Sonnenschein und blauer Himmel – dann plötzlich eine rote Wolke. Wie ein Tsunami rollt der Sandsturm über die flache Landschaft. Staub frisst sich in die Kleider, in die Augen, in die Haut. Doch Jane Pye scheint das nicht zu kümmern. Im offenen Allradmobil rast die Bäuerin den Zaun entlang. Alle paar Tage muss sie kontrollieren, ob der Sand die Tröge verstopft hat, aus denen ihre Schafe trinken. Das Wasser kommt aus 600 Metern Tiefe. "Es ist die wichtigste Wasserquelle, die wir haben", sagt Jane. Vor hundert Jahren hatten die Vorfahren ihres Mannes Charlie Rohre in das Artesische Becken gebohrt, ein gigantisches, natürliches Wasserreservoir unter dem australischen Kontinent. "Ohne das würde meine Familie keine Landwirtschaft mehr betreiben." Denn geregnet habe es hier schon seit Jahren nicht mehr richtig.

Die Farm Gingie im australischen Bundesstaat New South Wales: 25.000 Hektar pures Outback. Der nächste Ort, die Kleinstadt Walgett, ist 30 Kilometer entfernt. Wenn die Pyes einen Arzttermin in Sydney haben, fliegen sie die 500 Kilometer mit ihrem eigenen Flugzeug. Das Klima geht an die Substanz: eisige Kälte in den Winternächten, 46 Grad an Sommertagen. Sandstürme, Trockenheit. Trotz der extremen Bedingungen sind Jane und Charlie Pye erfolgreiche, wohlhabende Bauern. Denn sie haben, worauf es am meisten ankommt: einen fast unbegrenzten Zugang zu Wasser.

Viele Farmen nahe der Kleinstadt Walgett haben mit der Dürre zu kämpfen.
Foto: REUTERS/David Gray

Fische schnappen im Todeskampf

Weiter, zur Wiese 3 – wenn man den staubigen, braunen Boden so nennen will. "Hier ist es so trocken, dass keines unserer Tiere überleben kann", sagt Pye. Dünne Bäume auf topfebenem Boden, wie Skelette in einem Niemandsland. Für immer mehr Bauern in Ostaustralien ist dieser Anblick Alltag. In sieben Jahren hat es im östlichen Inland des Kontinents nur ein einziges Mal ausgiebig geregnet.

Im Einzugsgebiet des nahen Barwon-Flusses – die wichtigste Wasserversorgung für viele Bauern und Dörfer – ist die Situation prekär. "In guten Zeiten", erzählt der Aboriginal-Älteste Allan Tighe, sei der Fluss bis zu 14 Meter tief gewesen. Heute sind im Flussbett zwischen den ausgebleichten Schalen toter Muscheln die Hälse weggeworfener Bierflaschen zu sehen. Sie sind vor Jahren im Schlamm stecken geblieben. "Ganz trocken aber war er noch nie", sagt Tighe. An einzelnen Orten befinden sich Lacken mit verschlammtem Wasser, in denen die letzten Fische im Todeskampf nach Sauerstoff schnappen. Zum ersten Mal seit Generationen finde man an den tieferen Stellen des Flusses wieder Ockerfarbe, sagt Tighe. Der pigmentreiche, rotbraune Lehm wird von den Ureinwohnern seit Jahrtausenden für Felsmalereien verwendet.

Allan Tighe erzählt von den massiven Veränderungen des Barwon-Flusses.
Foto: Urs Wälterlin

40 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte

Der Barwon gehört zum mächtigen Murray-Darling-Flusssystem. Mit einer Fläche von mehr als einer Million Quadratkilometern ist es das größte des Kontinents. Das System ist nach den beiden bedeutendsten Flüssen benannt, die es entwässern: dem Murray und dem Darling River. Von den Quellen im nördlichen Bundesstaat Queensland zieht es sich über 1.400 Kilometer durch die Bundesstaaten New South Wales und Victoria in Richtung Süden. Das Mündungsgebiet liegt in Südaustralien.

Das System ist nicht nur aus ökologischen Gründen von fundamentaler Bedeutung für die ganze Nation. Es ist ein Standbein der australischen Wirtschaft. Ob Rinder, Schafe, Wolle, Gemüse, Früchte oder andere Lebensmittel: 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte Australiens stammen aus dem Einzugsgebiet. Zwei Millionen Menschen leben davon, direkt und indirekt – auf abgelegenen Farmen wie Gingie, in Dörfern wie Walgett, in Städten wie Dubbo und St. George.

Das Flusssystem ist die Lebensader Australiens. Doch diese Ader ist am Ausbluten.

