Ein STANDARD-Erklärvideo zu Pronomen abseits von "er" und "sie" und über einen respektvollen sprachlichen Umgang mit Queer-Identitäten.
DER STANDARD

Als die Musikerin Mavi Phoenix den Beitrag auf Instagram teilt, weiß sie, dass ihr Leben von nun an ganz anders verlaufen könnte. "Es fühlt sich komisch an, das hier zu posten. Ich habe Angst, und ich fühle mich noch nicht bereit, aber gleichzeitig will ich keine weitere Minute damit mehr verschwenden, nicht ich selbst sein zu können ...", schreibt sie Mitte Juli.

In Mavi Phoenix' Pass steht, dass sie Marlene Nader heißt, 1995 in Linz geboren wurde und weiblich ist. Letzteres stellt Mavi jetzt allerdings selbst infrage. Das ihr bei der Geburt zugewiesene Geschlecht stimmt für Mavi nicht. Seit ihrer Kindheit leidet Mavi an einer sogenannten Geschlechtsidentitätsstörung.

Mavi stellt nicht klar, welches Geschlecht sie leben will, nur dass sie eben keine Cis-Frau ist (dieser und weitere Begriffe werden unten erklärt). Was Mavi als eine Reise zum Ich beschreibt, ist die Suche nach einer Geschlechtsidentität. Solange diese Reise nicht beendet ist, dürfe man für sie jedes Personalpronomen benutzen. Und davon gibt es mehr als zwei.

Wenige wissen, dass Sprache auch bei Einzelpersonen genderneutral sein kann. Dafür gibt es mehrere Kniffe, die nicht alle gleich gut für jede Person funktionieren. "Er*sie", "they" und "hen" sind die gängigeren.

Es gibt mehr als zwei Personalpronomen?

Besonders im persönlichen Kontakt oder bei Rückbezügen wollen wir uns allerdings meistens für ein Pronomen entscheiden und rutschen zurück in eine binäre Einteilung in "er" und "sie". Wo ist das nächste Konzert von Mavi? "Die" spielt am 18. November in der Arena in Wien. Sehr geehrte Frau Phoenix ...

"Was wünschen die Damen?" – wenn wir Menschen, die wir nicht kennen, ansprechen oder über sie reden, urteilen wir bei der Wahl von Pronomen und Anrede oft nach dem Aussehen, wir "lesen" das Geschlecht. Dabei können wir uns auch verlesen. Besonders für Transmenschen kann das eine schmerzliche Erfahrung sein.

Faris ist nichtbinär, und welches Pronomen sich für ihn oder sie richtig anfühlt, hängt auch vom Kontext ab. Was aber immer passt, ist das englische "they". Tinou ist intergeschlechtlich und benutzt für sich kein Pronomen.
Foto: Maria von Usslar

In queerfeministischen Kreisen hat sich daher bei Vorstellungsrunden etabliert, das Pronomen mitanzugeben, auch Mail-Signaturen oder Twitter-Handles enthalten inzwischen manchmal das gewählte Pronomen. Wenn sich Tinou vorstellt, sagt Tinou auch, dass die Anwesenden über Tinou mit Tinous Namen sprechen sollen, wenn über Tinou in der dritten Person gesprochen wird. Tinou ist nämlich intergeschlechtlich, also weder ein Er noch eine Sie. Sollte ein Rückbezug (Anapher) nötig sein, ist Tinou auch mit "dier" einverstanden: Tinou, dier Inter-Aktivist*in ist.

Wortneuschöpfungen für genderneutrale Pronomen

Dass dabei ziemlich oft Tinous Name genannt werden muss, ist Tinou dennoch lieber als komplizierte Neologismen wie etwa das schwedische "hen" oder das davon abgeleitete "en", das 2018 beim österreichischen LGBTIQA+-Kongress erarbeitet wurde, aber noch nicht gängig ist. " Im Gegensatz zu Tinou leben allerdings viele Interpersonen als Frauen und Männer und wollen auch so angesprochen werden.

Transfrau Paria und Interfrau Jules benutzen das Personalpronomen "sie".
Foto: Maria von Usslar

Das Conchita-Wurst-Phänomen

Wenn Menschen mit der Geschlechterdiversität überfordert sind, wird nicht selten Conchita Wurst als Beispiel herangezogen, um der eigenen Verwirrung einen Namen zu geben. "Der, die, das Wurst" hieß es auch neulich im STANDARD. Was vielen unklar ist: Der Sänger Tom Neuwirth ist ein homosexueller Cis-Mann, der seiner künstlerischen Persona Lippenstift, Perücke und High Heels verpasst. Man nennt das Drag oder Gender-Bender.

Mit dem Fokus auf "Wurst" in Conchita Wurst, den Neuwirth seit einem Jahr darauf legt, wird auch deutlich, dass seine Persona inzwischen ein männliches Pronomen verlangt. Neuwirth selbst ist es leid, dass Trans- und Interpersonen seinetwegen in Erklärungsnot geraten. Denn während er als Conchita oder Wurst die Freiheit hat, sein Geschlecht zu wählen und sogar zu überzeichnen, sind andere Queer-Identitäten auch im Alltag mit einer Geschlechterordnung konfrontiert, in die sie nicht hineinpassen.

Dennoch eignet sich die Figur Conchita, um ein Prinzip des geschlechtergerechten Umgangs zu klären. Das ersetzt allerdings nicht das Nachfragen.

Achte auf den von der Person gewählten Namen. Ist dieser weiblich konnotiert wie Conchita, will die Person vermutlich nicht als Mann, sondern als Frau oder nichtbinär gelesen werden. Viele Trans- oder Interpersonen wählen allerdings einen neutralen Namen wie etwa Alex Jürgen. Alex hat übrigens erreicht, dass der Verfassungsgerichtshof vor einem Jahr entschieden hat, dass amtliche Dokumente einen dritten Geschlechtseintrag akzeptieren müssen. In der Geburtsurkunde kann nun etwa "divers" oder "offen" angegeben werden.

Mehr Intergeschlechtliche als Menschen mit Doktortitel

Bis zu 1,7 Prozent der Weltbevölkerung sind schätzungsweise intergeschlechtlich, und in Österreich werden vermutlich jährlich 50 intergeschlechtliche Babys geboren. Der Vergleich mit der Anzahl an Doktortiteln zeigt, dass selbst eine kleine Gruppe Menschen eine eigene Anredeform erwirken kann. In Österreich trägt nämlich gerade einmal ein Prozent diesen Titel (OECD, 2015). (Maria von Usslar, 26.11.2019)