Alexej Nawalny in einer Polizeistation in Moskau.

Foto: AP/Navalny

Während am Sonntagmorgen noch über 150 Anhänger der Opposition die Arrestzellen der Moskauer Polizei bevölkerten, durfte der bekannte Kremlkritiker Alexej Nawalny seine Zelle räumen. Grund war allerdings keine plötzliche Amnestie, sondern eine jähe Verschlechterung seines Gesundheitszustands. Der 43-Jährige klagte über schneidende Augenschmerzen und Hautjucken. Es wurden ein vermehrter Schleimfluss in den Augen und zahlreiche Hautrötungen festgestellt. Daher wurde Nawalny schließlich unter polizeilicher Aufsicht in das Krankenhaus Nummer 64 im Süden Moskaus verbracht.

Dort diagnostizierte der diensthabende Allgemeinarzt eine "allgemeine allergische Reaktion des angioneurotischen Ödemtyps Nesselsucht", berichtete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf einen der Krankenhausärzte. Darüber hinaus sei Nawalny auch zum Allergologen geschickt worden, der eine "Kontaktdermatitis im Gesichtsbereich und ein Angioödem im Augenbereich" feststellte. Mit anderen Worten: eine Haut- und Augenreizung, hervorgerufen durch den Kontakt mit einem Fremdstoff. Der Zustand Nawalnys wird als "zufriedenstellend" beschrieben. Der Patient sei auf dem Weg der Besserung. Mittlerweile wurde Nawalny wieder aus dem Krankenhaus entlassen und wieder ins Gefängnis gebracht worden.

Vorwürfe

Nawalnys Hausärztin Anastasija Wassiljewa hingegen hat schwere Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. Nach Bekanntwerden der Gesundheitsprobleme hatte sie versucht, Nawalny zu besuchen. Ihr wurde allerdings eine ausführliche Diagnose verwehrt. Sie habe ihn nur kurz zu Gesicht bekommen und sei dann mit dem Verweis, Nawalny stehe unter Arrest, vor die Tür gesetzt worden. Sie habe die Befragung "durch die Tür" durchführen müssen, was "wirklich absurd" sei, klagte sie.

Dennoch meint Wassiljewa, dass Nawalnys Symptome einer "akuten toxischen Keratoconjunctivitis sicca" (KCS) entsprächen. KCS ist eine Augenkrankheit, bei der Horn- und Bindehaut entzündet sind und zu wenig Tränenflüssigkeit bekommen. Den Verdacht, dass diese Entzündung durch ein Gift hervorgerufen worden sei, begründete Wassiljewa mit einer Reihe von "Eigentümlichkeiten" und dem "inadäquaten Verhalten der Verantwortlichen".

Nawalny meldet sich zu Wort

Auch Alexej Nawalny schließt in seinem Blog nicht aus, im Gefängnis vergiftet worden zu sein. Dafür könnte sich jemand während seiner Abwesenheit in seine Zelle geschlichen haben, schrieb Nawalny am Montag. Der 43-Jährige wurde nach Angaben seiner Ärztin inzwischen wieder ins Gefängnis gebracht. Nawalny wies die zunächst von den Behörden vorgebrachte Erklärung zurück, er sei am Sonntag wegen einer "schweren allergischen Reaktion" behandelt worden: "Ich hatte nie eine Allergie." Demnach hätten ihn zuerst Mithäftlinge auf seinen roten Hals aufmerksam gemacht. Eine Stunde später habe er bereits ein Brennen im Gesicht gespürt.

Während der Nacht sei er vor Schmerzen aufgewacht und habe erstmals ein eine mögliche Vergiftung gedacht, schrieb Nawalny weiter. Im Krankenhaus hätten sich die Ärzte verhalten, "als ob sie etwas verbergen müssten". Die Gefängniswächter vermutet Nawalny jedoch nicht hinter dem Vorfall, da diese "noch schockierter" als er über sein Aussehen gewesen seien.

Schwellungen und Hautreizungen

So hätten die Gefängnismitarbeiter weder den Verwandten noch den Anwälten Nawalnys dessen Gesundheitszustand mitgeteilt. Im Krankenhaus habe auch der Patient selbst seine Diagnose nicht erfahren, die stattdessen an eine Nachrichtenagentur nach außen weitergegeben wurde. Unabhängige Ärzte seien nicht zur Untersuchung zugelassen worden. Da Nawalny nicht allergisch sei, hätten die Ärzte sofort eine toxikologische Untersuchung durchführen müssen, um die Ursachen der Schwellungen und Hautreizungen zu ergründen. Das sei nicht geschehen.

Wassiljewa beklagte in dem Zusammenhang, dass die Chefärztin des Krankenhauses für die Kremlpartei Einiges Russland in der Stadtduma sitze – ebenjenem Organ, um dessen Wahl es jetzt Proteste gibt. Allerdings ist Wassiljewa selbst ebenfalls nicht politisch unabhängig. Sie steht Nawalnys "Fonds zum Kampf gegen Korruption" nahe, für den sie schon mehrfach Reportagen über Missstände in Krankenhäusern gemacht hat.

Haaranalyse

Die dem kremlnahen Oligarchen Jewgeni Prigoschin (der unter anderem die Söldnereinheit Wagner finanziert) zugerechnete Nachrichtenagentur FAN konterte die Vorwürfe Wassiljewas bereits mit dem Kommentar eines Krankenhausarztes. Dieser erklärte, Nawalny sei bestimmt nicht vergiftet worden, sondern leide eher an Verfolgungswahn.

Der Skandal dürfte bereits in Kürze in die nächste Runde gehen: Wassiljewa teilte nämlich am Montag mit, dass sie ein Hemd und Haare Nawalnys bekommen habe und diese zur Analyse geben werde. Endgültigen Aufschluss dürften diese Resultate wohl kaum geben. Stattdessen bieten sie Anlass zu neuem Streit. Wird ein Gift gefunden, dürfte das Resultat von Behörden und staatlichen Medien angezweifelt werden. Wird keines gefunden, werden Nawalnys Anhänger darauf plädieren, dass die Analysen früher hätten durchgeführt werden müssen, um Spuren zu sichern.

In der Vergangenheit hatten übrigens Kremlgegner mehrfach mit Vergiftungserscheinungen zu kämpfen. Der bekannteste Fall ist der des übergelaufenen FSB-Agenten Alexander Litwinenko, der 2006 an einer Polonium-Vergiftung starb und auf dem Totenbett Kremlchef Wladimir Putin anklagte. Zuletzt hatte der Fall Skripal die Beziehungen zwischen Moskau und London vergiftet. In beiden Fällen weist Moskau jede Schuld von sich. (red, André Ballin aus Moskau, 29.7.2019)