Das Wiener Weststadion, vulgo Allianz-Stadion und (noch immer) St. Hanappi, ist die Heimat des SK Rapid. Nun stehen ein Klubmitarbeiter und -anhänger im Zentrum eines Prozesses.

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Wien – Die wegen Amtsmissbrauchs angeklagte Doris P. ist mit den Nerven am Ende. "Brauchen Sie ein Glas Wasser?", fragt Minou Aigner, Vorsitzende des Schöffensenats, besorgt, als sie bemerkt, wie blass die 35-Jährige ist. "Nein, nein, danke, es geht schon", antwortet diese mit leiser Stimme, also kann Aigner weiter die Generalien der anderen sieben Angeklagten überprüfen, die von Staatsanwältin Theresa Holzmann als Anstifter beschuldigt werden.

Bis 2015 hat die Erstangeklagte P. ein eher unauffälliges Leben geführt. Seit 2013 arbeitete sie im Verkehrsamt der Wiener Polizei und war dort auch für Führerscheinangelegenheiten zuständig. In ihrer Freizeit frönte die Alleinerzieherin der passiven Beschäftigung mit dem runden Kunststoff – sie besuchte die Spiele im Stadion des Sportklub Rapid Wien, das von den Anhängern gern "St. Hanappi" genannt wird.

Drahtzieher nicht verhandlungsfähig

"Wie kamen Sie auf die Idee, diese Malversationen zu begehen?", will Vorsitzende Aigner von der (mittlerweile nicht mehr beim Verkehrsamt) Angestellten wissen. "Es war mit Herrn V. so abgesprochen", murmelt die Erstangeklagte. Den kannte sie schon seit Jahren als Angestellten des SK Rapid, derzeit ist er aber aus gesundheitlichen Gründen weder arbeits- noch verhandlungsfähig.

Eines Tages habe sie der Mann kontaktiert und gefragt, ob sie bei einem "Führerscheinproblem" behilflich sein könnte. Konnte sie, auch wenn sie für eine Änderung im Zentralen Führerscheinregister das Gesetz brechen musste, wie sie nun vor Gericht gesteht. Was sie dafür im Gegenzug bekam? Eintrittskarten in den VIP-Bereich des Lieblingsklubs für sie und ihre Tochter.

Ungefähr zehn Mal zwischen 2015 und 2016 nahm sie das Angebot in Anspruch, erinnert sie sich. "Bis das neue Stadion eröffnet war." An dieser Stelle beweist die Vorsitzende gewisse Wissensdefizite hinsichtlich des heimischen Profifußballs. "Da habe ich ein Bild im Internet gesehen. Wo ist das Stadion denn?", fragt sie. "In Hütteldorf", lautet die Antwort. "Also haben Sie das bis zum Wechsel des Stadions nach Hütteldorf gemacht", stellt Aigner fest und lässt so erkennen, dass ihr der Ausdruck "Hütteldorfer" als Synonym für Rapid nicht geläufig ist.

Unterschiedlichste Änderungen

Laut Anklage soll sie Diverses manipuliert haben: Duplikate ohne Verlustbestätigungen ausgestellt, einer unberechtigten Person eine Lenkerberechtigung erteilt oder einen entzogenen Führerschein früher wieder ausgefolgt zu haben. Dem Drittangeklagten, einem bekannten Rapidfan, wiederum hat sie den "Code 111" in seinem Führerschein nachgetragen. Das ist die Erlaubnis, Leichtmotorräder bis zu 125 ccm zu lenken, wenn man nur den B-Führerschein hat. Voraussetzung: Man muss einige Fahrstunden in einer Fahrschule nachweisen können.

Herr P. machte diese nicht, kam aber auf anderem Weg zum Eintrag. Er behauptet, er sei im Mai oder Juni 2015 bei einer Besprechung mit ranghohen Vereinspersönlichkeiten bei einer Besprechung gesessen, als Herr V. hereinplatzte und laut P. verkündete, "er habe einen Connect zu einer Fahrschule, die die Bestätigung für die Übungsfahrten auch ohne Absolvierung ausstelle". Der Drittangeklagte war interessiert, zahlte V. 200 Euro und bekam den umgeschrieben Führerschein.

"A bissl a Linke"

"Dass das Ganze auf gut Wienerisch a bissl a Linke ist, war schon klar", sagt der mehrfach Vorbestrafte, er habe aber nicht gewusst, dass Amtsmissbrauch involviert war. Daher bekennt er sich nur eines Dokumentendelikts schuldig. Aigner echauffiert sich nicht nur über diese Einstellung, sondern auch über die Tatsache, dass von den anderen Zeugen niemand Herrn V. anzeigte – wozu sie aber nicht verpflichtet sind.

Für die Zeugenladung der Rapid-Führungskräfte und ein Gutachten über V.s Verhandlungsfähigkeit wird schließlich vertagt. (Michael Möseneder, 6.8.2019)