El Paso/Dayton – Es sind furchterregende Szenen, die sich am Samstag in einem Einkaufszentrum in der amerikanischen Grenzstadt El Paso abspielen. Ein Schütze eröffnet das Feuer auf Geschäftsbesucher. Am Ende sind mindestens 20 Menschen tot und mehr als zwei Dutzend weitere verletzt. Ein Verdächtiger wird festgenommen, laut Polizei handelt es sich um einen 21 Jahre alten Weißen.

Die Ermittler stufen das Massaker in El Paso als inländischen Terrorismus ein. Dies sagte John Bash von der Generalstaatsanwaltschaft am Sonntag. Man erwäge, eine Anklage wegen Hassverbrechen gegen den Verdächtigen zu erheben, sagte Bash. Er kündigte ein entschlossenes Vorgehen der Behörden an. "Wir werden das tun, was wir mit Terroristen in diesem Land machen, wir werden für rasche und sichere Gerechtigkeit sorgen. Der Bezirksstaatsanwalt kündigte an, die Todesstrafe zu fordern.

Medienberichten zufolge soll der Täter nicht aus El Paso stammen, sondern aus der Stadt Allen nördlich von Dallas. Zwischen den beiden Orten liegen hunderte Kilometer, mit dem Auto dauert die Strecke fast zehn Stunden. Wählte der Verdächtige die Grenzstadt bewusst aus, in der mehrheitlich Latinos leben? Es gibt Hinweise auf ein Hassverbrechen.

ORF

Bereits 250 "mass shootings"

Es sollte nicht das einzige Massaker an diesem Wochenende bleiben. In der Nacht auf Sonntag feuert ein Schütze in der Stadt Dayton im US-Bundesstaat Ohio nahe einer Bar um sich, neun Menschen sterben, viele weitere sind verletzt. Der mutmaßliche Täter wurde von der Polizei getötet, nachdem sich diese bereits zufällig in der Nähe des Einsatzortes befand.

Die US-Behörden haben den Täter identifiziert. Es handle sich um einen 24 Jahre alten Weißen, teilte der stellvertretende Polizeichef Matt Carper am Sonntag mit. Unter den neun Todesopfern sei auch die 22-jährige Schwester des Täters. Unbestätigten Augenzeugenberichten zufolge habe eine Person, der der Zutritt zur Bar verwehrt wurde, zu schießen begonnen, schreibt die Nachrichtenagentur Reuters.

Einmal mehr ist der Schock im ganzen Land groß, einmal mehr steht am Ende die Frage, ob die Taten hätten verhindert werden können. Und im Fall von El Paso entbrennt auch eine Debatte um eine mögliche politische Verantwortung. In diesem Jahr kam es in den USA bereits zu 250 "mass shootings". Mindestens 273 Menschen kamen durch solche Attentate ums Leben. In den vergangenen fünf Jahren waren es insgesamt 2189 Shootings mit 2475 Toten.

Wo die Massenschießereien stattgefunden haben.
Foto: Der Standard

Nach der Tat taucht ein vierseitiges Pamphlet auf, die Rhetorik ist hasserfüllt und ausländerfeindlich. Die Ermittler prüfen, ob der Verdächtige es verfasst hat. Das Schreiben lasse womöglich auf ein Hassverbrechen schließen, sagt Polizeichef Greg Allen. Die "New York Times" berichtet, der Text sei 19 Minuten vor dem ersten Notruf in El Paso online gegangen.

In dem Pamphlet heißt es etwa: "Dieser Angriff ist eine Antwort auf die hispanische Invasion in Texas." Der Autor bedient sich der Rhetorik weißer Nationalisten, etwa indem er von "ethnischer Vertreibung" oder "Rassenmischung" schreibt und Einwanderer als "Eindringlinge" bezeichnet. Er bezieht sich unter anderem auf das Buch "Der große Austausch". Dieses, ursprünglich 2011 auf Französisch erschienen, gilt als eines der grundlegenden Werke der Identitären Bewegung in Europa. Auch der Moschee-Attentäter von Christchurch, der unter anderem mit Österreichs Identitären im Austausch stand, bezog sich auf die darin geäußerte These des "Bevölkerungsaustausches". Der Autor äußert in dem vierseitigen Text dann auch gleich zu Beginn seine Unterstützung für den Täter von Christchurch, der Mitte März zwei Moscheen angegriffen und 51 Menschen getötet hatte.

Drei Mexikaner unter den Toten

Nach der Tat in El Paso werden Fragen laut. Etwa danach, ob der Verdächtige sich die Grenzstadt bewusst ausgesucht hat. Ob er es gezielt auf Einwanderer oder Menschen mit Migrationshintergrund abgesehen hatte. Unter den Toten sind nach Angaben der mexikanischen Regierung drei Mexikaner. In El Paso leben mehrheitlich Latinos. Die Stadt, die direkt an die mexikanische Metropole Ciudad Juárez grenzt, geriet in der Flüchtlingskrise in den vergangenen Monaten verstärkt in die Schlagzeilen. Wegen überfüllter Internierungslager etwa, in denen menschenunwürdige Zustände geherrscht haben sollen.

