Michael Hashemian (Mitte, Payam Dehkordi) ist der Spion: eine Szene aus dem "Gando"-Trailer.

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Irans Außenminister Zarif: in der TV-Serie "Gando" fast schon als Verräter gezeichnet.

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Gando, das ist der belutschische Name für das wendige, schlaue Sumpfkrokodil. Es kommt im Südostiran vor – ist aber auch titelgebend für eine überaus erfolgreiche TV-Serie, die im Juli im iranischen Fernsehen ausgelaufen ist. Eine Fortsetzung ist geplant: hoffentlich nur auf den Schirmen, denn die Grenzen von Fiktion und Realität scheinen im Iran in dieser Beziehung zu verschwimmen.

Und zwar so sehr, dass sich Außenminister Mohammed Javad Zarif schriftlich an den religiösen Führer, Ayatollah Khamenei, gewandt hat, um sich über "Beleidigung und Verleumdung" zu beschweren, wie ein Sprecher zu Beginn der Woche bestätigte. Wieder einmal wird über Rücktrittspläne Zarifs gemunkelt.

In Gando kommt ein Vizeaußenminister vor, in dem Zarif, wie ihn die Hardliner sehen, leicht zu erkennen ist: ein mit dem Westen sympathisierender Kompromissler, der durch seine Untätigkeit den Feinden des Iran in die Hände spielt. Um die geht es in der iranisch-produzierten Version von Homeland oder auch Spooks (Großbritannien 2002): In Gando verteidigen die smarten und ideologisch unanfechtbaren Agenten der Revolutionsgarden die Islamische Republik vor den Ränken der ausländischen Geheimdienste.

Der Superschurke ist Michael Hashemian, mit dem der iranisch-stämmige Reporter der Washington Post Jason Rezaian gemeint ist, der im Jänner 2016 nach 544 Tagen in iranischer Haft bei einem Gefangenenaustausch freikam (und der alle Spionagevorwürfe bestreitet).

Dokumentarischer Anspruch

Die Serie wurde von einer Firma (Owj Media) produziert, die den Revolutionsgarden gehört – und Regisseur Javad Afshar stellt einen dokumentarischen Anspruch. Das heißt, dass das Licht von Passivität und Korruption, in dem das Umfeld der iranischen Regierung gezeigt wird, durchaus beabsichtigt ist. Die Serie ist dabei so gut gemacht, dass ihr auch TV-Konsumenten verfallen sind, die nichts mit dem Narrativ der Hardliner am Hut haben.

Kritiker der Serie sehen sie direkt gegen Präsident Hassan Rohani gerichtet. Ihm soll es nur durch Intervention gelungen sein, die Figur eines korrupten "Neffen des Präsidenten" zu einem Neffen irgendeines Offiziellen abschwächen zu lassen. Wobei es einen Neffen Rohanis, der mit dem Fall Rezaian in Verbindung gebracht wurde, tatsächlich gibt.

Auf einem weniger konkreten Niveau wird eine breite Typologie derer vorgeführt, die dem Iran schaden: Darunter sind Intellektuelle, Journalisten, Künstler, alle "Westenversteher" sozusagen. Und dann gibt es noch die Klasse der verwöhnten korrupten Kinder, die von ihrer revolutionären Vätergeneration nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden kann.

Botschafter und Touristen unter Verdacht

Auf der anderen Seite die klaren Feinde: Die EU-Staaten geben Informationen an die USA weiter, die das islamische Regime stürzen sollen. An einem der Komplotte in der Serie sind gleich acht europäische Botschafter beteiligt, der neue britische Missionschef ist ein MI6-Agent. Auch Touristen sind unter Verdacht.

Die Botschaft ist einfach: Wir werden angegriffen, und außerdem ist etwas faul in der Islamischen Republik, das nach Säuberung schreit. Wenn man sich ansieht, was parallel dazu im Land abläuft – das "Auffliegen" eines CIA-Spionagerings, die Verhaftungen von Doppelstaatsbürgern (DER STANDARD berichtete über zwei Austro-Iraner) -, dann wird das Potenzial dieser Fiktion klar. Der nächste Schritt wäre, dass sich "die Guten", die die Revolution verteidigenden Pasdaran, auch gegen die inneriranische 5. Kolonne wenden. Das Publikum wird darauf vorbereitet.

Und Mohammed Javad Zarif? Man könnte meinen, dass ihm die US-Regierung aus inneriranischer Perspektive soeben einen Gefallen getan hat, indem sie ihn als "Sprachrohr" seiner Führung auf die US-Sanktionsliste gesetzt hat. Für die Verschwörungstheoretiker, die den altgedienten Diplomaten stets für einen potenziellen Verräter gehalten haben, könnte das aber sogar als Beweis für ihre Theorie gesehen werden.

Der "Yankee" solle abhauen und nicht wiederkommen, ließen ihn seine iranischen Gegner wissen, als er im Februar seinen Rücktritt ankündigte. Damals war sein Außenministerium bloßgestellt worden, indem es beim Besuch des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad übergangen worden war.

Geheimgespräche mit den USA

Zarif kennt die USA sehr gut und entwickelte während der Atomverhandlungen eine persönliche Beziehung zum damaligen US-Außenminister John Kerry. 2003 führte er in New York Geheimgespräche, als die Regierung von Mohammed Khatami die Möglichkeit einer Normalisierung mit den USA erkundete.

Bei seinem jüngsten Aufenthalt in New York – wo er nur mehr ein US-Visum für ein paar Häuserblocks bekam – traf Zarif den republikanischen Senator Rand Paul. Der hatte die Versicherungen von US-Präsident Donald Trump, die USA suchten Verhandlungen mit Teheran, wohl zu ernst genommen. Jetzt wird der Chefdiplomat kaltgestellt. Auch die EU kritisierte am Donnerstag den US-Schritt. (Gudrun Harrer, 3.8.2019)