Das Murray-Darling-Flusssystem ist das wichtigste des Kontinents.
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"Korruption des politischen Systems"

"Große Unternehmen der Baumwoll- und Bergbauindustrien haben die Demokratie gekauft." Für Bob Brown, Ex-Senator der grünen Partei und führender Umweltpolitiker Australiens, ist klar, wer für die schleichende Katastrophe im Murray-Darling-System verantwortlich ist. Nicht nur Klimawandel und Dürre seien an der Situation schuld, sondern "die Korruption des politischen Systems. Die Lobbyisten sitzen im Café des Parlamentshauses und reden jeden in den Boden, der sich zu ihnen setzt."

Diese mächtigen Wirtschaftszweige würden Politiker mittels massiver "Spendenzahlungen" dazu bringen, ihnen viel zu große Wasserzuteilungen zu geben – auf Kosten der Umwelt, so der 74-Jährige. Im nördlichen Bundesstaat Queensland könnten Baumwollkonzerne gigantische Mengen Wasser abzweigen, zur Bewässerung ihrer Felder nutzen und in Dämmen lagern – für schlechte Zeiten. Dadurch gelange immer weniger in die Flüsse weiter südlich, in die Umwelt. "Umweltwasser", so nennen es die Experten.

Klimawandel ist der Grund für die Verschärfung der Wetterextreme Australiens.
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Klimaextreme und Kängurus

Die konservative Regierung dagegen sieht die Gründe für die eskalierende Wasserknappheit in der anhaltenden Dürre, von der weite Teile des Kontinents betroffen sind. Sie weist darauf hin, dass Klimaextreme zu Australien gehören wie Kängurus und Koalas. Tatsächlich: Seit Jahrtausenden bestimmen Trockenheit, Hitzewellen und Überschwemmungen im Wechselspiel zwischen dürren und fetten Jahren die Umwelt auf dem Kontinent. Doch was das Land jetzt erlebe, sprenge alle Dimensionen, so die Biologieprofessorin Lesley Hughes. Endlose Dürreperioden, kaum noch Niederschläge. Trockenheit, die so lange dauert, dass mancherorts zehnjährige Kinder noch nie einen Regentropfen auf ihrer Haut gespürt haben. Klimawandel, so der überwältigende Konsens der Wissenschaft, sei der Grund für die Verschärfung. Der eskalierende Anstieg der globalen Temperaturen sei primär die Folge der Verbrennung fossiler Rohstoffe, allen voran Kohle.

Kein anderes Land der westlichen Welt ist bereits so stark betroffen von der schleichenden Klimakatastrophe wie Australien. Die Zahl und die Zerstörungskraft von Wirbelstürmen haben in den vergangenen Jahren rapid zugenommen. Der erhöhte Meeresspiegel erodiert immer weitere Küstenstriche. Waldbrände werden häufiger, heftiger und immer schwieriger, unter Kontrolle zu bringen. Lebensräume von Reptilien, Säugetieren, Vögeln und Insekten werden zu warm und damit für die Tiere unbewohnbar.

Nirgendwo zeigen sich die Folgen der Klimaveränderung in Australien so drastisch wie am Barrier Reef. Wegen steigender Wassertemperaturen bleichen im 344.000 Quadratkilometer großen Korallenriff die Korallen aus. Experten wie der Korallenforscher Terry Hughes fürchten, das Riff könnte bis 2050 komplett zerstört sein, wenn es der Weltgemeinschaft in den kommenden zehn Jahren nicht gelinge, den weiteren Anstieg der globalen Temperaturen bei 1,5 Grad zu begrenzen.

Trotz Protesten und internationaler Kritik hält Canberra am Ausbau der Kohleindustrie fest.
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Klimawandel-Leugner in der Regierung

Trotz überwältigender Alarmsignale wehrt sich Australien gegen ernsthafte Maßnahmen, die Klimaveränderung einzudämmen. Der Grund, so Kritiker: Die konservative Regierung sei noch immer dominiert von Klimawandel-Leugnern. Auch Premierminister Scott Morrison: 2017 brachte er – damals noch Schatzkanzler – einen Klumpen Kohle ins Parlament, um dem Volk zu zeigen, wie "harmlos" der Rohstoff sei. Auf Klimakonferenzen bremst Australien im Duett mit den USA Bestrebungen der internationalen Gemeinschaft für besseren Klimaschutz. Gleichzeitig hält Canberra am Ausbau der Kohleindustrie fest (siehe Information am Ende des Artikels).

