Martin Selmayr wechselt nach Wien.

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Wien gilt unter Diplomaten und Geheimdienstlern als eine besondere Destination im Laufe einer Beamtenkarriere. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat die Bundeshauptstadt mit UN-Sitz zwar an Bedeutung verloren. Sie ist beliebter Kongressort. Aber die ganz große Politik ist in Washington, Moskau, Brüssel, Paris oder London zu Hause. Die Lebensqualität an der Donau ist jedoch hoch, stressfrei, das Kulturprogramm ausgezeichnet. Botschafter denken oft wehmütig zurück, wenn sie von ihrer "schönen Zeit" in Wien erzählen.

Daher sorgte am Mittwoch in diplomatischen Kreisen eine Meldung für Erstaunen, wonach das Kollegium der EU-Kommission beschlossen habe, den Generalsekretär der Zentralbehörde, Martin Selmayr, ab November als Leiter der Vertretung nach Wien zu schicken. Der 48-jährige Deutsche war 2014 nicht nur Wahlkampfleiter von Jean-Claude Juncker, sondern, als dieser Kommissionspräsident geworden war, dessen Kabinettschef, enger Vertrauter, ein Mann mit viel Einfluss.

2018 stieg er unter umstrittenen Umständen zum Generalsekretär auf, zum höchsten Beamten der Kommission, Chef von 30.000 Mitarbeitern. Diese Beförderung hatte Juncker eine Rüge des EU-Parlaments eingetragen, weil Regelungen exzessiv gebogen wurden. So musste Selmayr binnen weniger Stunden zuerst zum Vize-GD befördert werden, um dann nach ganz oben durchgereicht zu werden, durch "freiwilligen" Rücktritt seines Vorgängers untermalt.

Kurz und gut: Selmayr galt wegen seines Hanges, politische Seilschaften (bei den Christdemokraten) zu nutzen, brutal selbst Karriere zu machen (und die anderer zu beenden), bald als Problembär in der Kommission. Er hatte wenige Freunde, war gefürchtet, aber auch respektiert, weil er sich als dreisprachiger Europarechtler als politisch durchschlagskräftiges "Monster" für den Präsidenten erwies, wie dieser selbst ihn ironisch nannte.

"Ein Leben" für Junckers "Monster"

All das sorgt nun seit Tagen für viele Gerüchte und Tratsch, wie und warum ein solcher Spitzenmann ausgerechnet nach Wien wechselt. Eine Anfrage des STANDARD ließ er selbst unbeantwortet. Der Plattform "Politico", wo er kurz vor der Wahl der Juncker-Nachfolgerin Ursula von der Leyen im EU-Parlament vor zehn Tagen selber angekündigt hatte, dass er ausscheiden werde, es ihn "nach Österreich zieht", verriet er: Nach 15 Jahren harter Arbeit in Brüssel (vor Juncker bei EU-Kommissarin Viviane Reding) wolle er endlich "ein Leben haben".

Das würde auf Wien passen. Als Deutscher hätte er neben der Deutschen von der Leyen kaum "GD" bleiben können. "Das ist ein Abstieg, weit unter seinem Rang", befand ein Kollege. Es sei auch zu kritisieren, wie da ohne Ausschreibung agiert werde. Um seine Rochade zu ermöglichen, musste Selmayr ein Österreich-Karussell in Bewegung setzen.

Das Karussell dreht sich

Damit Wien frei wird, muss der bisherige EU-Botschafter Jörg Wojahn überraschend als Vertreter der Kommission nach Berlin wechseln. Dort "saß" natürlich auch jemand, Richard Kühnel. Er war 2004 über das Kabinett der Ex-EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner in die Dienste der Kommission getreten, bis 2014 Wojahns Vorgänger in Wien. Sein Wechsel von Berlin nach Brüssel ist ein Aufstieg: Kühnel wird Direktor der Abteilung "Repräsentanz und Kommunikation in den Mitgliedstaaten" in der Kommission. Sie ist für Vertretungen in Hauptstädten zuständig.

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Was manche in Brüssel kurios finden: Er ist damit der Vorgesetzte nicht nur von Wojahn, sondern auch von seinem früheren Oberchef Selmayr. Was auf dessen Salär in Wien keine Auswirkung haben wird. Er bleibt als Beamter bezügemäßig mit rund 17.000 Euro pro Monat an der Spitze – in Wien quasi Ministerrang. (Thomas Mayer aus Brüssel, 27.7.2019)