Ein Zentaur, ganz nach Hipster-Geschmack: ein gut frisiertes Pferd-Mensch-Mischwesen aus der griechischen Mythologie.

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Seine tierischen Anteile haben den Menschen seit Anbeginn seiner Erdentage in nicht geringe Verlegenheit versetzt. Auch um ihretwillen wurde später ein Konzept wie die Erbsünde in die Welt gesetzt. Gerade die Unzucht gehört zu den Praktiken, die uns schwache Geschöpfe an den eher tierhaften Urgrund unseres Seins erinnern.

Es blieb den Schöpfern antiker Kultur vorbehalten, an lebendigen Geschöpfen Bastelarbeiten vorzunehmen. Das Rendezvous von Mensch und Tier nahm fortan kein Ende: Satyrn und andere bocksbeinige Gesellen bildeten das Gefolge übermütiger Götter. Nicht nur Faune räkelten sich müßig unter der sengenden Sonne von Hellas. Zentauren (halb Pferd halb Mensch) sprengten unter fröhlichem Hufgetrappel durch Olivenhaine. Solche Mischwesen versetzten allein schon durch den Anblick ihres Gemächts gestandene Speerträger in tiefe Nachdenklichkeit. Doch das Finden der "rechten" Mischung ist heute endgültig in die Obhut der Labore übergegangen. Japan, das Land der aufgehenden Menschheitssonne, hat die Anbahnung und Erzeugung regelrechter Mensch-Tier-Kreuzungen jetzt ausdrücklich freigegeben.

In ein Tier werden, laienhaft gesprochen, pluripotente Zellen menschlichen Ursprungs gespritzt. Diese bilden – allein aufgrund ihrer Gelehrigkeit – ein Organ, das dem Tier fehlt und nun seinerseits einem bedürftigen Exemplar der Spezies Mensch implantiert wird. Unseren Mitgeschöpfen, den Viechern, wird die wenig schmeichelhafte Ehre zuteil, als Ersatzteillager für unsere Organ-Optimierung herzuhalten.

Schändlichste Verwirrung

Die Kategorien jedenfalls sind in der schändlichsten Verwirrung. Nicht nur, dass sich gestandene Trinker nunmehr in der Illusion wiegen dürften, bald schon mit der Leber eines Rindviechs fröhlich weitersaufen zu können. Wir entwenden unseren tierischen Geschwistern Dinge, die wir ihnen bloß "geliehen" haben. Und so hat die Wissenschaft die Aussicht auf einen Traum, der über Menschenverstand geht. Wir ähneln britischen Lordschaften, die ihren Kammerdienern einst die Fron antaten, die neuen Lederschuhe für sie auf das gewissenhafteste einzutragen.

Die findige Zusammensetzung tierischer und humaner Anteile dient selbstredend der alleinigen Optimierung des Menschen. Als Vorbild dieses Verdrängungswettbewerbs gilt das Schlachtopfer. Um seiner besten Stücke willen landete das gemeuchelte Tier in archaischen Zeiten unterm Messer. Die minderen Teile des Kadavers warf der Opferpriester, als Schlachtermeister mit sakralem Prestige ausgestattet, ins Feuer. Es fällt nicht schwer, an die vielen Kreuzungsvorschläge zu erinnern, die in den Hexenlabors der Kulturindustrie entstanden, um uns das Fürchten zu lehren.

Dort, wo Fabeldichter wie Äsop oder La Fontaine nicht mehr weiterwussten, war das Unterhaltungsgewerbe verlässlich zur Stelle. Menschen mussten sich wenigstens partiell in Tiere verwandeln. Nur so konnte man ihr mehr triebhaftes, instinktgeleitetes Verhalten sinnfällig abbilden. Werwölfe und Baskerville-Hunde gehören zur Folklore einer Kriminologie, die auf wahre Wunderkräfte der Verwandlung setzt.

Menschliche Mäusesängerin

Umgekehrt eignet dem Menschen eine Hingezogenheit zu tierischen Eigenschaften, die vor allem seine Ohnmacht betonen. Franz Kafka, Seher der modernen Entfremdung, hat bis zum frühen Tod Tierparabeln entworfen. In ihnen stellte der Prager Dichter die Frage nach der Unterscheidbarkeit von Mensch und Tier völlig neu: So gehört seine letzte Heldin (1924), die Sängerin Josefine, dem Volk der Mäuse an.

Obwohl von sich und ihrer Gesangskunst ungebührlich stark eingenommen, bringt sie, vorurteilslos belauscht, nur ein klägliches Piepsen zustande. Der Witz steckt aber in ihrer Menschenähnlichkeit, die auch auf die Nager rings um sie herum ihre Wirkung nicht verfehlt. Kafka hat das Humane, das er auf wenigen Prosaseiten darzustellen vermochte, einer mäuseähnlichen Figur eingepflanzt. Was er Josefine, der Sängerin oder: Das Volk der Mäuse aber entnahm, ist die vollendete Rätselhaftigkeit seiner zutiefst menschlichen Poesie.

So gehört in der Bestimmung des prekären Verhältnisses von Tier und Mensch dem Philosophen Theodor W. Adorno vielleicht das letzte, entscheidende Wort. Über das Schicksal humaner Gewalttätigkeit wird laut seiner Einsicht in dem Augenblick entschieden, "in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tiers den Menschen trifft." Erst im schlagartigen Bewusstsein von beider Ebenbildlichkeit wird Beschwichtigung ("Es ist ja nur ein Tier!") als beschämende Ausflucht für uns spürbar. (Ronald Pohl, 3.8.2019)