschirnau hingen gleich acht Aufständische; darunter ein gewisser Franz Glaser, ein gewesener Oberleutnant, dem Szamuely das rechte Auge ausstechen hat lassen, mit den kolportierten Worten: "Du kannst mit dem linken Auge nun genug sehen, um zuzuschauen, wie die andern sieben vor dir gehängt werden, denn du kommst als Letzter daran!"

In Sopronkövesd/Gissing fuhr er zwischen streikende Eisenbahner, henkte nicht nur den Stationsvorsteher Matthias Schmid, sondern gleich auch dessen zufällig anwesenden Sohn. "Wenn es ans Sterben geht", hatte Szamuely schon am 20. April seinen Buben verkündigt, "soll zuerst der Bourgeois sterben."

Tibor Szamuely, ungarischer Robespierre, schoss sich am 2. August 1919 ins Herz.

Nun, am 1. August 1919, war die Reihe an ihm. Übers Waldheim – ein Ausflugsgasthaus, das direkt an der Straße von Savanyúkút/Sauerbrunn nach Lajtaszentmiklós/Neudörfl liegt, aber schon drüben in Österreich, das hier sich tief ins Ungarische schiebt wie ein Hemdzipfel – suchte er das Weite. Durch den stockdunklen Zillingtaler Wald ging es, geführt von Franz Strohschneider, bis hinunter zur Leitha.

Mittlerweile aber hat sich die Nachricht vom Sturz der Räte bis Wiener Neustadt durchgesprochen. Schon warteten ja Béla Kun und die Seinen im Eisenbahnzug in Királyhida/Bruckneudorf auf die Einreise nach Österreich, das signalisiert hatte, dass zwar er Asyl finden werde – aber sicher nicht Tibor Szamuely. Der versuchte mit neuer Identität die Flucht.

Ein persönliches Geschenk Lenins

Nachdem die Leiche fotografiert und seine Habseligkeiten sichergestellt worden waren – reichlich Geld, ein ukrainischer Pass auf den Namen Josef Krause und goldene Manschettenknöpfe, ein persönliches Geschenk Lenins -, erhob sich die Frage, wo Tibor Szamuely seine letzte Ruhe finden werde. Die israelitische Kultusgemeinde in Wiener Neustadt winkte ab. "Der Kultusvorsteher, Herr Adolf Mayer, erklärte", so die Wiener Neustädter Nachrichten, "dass es die Gemeinde als Schändung des Friedhofes betrachten würde, einem Szamuely eine Ruhestätte zu gewähren."

So sahen es auch die ungarischen Sauerbrunner, die geistlich im orthodoxen Mattersdorf zuständig waren. Rabbi Ehrenfeld, selber wohl schon als Reaktionär im Visier, hat den Pfarrer Szemeliker gut gekannt.

Das Prager Tagblatt schrieb am 26. Mai 1923, rückschauend näher an der Wahrheit als an der Wirklichkeit: "Die Österreicher warfen die Leiche über die Grenze nach Ungarn. Als man hier erfuhr, dass es der Leichnam Szamuelys sei, wollten ihn auch die Ungarn nicht und warfen ihn über die Grenze den Österreichern zurück. Dies wiederholte sich vier- bis fünfmal, bis sich das Match zugunsten der Österreicher entschied und Tibor Szamuely in der Nähe von Sauerbrunn auf ungarischem Gebiet begraben wurde."

Man begrub den Gottseibeiuns schließlich außerhalb des Sauerbrunner Friedhofs, direkt an der Mauer. Aber auch dort war kein Bleiben. Ein penibler ungarischer Polizeibericht vom 22. August 1919 vermerkt, dass "die Bevölkerung von Sauerbrunn und den umliegenden Dörfern ohne Ende drohte, dass sie Szamuelys Leiche nicht unter sich dulden und ihn von Hunden zerreißen lassen würden." Also wurde der Leichnam in der Nacht auf den 3. August exhumiert. Im Lahmenwald – einem Waldstück zwischen Sauerbrunn und Pöttsching, wo sich einst auch der Schindanger befand – fand er dann an einem geheimen Ort die letzte Ruhe.

Die lästige Witwe

Oder auch nicht. Denn Szamuelys Witwe, die Künstlerin Jolán Szilágyi, ließ ihrem lieben Toten jene Ruhe, die offenbar auch er ihr nicht gab, nicht. Bis in die 1960er-Jahre hinein drängte sie die Genossen – seit 1948 regierten die ja wieder in Budapest -, den Helden des Proletariats endlich nach Hause zu bringen.

Das Burgenland, österreichisch seit dem Dezember 1921, war Teil der sowjetischen Besatzungszone. Komischerweise wurde die Suche nach dem Grab des Tibor Szamuely erst danach intensiviert. Ende Jänner 1956 vermeldete das kommunistische Freie Burgenland: "Die Gebeine des führenden ungarischen Kommunisten wurden nach Budapest gebracht, wo sie mit allen Ehren beigesetzt werden sollen."

Nun ja: Alles deutet darauf hin, dass man bloß die lästige Witwe abspeisen wollte. Ausgegraben wurde nämlich ein Römergrab – die Gegend zwischen Pöttsching, Sigless und Mattersburg ist reicher archäologischer Boden -, das man der dabei anwesenden Witwe als Gattengrab verkaufte. Dass ihm ein römischer Grabstein auf der Brust gelegen ist – der sich unter der Inventarnummer 29.448 im burgenländischen Landesmuseum findet -, erklärte man ihr als Schutz vorm Wildfraß.

Die Zweifel nagten freilich weiter, die Gattin blieb lästig. Noch im Mai 1961 wurde ihr in einem Brief vorsichtig erklärt, dass die Österreicher den Standpunkt verträten, "dass sie die Leiche schon einmal exhumiert hätten und wir darin damals den Genossen Szamuely erkannt hätten". Auch den mittlerweile unabhängigen Österreichern ging die Frau Tibor Szamuely – rührend traditionell nannte sie sich stets Szamuely Tiborné – auf die Nerven.

Joseph Roth als Reporter

Kurz nach dem Tod des Tibor Szamuely – am 3. oder 4. August 1919 muss das gewesen sein – kam Joseph Roth nach Sauerbrunn. Er bereiste im Auftrag der Wiener Zeitung Der Neue Tag das noch unbekannte Westungarn. Vorsicht, Skepsis, ja Angst schlug dem jungen Reporter entgegen. "Nun konnte ich – wer weiß – ein Spitzel, ein Spion, gar ein Bruder Szamuelys sein", heißt es in der am 8. August erschienenen Reportage.

Erst der "Leiter des Sanatoriums, Dr. K.", verhalf Roth zu einem Nachtquartier. Dieser Dr. K., das war jener Dr. János Grimm, der mit dabei gewesen ist, als man Tibor Szamuely klammheimlich im Lahmenwald verscharrt hat. "Sauerbrunn", resümierte Roth, "war früher nur ein Kurort. Jetzt ist es historisch: Szamuely liegt hier begraben, der große Mörder Tibor Szamuely."

Der freilich war erst der Auftakt zur Blutrunst des 20. Jahrhunderts. Vielleicht ist er deshalb mittlerweile so weitgehend vergessen. Weil alle, die nach ihm gekommen sind, den Tibor Szamuely noch weit, weit in den Schatten gestellt haben. (Wolfgang Weisgram, Album, 28.7.2019)