Schwer bewaffnete und gepanzerte Einheiten in El Paso.
Foto: JUSTIN HAMEL

Der demokratische Sheriff von El Paso County – also dem Bezirk, zu dem die Stadt gehört – nennt die Attacke rassistisch. Der Verdächtige sei nach El Paso gekommen, um Latinos zu töten, erklärt Richard Wiles in einer Mitteilung auf Facebook. "In der heutigen Zeit mit all den ernsten Problemen sehen wir uns immer noch mit Menschen konfrontiert, die andere nur wegen der Farbe ihrer Haut töten." Es sei an der Zeit, Politiker "aller Ebenen" zur Verantwortung zu ziehen, fordert der Demokrat. "Ich will (politische) Repräsentanten, die gegen Rassismus aufstehen."

Aufgeheiztes Klima

Die Tat in El Paso passiert in einer Zeit, in der das politische Klima in den USA besonders vergiftet erscheint und die Rhetorik oft hasserfüllt ist. Meist steht dabei Donald Trump im Fokus. Über Tage feuerte der Präsident eine Attacke nach der anderen auf vier Politikerinnen der Demokraten ab, empfahl ihnen etwa, in ihre vermeintlichen Heimatländer zurückzukehren, wenn es ihnen in den USA nicht gefalle. Alle vier Frauen sind US-Staatsbürgerinnen, drei von ihnen sind in den USA geboren. Aber alle sind "People of Color", also nicht weiß. Trump sah sich Rassismusvorwürfen ausgesetzt, er wies das vehement von sich. Als Anhänger bei einer Wahlkampfkundgebung des Republikaners in Ohio bei der Erwähnung der Frauen "Schickt sie zurück!" riefen, distanzierte sich Trump zunächst zwar, verteidigte die Menschen aber wenig später als "Patrioten".

Ein paar Tage später holte Trump zur nächsten Attacke auf einen Demokraten aus, diesmal wetterte er gegen den schwarzen Abgeordneten Elijah Cummings aus Baltimore, bezeichnete dessen Bezirk etwa als "widerliches, von Ratten und Nagetieren befallenes Chaos". Rassismusvorwürfe ließ er erneut von sich abprallen.

An der US-mexikanischen Grenze wurde den Opfern gedacht.
Foto: Reuters / Carlo Sanchez

Immer wieder sah sich der US-Präsident in der Vergangenheit zudem Anschuldigungen ausgesetzt, nicht eindeutig genug Stellung gegen Rechtsradikale zu beziehen. Trump weist das zurück. Die Vorwürfe gehen vor allem auf Äußerungen des Präsidenten nach Ausschreitungen im Bundesstaat Virginia im August 2017 zurück.

Bei einem rechten Aufmarsch in Charlottesville hatten Demonstranten antisemitische Parolen skandiert. Am Rande der Zusammenstöße steuerte ein Rechtsradikaler sein Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten und tötete eine Frau. Trump hatte für Empörung gesorgt, als er danach sagte, es habe auf beiden Seiten auch "sehr gute Menschen" gegeben.

Hetzerische Reden

Als ein Mann im vergangenen Oktober Briefbomben an Barack Obama, Hillary Clinton und mehrere Kritiker Trumps verschickte, gaben viele Amerikaner dem Präsidenten eine Mitschuld daran wegen seiner oft spalterischen Worte. Trump hat in der politischen Rhetorik Grenzen verschoben, seine beleidigenden Spitznamen für Gegner sind etwas Alltägliches geworden, und wenn der Präsident über Einwanderer ohne Papiere spricht, sind seine Worte oft hetzerisch. So sprach er etwa in einer Rede im März von einer "Invasion", um die Situation an der südlichen Grenze zu Mexiko zu beschreiben. "Die Leute hassen das Wort "Invasion", aber genau das ist es", sagte er damals. "Es ist eine Invasion von Drogen, Kriminellen und Menschen."

Nach dem Massaker von El Paso wendet sich Trump via Twitter an die Nation und nennt die "hasserfüllte Tat" tragisch und einen "Akt der Feigheit". Es gebe keine Rechtfertigung dafür, unschuldige Menschen zu töten. Öffentlich spricht der Präsident zunächst nicht.

Schüsse in Chicago

In den USA kommt es immer wieder vor, dass Menschen an öffentlichen Orten durch Schüsse verletzt oder getötet werden. So sind am Sonntag auch sieben Menschen durch Schüsse in Chicago im US-Bundesstaat Illinois verletzt worden. Am Dienstag waren zwei Menschen im Bundesstaat Mississippi in einem Walmart durch Schüsse getötet worden. Am Sonntag vergangener Woche hatte ein 19-Jähriger während eines Festivals in der Kleinstadt Gilroy in Nordkalifornien das Feuer eröffnet und drei Menschen getötet.

Nach besonders schweren Gewalttaten wird immer wieder über eine Verschärfung des Waffenrechts diskutiert. Die Bemühungen laufen aber seit Jahren ins Leere – vor allem, weil Trumps Republikaner dagegen sind. Die mächtige Waffenlobbyorganisation NRA bekämpft vehement jeden Versuch, Waffenbesitz stärker zu regulieren.

Die Menschen spendeten bereits so viel Blut, dass das Volumen an benötigten Blutreserven bereits erreicht wurde.
Foto: AP / Rudy Gutierrez

Die Polizei rief die Menschen in El Paso dazu auf, Blut zu spenden. Gouverneur Abbott sagte bei einer Pressekonferenz, es hätten sich Schlangen von Menschen gebildet, die Blut spenden wollten. "Jetzt ist es an der Zeit für Texaner, zusammenzukommen und sich gegenseitig zu unterstützen." (APA, red, 4.8.2019)