Das Final Four der Nations League war die jüngste Saisonverlängerungsaktion. Der Engländer Ben Chilwell ging im Semifinale zu Boden, immerhin verletzte er sich nicht gröber.

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Pep Guardiola macht sich Sorgen. "Es ist ein verrückter Spielplan, und er wird unsere Spieler töten", sagte der Katalane vergangene Woche. Der Hohepriester des modernen Fußballs, dieser Philosoph, der das schöne Spiel perfektionieren will, er fürchtet um den Sport, der sein Leben ist. "Wir können das nicht für längere Zeit aufrechterhalten", sagte Guardiola. Ein am Donnerstag veröffentlichter 40-seitiger Bericht der internationalen Spielergewerkschaft Fifpro nimmt die Steilvorlage des Meistertrainers von Manchester City auf und fordert Maßnahmen zur Entlastung der Spieler.

Die Gewerkschaft warnt vor einer Überbelastung der Topspieler. Als Beispiel dient Heung-min Son von Tottenham. Der Südkoreaner brachte in der vergangenen Saison 78 Spiele und 110.000 Flugkilometer hinter sich. Bei ihm kommt viel zusammen: die Knochenmühle Premier League, dazu im Sommer die Asienspiele und im Winter die Asienmeisterschaft.

Auch Klopp sorgt sich

Nicht nur Son ist überspielt, die Spieler sämtlicher Topteams gehen an und über ihre Grenzen. "Wenn wir nicht lernen, besser mit unseren Spielern umzugehen, töten wir dieses wunderschöne Spiel", sagte Liverpools Trainer Jürgen Klopp im Mai.

Auch Jürgen Klopp sieht den Spielplan kritisch.
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Die Fifpro, die 65.000 Kicker repräsentiert, gibt acht "Empfehlungen" ab: Mindestpausen von vier Wochen im Sommer und zwei Wochen im Winter, ein Limit für sogenannte englische Wochen mit einem zusätzlichen Spiel unter der Woche, mehr Rücksicht auf individuelle Spieler, mehr Ruhe nach Langstreckenreisen, ein Frühwarnsystem für Überlastung und einen Stopp für zusätzliche Spiele, bis einige dieser Mechanismen umgesetzt sind. Die Ideen gehen bis zu einem Matchlimit pro Spieler und Saison.

Mehr Kaderplätze

Die Gesamtzahl der Spiele der Geldmaschine Fußball reduzieren zu wollen muss man mindestens als ambitioniert bezeichnen – so würden realistische Verbesserungen wohl in Richtung individueller Limits gehen. Ein von der Spielergewerkschaft gerngesehener Nebeneffekt wäre dann mehr Rotation innerhalb der Teams und damit breitere Kader. "Während ein paar Hundert Spitzenspieler überladen werden mit Wettbewerben, bieten sich Tausenden ihrer Kollegen zu wenige Möglichkeiten, um sich darüber eine nachhaltige Karriere aufbauen zu können", schreibt Fifpro-Generalsekretär Theo van Seggelen.

Insbesondere die englischen Wochen sind nachweislich gesundheitsgefährdend. Ein Team der Universität von Linköping in Schweden fand anhand von 130.000 untersuchten Matches 2017 heraus, dass die Verletzungsgefahr bei weniger als fünf Tagen Pause zwischen zwei Spielen messbar steigt. Die Fifpro liefert als Negativbeispiel Barcelonas Kroaten Ivan Rakitic, der fast drei Viertel seiner 68 Spiele unter diesen Bedingungen bestritt.

Ivan Rakitic hatte 2018/19 nur selten ausreichend Zeit zur Regeneration.
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"Früher haben die Leute immer von den magischen drei Tagen gesprochen, die man braucht, um wieder fit zu sein. Unsere Zahlen haben bewiesen, dass man fünf Tage braucht", sagt Markus Waldén, einer der Studienautoren, zum STANDARD. Die geforderte Sommerpause sei weniger für den Körper denn für den Geist: "Ich denke, sie brauchen die mentale Ruhe, um an etwas anderes als Fußball zu denken."

Jeder ist anders

Für Marcus Hofbauer, den Teamarzt der Wiener Austria, ist es "keine Frage, dass die Verletzungszunahme auf internationaler Ebene mit der steigenden Belastung einhergeht". Die Reaktion eines Profis auf zusätzliche Belastungen sei aber sehr individuell, sagt er zum STANDARD. "Es hängt auch davon ab, wie stark die Grundlagenausdauer schon in der Jugend gefördert wurde." Das sehe er auch bei der Arbeit mit der Austria: "Die Spieler kommen je nach Ausbildung mit unterschiedlichen Voraussetzungen zu uns." Auch zwischen einem an hohe Laufintensität gewöhnten Mittelfeldmann und einem Stoßstürmer gebe es naturgemäß Unterschiede.

Dauerhaft seien die ausufernden Spielpläne der Topteams nur durch breitere Kader verkraftbar. "Ich verstehe Spieler, die sagen, dass mehr als 70 Spiele dauerhaft nicht gehen. Da kannst du noch so eine gute Ausdauer mitbringen", sagt Hofbauer.

Er sieht aber die Herausforderung, diese Tatsache mit der Geldmaschinerie Fußball in Einklang zu bringen. Ein akutes Beispiel: Die Veranstalter eines Testspiels von Juventus Turin in Südkorea werden von enttäuschten Fans geklagt, weil Superstar Cristiano Ronaldo in Seoul nicht wie abgemacht 45 Minuten spielte. Verträge kollidieren mit dem Körpergefühl eines Spielers. Die Sicht des Arztes: "Die Gesundheit steht an erster Stelle." (Martin Schauhuber, 1.8.2019)