Kamala Harris macht Wahlkampf.

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"Go easy on me, kid." Joe Biden dachte wohl, dass sein Mikro noch nicht eingeschalten ist. Mit der mit gutem Willen als großväterlich einzustufenden Aufforderung meinte er die 54-jährige (!) Kamala Harris, Senatorin Kaliforniens. Die Social-Media-Kanäle kochten über.

Beim Schlagabtausch der demokratischen Kandidaten vor einem Monat hat die als moderat eingestufte Harris dem Favoriten besonders zugesetzt. Sie hat ihm vorgeworfen, in den Siebzigerjahren gegen Maßnahmen gestimmt zu haben, die die Rassentrennung in Schulen beenden sollten. Biden kam ins Schwimmen, Harris schoss in den Umfragen nach oben. Innerhalb der nächsten 24 Stunden soll sie um zwei Millionen Dollar an Spenden und um etliche Mitarbeiter für ihr Wahlkampfteam reicher geworden sein. Als "weiblicher Obama" wurde sie in den Medien inszeniert.

Am Mittwochabend trafen sie also wieder aufeinander, aber die charismatische Harris hatte diesmal einen deutlich schwereren Stand. Zwar konnte sie sich wieder gekonnt als Kämpferin gegen strukturellen Rassismus positionieren, aber auch sie stand unter Beschuss. Sie habe als Justizministerin und Generalstaatsanwältin Kaliforniens (2011 bis 2017) eine allzu harte Linie vertreten.

Progressive Kandidatin

Tatsächlich gibt sich Kamala Harris, Tochter einer indischstämmigen Wissenschafterin und eines Wirtschaftsprofessors aus Jamaika, mittlerweile reuig, was ihre harten Entscheidungen aus ihrer Vergangenheit betrifft. Es sei zum Beispiel ein Fehler gewesen, die Abschiebung von zahlreichen Jugendlichen, die illegal in den USA waren, unterstützt zu haben.

Im Wahlkampf positioniert sie sich lieber als progressive Vertreterin der Demokraten, liebäugelt manchmal auch mit dem linken Flügel. Sie wirbt für ein bedingungsloses Grundeinkommen, für die Erhöhung des Mindestlohns auf Bundesebene, unterstützte den "Green New Deal" der jungen Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, spricht sich für die Legalisierung von Marihuana aus. Aktuell liegt sie in Umfragen bei etwa elf Prozent in der demokratischen Vorwahl, im direkten Duell mit Donald Trump könnte sie den amtierenden Präsidenten knapp nicht schlagen.

Dabei war die wiederverheiratete Mutter von zwei Kindern bei Wahlen bisher immer diejenige, die ihre Konkurrenz hinter sich ließ. Die Wahlen zur Attorney General von Kalifornien im Jahr 2010 gewann die in Oakland geborene und teilweise in Kanada aufgewachsene Harris gegen ihren republikanischen Gegner mit nur 0,8 Prozentpunkten Vorsprung. Die Senatswahl entscheid sie 2016 jedoch klar für sich.

Ende 2014, nachdem US-Justizminister Eric Holder seinen Rücktritt angekündigt hatte, sah es auch kurz so aus, als würde Harris, die drei akademische Abschlüsse hat, nach Washington wechseln. Zum Zug kam dann allerdings Loretta Lynch.

Spendenrekord

Die Chancen dafür, dass sie 2020 tatsächlich als erste Präsidentin der USA nach Washington wechselt, sind gering. Auch wenn sie nach Bekanntgabe ihrer Präsidentschaftskandidatur binnen weniger Stunden 1,5 Millionen Dollar an Micro-Donations (Kleinspenden) einsammeln konnte – ein Rekordwert, den bisher nur Bernie Sanders während seiner Kandidatur im Jahr 2016 erreichen konnte. (Manuela Honsig-Erlenburg, 1.8.2019)