Jim Hopper (David Harbour) mit Joyce Byers (Winona Ryder).
Foto: AP/Courtesy Netflix

"Stranger Things" ist die Serie des Sommers. Die dritte Staffel der Netflix-Serie ist seit Anfang Juli abrufbar und huldigt mehr denn je den Kulturtechniken und der Mode der 1980er-Jahre. Neben Nostalgietriggern wie Zopfband, Kassettenrecorder, Shirts mit Fledermausärmeln und Dauerwellen gibt es auch Erinnerungen an die einen oder anderen gesellschaftspolitischen Rückstände. So erlebt die Protagonistin Nancy Wheeler in ihrem ersten Job in der Redaktion der "The Hawkins Post" unverhohlenen Sexismus. Sie wird von der rein männlich besetzten Redaktion zur Kellnerin degradiert, und ihre Vorschläge zu einer Story bieten den Redakteuren Vorlagen für dumme Witze, die mit lautem Grölen quittiert werden. Und Steve Harrington braucht – damals in den 1980er-Jahren – sehr lange, bis er zu begreifen scheint, dass seine Kollegin Robin Buckley lesbisch ist. Und dann ist da noch Billy Hargrove, dessen Machoverhalten und Brutalität als Männlichkeit von gestern inszeniert werden.

Toxisch, aber normal

Die Serie problematisiert also durchaus Sexismus und alte Männlichkeitsideale. Doch gleichzeitig stellt sie bei einem anderen und sehr wichtigen Protagonisten toxische Männlichkeit als normales Verhalten dar. Den Fans der Serie dürfte aufgefallen sein: Jim Hopper wurde in der dritten Staffel ziemlich brutal. Hopper war zwar auch in den vorangehenden Staffeln keiner, der sein Herz auf der Zunge trägt. Er war emotional verstockt, aber insgesamt wurde er als netter Typ aufgebaut. Zumindest bis auf eine Kampfszene mit seiner Ziehtochter und Star der Serie Elfie. Eine Szene, die kritisiert wurde.

In Staffel drei gehört allerdings zu diesem insgesamt netten Typen auch missbräuchliches und brutales Verhalten – und das wird von den anderen Protagonisten einfach hingenommen. So würde Gewalttätigkeit als normaler Teil einer männlichen Identität inszeniert, schreibt etwa "Bitch Magazine", das US-amerikanische Magazin für Popkultur und Feminismus. (Ab hier: Spoilerwarnung!)

Datete niemals Typen wie diese

Da wäre etwa sein Umgang mit der noch jungen Liebe zwischen Elfie und Mike. Erst versucht ihn seine Freundin Joyce dazu zu bringen, mit den beiden einfach in aller Ruhe "über Grenzen zu reden" anstatt auszurasten. Das Ganze endet jedoch darin, dass Jim seiner Wut letztlich doch erliegt und dem Teenager Mike Angst macht, damit er Elfie meidet. Ein Vater, der seine Macht ausnützt, um seine Tochter zu kontrollieren, heißt es im "Bitch Magazine" – und nichts in dem Plot lasse darauf schließen, dass das nicht okay sei. Ein anderes Beispiel: Als Jim mit seiner bisher heimlichen Liebe Joyce verabredet ist, diese aber das Date wegen einer dringenden Recherche beim hiesigen Physiklehrer vergisst – sie ahnt, das Monster ist wieder da –, explodiert er wieder. Sie würde das alles nur erfinden, um sich ihn vom Leib zu halten, tobt er. Auch Joyce findet nichts an seiner rasenden Eifersucht und dass er ihr keine Sekunde Glauben schenkt.

"Du solltest niemals einen Typen wie diesen Cop in 'Stranger Things 3' daten", schrieb die Schauspielerin Evan Rachel Wood auf Twitter. Extrem eifersüchtig und gewalttätig – das müsse im TV nicht sein, schreibt sie. "Das ist ein fiktionaler Charakter aus den 1980er-Jahren", wendet ein User ein. Doch das sei laut "Bitch Magazine" nicht das Problem, sondern die Einbettung der toxischen Männlichkeit, die zwar bei Billy als solche erkannt wird – während sie bei Jim entschuldigt und ignoriert wird.

Doch beide Figuren, sowohl Billy als auch Jim, bedrohen Kinder und sind physisch gewalttätig. Dass dies bei Billy auch als Gewalt mit den entsprechenden Reaktionen darauf in seinem Umfeld dargestellt wird, während es bei Jim verniedlicht wird, würde die Idee festigen, nur Bösewichte seien gewalttätig. Dass auch gute Menschen wie Hopper gewalttätig sein können, dieses Verständnis würde hier fehlen.

Letztendlich scheint es aber auch bei Jim zu klappen, sich anders Ausdruck zu verleihen:

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(Beate Hausbichler, 30.7.2019)