Am Samstagvormittag ging auf dem Internetportal 8chan ein vierseitiges Manifest online. Der Verfasser kündigte darin einen Angriff an, der eine "Antwort auf die hispanische Invasion" in Texas sein solle. Nur Minuten später fielen in einem Einkaufszentrum in der texanischen Grenzstadt El Paso Schüsse. 22 Menschen wurden getötet, dutzende weitere verletzt. Am Abend desselben Tages erschoss ein Angreifer in Dayton, Ohio, neun Besucher einer Bar. Beide mutmaßlichen Täter waren weiße Männer Anfang zwanzig.

Radikalisierung im Internet

Sieht man sich die Zahlen an, ist das wenig verwunderlich. In den vergangenen 25 Jahren bildeten weiße Männer jene Gruppe, die in den USA am häufigsten Attentate mit Schusswaffen verübte. Inlandsterrorismus, weißer Nationalismus, Rechtsextremismus, die Ideologie von der weißen Vorherrschaft – das Phänomen hat viele Namen.

Geplant und ausgeübt wird der Terror teils von organisierten Gruppen, vor allem aber von versprengten Einzeltätern, die sich in dunklen Ecken des Internets selbst radikalisieren. Das Internetportal 8chan, eine Ansammlung von Foren, in denen Nutzer anonym und ohne Registrierung posten können, ist ein solcher Ort.

Eine Demonstration gegen Hassverbrechen nach dem Terroranschlag in El Paso.
Foto: Reuters / Jose Luis Gonzalez

Hier herrscht nahezu absolute Meinungsfreiheit, Moderation gibt es kaum bis gar nicht. In den Foren tummeln sich Nazis, Frauenhasser, Antisemiten, Rassisten – und Terroristen. Der Attentäter von Christchurch, der Attentäter von San Diego und nun auch der mutmaßliche Attentäter von El Paso kündigten ihre Morde jeweils auf der Seite an.

Deren Gründer, der die Kontrolle über 8chan schon vor längerer Zeit abgegeben hat, plädiert nun dafür, sie zu schließen. Auch der Internetdienstleister Cloudflare kündigte die Zusammenarbeit mit der Seite auf. Die Seite war deshalb am Montag nur schwer erreichbar. Dass die Foren nun dauerhaft geschlossen bleiben, ist jedoch unwahrscheinlich.

Keine klare Agenda

Hinter dem Terror steckt keine klar definierte Agenda, sondern häufig ein gefährliches Amalgam aus Rechtsextremismus, dem rassistischen Traum von einer "weißen Vorherrschaft", Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit.

Einige Täter fürchteten sich vor einem "Bevölkerungsaustausch" und dem Niedergang der "weißen Rasse", andere glaubten, dass ihr Land von ausländischen "Invasoren" überrannt werde, wieder andere, sogenannte Incels, mordeten aus Zorn darüber, dass ihnen Sex und Partnerschaft mit einer Frau "verwehrt" worden seien. Die Extremisten unterscheiden sich in ihren Ansichten, doch ihnen allen ist gemeinsam, dass sie jung, männlich und weiß sind.

Es ist ein Problem, das lange ignoriert wurde. Das Zahlenmaterial und die öffentliche Wahrnehmung davon, wie ein typischer Terrorist aussieht, klaffen weit auseinander. In den vergangenen zehn Jahren wurden beinahe drei Viertel der extremistisch motivierten Gewalttaten in den USA von Rechtsextremen begangen, ein knappes Viertel von Islamisten. Andere Motive sind selten. Und laut der Anti-Defamation League hatten vergangenes Jahr mindestens 50 Morde in den USA einen rechtsextremen Hintergrund. Das ist der höchste Wert seit 1995.

"Wir haben ein Problem mit weißen nationalistischen Terroristen", betitelte die "New York Times" einen Kommentar zum Thema. Das Problem sei viel zu lange ignoriert und entschuldigt worden. "Würden die Vereinigten Staaten das Problem nur annähernd so ernsthaft angehen wie das der islamistischen Extremisten, wären wir alle sicherer." (Ricarda Opis, 5.8.2019)