Der verhinderte Komponist als Leser der Partitur unserer Unheilsgeschichte: Theodor W. Adorno (1903–1969), fotografiert um 1960 in Frankfurt.

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Anfangsglück

Theodor W. Adornos Philosophie geizt unnachsichtig mit Anmerkungen, wie ein Leben beschaffen sein soll, um als geglückt angesehen zu werden. In der Skizze Vierhändig, noch einmal hat der Spross einer assimilierten jüdischen Familie in Frankfurt am Main ein Bild von sich als musizierendes Kind entworfen. "Teddie" lebte in der Obhut von Mutter und Tante. Erstere, eine Hofopernsängerin, impfte dem Musikschüler von klein auf die Liebe zur Klassik ein. Musik wird das Medium sein, in dem Adorno am ehesten den Vorgriff auf ein unentstelltes Leben erlebt. Man sieht den Buben mit dem fragenden Blick förmlich vor sich, wie er rein nach dem Gehör die Seiten des Klavierauszugs umblättert.

Er hat die Musik im Kopf. Im Bewusstsein nimmt er vorweg, was die beiden "Mütter" für ihn spielen werden. Allein in der Garantie dieser Zeitenfolge liegt ein versöhnliches Element: Die Erinnerung des kindlichen Korrepetitors bildet zugleich die Zukunft. Nur durch das Klavierspiel verwandelt sich diese in erfüllte Gegenwart.

Dialektik

Wiesengrund-Adorno, der erst im amerikanischen Exil den Namen der Mutter annehmen wird, macht der Philosophie des deutschen Idealismus den Prozess. Früh drängt sich ihm die Einsicht auf, dass der Unrechtsgehalt des Kapitalismus die Beziehungen, die zwischen Menschen und Sachen, aber auch unter den Menschen herrschen, kaputt macht. Anstatt in einen wahrhaft humanen Zustand einzutreten, versinke die Menschheit in Barbarei.

Gemeinsam mit Max Horkheimer wird Adorno die Dialektik der Aufklärung (erschienen 1947) als prekären, weil gegenläufigen Prozess beschreiben. Indem der Mensch sich aus dem Strudel der Unmündigkeit befreit, verwirklicht er zugleich eine Art Erkrankung seiner Vernunft. Von der kann er umso weniger genesen, als er – denkend – die Erscheinungen mit den Begriffen, die er sich von ihnen macht, immer genauer zur Deckung bringt.

Katastrophe

Auf der Strecke bleibt dadurch alles Individuelle, das sich gegen jede vorschnelle Einordnung verwehrt. Adornos ganzer Widerwille gilt einer "Gleichgültigkeit gegens Individuum, die in der Logik sich ausdrückt".

Am Ende aller fruchtlosen Klassifikationen steht die Unterdrückung der Menschen durch Gewalthaber. Am Ende von deren Galerie sind folgerichtig die NS-Menschheitsverbrecher zu finden. Die Saat ist bereits im Keim der Entwicklung enthalten: Die Notwendigkeit, Natur zu beherrschen, führt zur Herrschaft der Dinge über die Menschen.

Alles ist heillos, weil die Erfahrung der totalen Negation durch die NS-Maschinerie, das Prinzip der Selektion an der Rampe der Vernichtungslager, tatsächlich verwirklicht worden ist. Fortan wird sich Adorno mit dem Werkzeug der bestimmten Negation am "Abhub der Erscheinungswelt" abarbeiten. Erst durch das Element des "Hinzutretenden" wird es möglich, eine Perspektive der Sittlichkeit einzunehmen. Um nicht beim (schlechten) Gegebenen stehenzubleiben, wird ein Impuls von Überwindung spürbar. Der soll sicherstellen, dass sich der Genozid nicht wiederholt.

Erziehung

Adorno kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Er gab sich mit Blick auf die Möglichkeiten einer Gedenkkultur keinerlei Illusion hin. Wer im Hause des Henkers vom Strick redet, der habe mit Ressentiment zu rechnen. In seiner Negativen Dialektik (1966) verdichtet sich Adornos Pessimismus immer konsequenter zu einem "Anti-System", in dem "immanente Kritik" alle vorschnelle Zustimmung zu jedweder Einheit zunichtemacht. Jeder Begriff wird aufgesprengt. Alles Bestehende ist in Frage zu stellen.

Sprache

Adornos stilistische Radikalität hat viel Gewitzel auf sich gezogen. Seine unter Hochspannung stehenden Sätze wirken im Wortsinne kopflastig. Oft drohen sie umzustürzen, als würde ein Bündel weniger geschleppt, als jemand anderem vor die Füße geworfen.

Am nachgestellten Reflexivpronomen kann man Adorno-Sätze auch ohne Feldstecher von weitem erkennen. Darüber hinaus will der Denker durch den exzessiven Gebrauch von Fremdwörtern die Arbeit am Gedanken verbürgen helfen. Wer dagegen deutsch-tiefsinnig schwadroniert, ist dem "Jargon der Eigentlichkeit" verfallen und muss mit Martin Heidegger der Anrufung durch das Sein standhalten.

Kulturindustrie

Niemand hat unbarmherziger auf die Lüge der Versöhnung von Individuum und Gesellschaft hingewiesen als Adorno. Alles, was nur im entferntesten der Zerstreuung dient, ob im Filmpalast oder im Jazzkeller, ist das Produkt der Kulturindustrie und steht im Dienst bestehender Herrschaftsverhältnisse. Dabei wäre es in Wahrheit einzig und allein die Kunst, vor allem aber die Musik, die das Ideal uneingeschränkter Subjektivität mit der "Idee eines gemeinschaftlichen Sinns" versöhnen könnte. Fetischisierung, Warencharakter: Adorno bietet ein ganzes Arsenal von Marx’schen Begriffen auf und schert sich in Wahrheit doch herzlich wenig um die Vollzugslogik des historischen Materialismus.

Anderer Stern

Heute vor 50 Jahren starb Theodor W. Adorno an Herzversagen im Schweizer Engadin. Von den Protagonisten der losgebrochenen Studentenrevolution schied er unversöhnt. Die schier unglaubliche Gewalt des Nein-Sagens, die seinen wichtigsten Schriften und Aphorismen zu eigen ist, bildet weiter Anstoß und Ärgernis. Sie nimmt sich in den mehr affirmativen Niederungen des neoliberalen Kapitalismus beinahe kurios aus.

Wie sehr ihn das Erstarken der populistischen Rechten aufgestört hätte, kann man sich lebhaft ausmalen. Dass er Jazz nicht verstand, weil er noch die Freiheiten von Improvisation und Synkopisierung für Kennzeichen von Verdinglichung hielt: Man darf es ihm nachsehen. (Ronald Pohl, 6.8.2019)