600 Kilometer Autofahrt in den Norden, nach Queensland: tausende Schafe und kaum Menschen. Dafür jede Menge "Roadkill" – vom Zusammenprall mit einem Fahrzeug zerschmetterte Körper von Kängurus, aufgedunsen von der Hitze. Die Tiere weiden in der Nacht am Straßenrand, angelockt vom grünen Gras, das wächst, wenn Tauwasser von der Straße in den trockenen Boden sickert. Mageres Buschland, dann dürre Rinderwiesen. In den zwei Jahrhunderten nach der Invasion des Kontinents durch britische Siedler und Sträflinge hat Australien zwar eine effiziente und gewinnbringende Agrarindustrie aufgebaut, die ihre Produkte in die ganze Welt exportiert. Ein Erfolg auf Kosten der Umwelt. Bis heute werden Wälder gerodet, werden Dämme gebaut, um Wasser zu lagern, Zuflüsse umgeleitet, in die Landwirtschaft.

1.225 Megaliter Wasser

Besuch beim Erzfeind der australischen Umweltschützer: einem Baumwollbauern. Scott Armstrong ist ein stattlich gebauter Mittvierziger mit Familie. Außerhalb der Kleinstadt St. George im Süden von Queensland sitzt er in seinem Auto und spricht über Funk mit einem Kollegen. Wasser fließt über Kanäle vom nahen Fluss auf die Felder. Seine Farm habe Lizenzen gekauft, die ihm erlaubten, jährlich 1.225 Megaliter Wasser abzuzweigen. Ein Megaliter sind eine Million Liter. "Jeder Einzelne davon wird gezählt", sagt Armstrong und zeigt stolz auf eine Pumpe, made in Germany. "Das sind die zuverlässigsten der Welt."

Wie ein Schneefeld erstreckt sich Armstrongs Baumwollplantage über mehrere Hundert Hektar, die weißen Blüten sind kurz vor der Ernte. Er sei stolz, der Welt ein Produkt von Spitzenqualität liefern zu können, "denn australische Baumwolle ist die beste". Armstrong kann die Empörung jener nicht verstehen, die ihn zum Wasserdieb stempeln. "Ich nehme schließlich nur, wofür ich gezahlt habe." Wie viele seiner Kollegen streitet er ab, dass der Mangel an Wasser stromabwärts auch nur ansatzweise etwas mit seiner Industrie zu tun hat. "Die Dürre ist der Hauptgrund. Und die hat es schon immer gegeben. Wenn wir Bauern morgen aufhören würden, blieben die Flüsse trotzdem trocken."

Scott Armstrong glaubt nicht, dass seine Baumwollpflanzen an der Trockenheit Schuld sind.
Foto: Urs Wälterlin

Chinesische und japanische Textilhersteller

Kaum ein Zweig der australischen Landwirtschaft ist so umstritten wie die Baumwollindustrie. Der Industrieverband Cotton Australia lässt keine Gelegenheit aus, um Farmen als kleine Familienbetriebe darzustellen. Tatsache aber ist: Große Anlagen werden von wohlhabenden Konsortien kontrolliert, auch ausländischen. Cubbie Station, mit 96.000 Hektar eine der mächtigsten Baumwollfarmen der Welt, gehört CS Agriculture, einem Joint Venture zwischen chinesischen und japanischen Textilherstellern.

Kritiker klagen seit Jahren, es sei absurd, auf dem trockensten besiedelten Kontinent ein Produkt anzubauen, das im Vergleich zu anderen Nutzpflanzen deutlich mehr Wasser benötigt. Die meisten der 1.200 Baumwollfarmen befänden sich in einem Gebiet mit vergleichsweise hohem Regenfall, sagt dagegen Cotton Australia. Deshalb könne der "Großteil des Wasserbedarfs mit Regenwasser gedeckt werden". Wenn es aber an Niederschlägen fehlt – wegen des Klimawandels inzwischen der Normalzustand –, wird der Druck auf die Fließgewässer groß. Gleichzeitig haben Unternehmen wie Cubbie Station das Recht, gigantische Mengen Wasser in Dämmen zu lagern. Selbst dann, wenn es flussabwärts fehlt.

Behördenversagen

Für den führenden Wasserwirtschaftswissenschafter Quentin Grafton ist die Situation "ein nationaler Skandal". Denn eigentlich war 2008 die Murray-Darling Basin Authority (MDBA) ins Leben gerufen worden, um den Konflikt zwischen den großen Wassernutzern und den Bedürfnissen der Umwelt zu regeln. Untersuchungen werfen der Behörde aber weitreichendes Versagen vor. Sie sei unwillig oder unfähig, rechtswirksam zu handeln, so ein Fazit. Politik beeinflusse ihre Arbeit, nicht die Wissenschaft.

Die Behörde habe weggesehen, als Bauern illegal Umweltwasser abpumpten. Agrarunternehmen hätten viel zu großzügige Wasserrechte erhalten. Auch habe die MDBA acht Milliarden Euro Steuergelder in den Rückkauf von Lizenzen investiert, mit dem Ziel, das Wasser in die Flüsse zu pumpen. Doch die Flüsse blieben trocken. Hunderte von Millionen Litern Umweltwasser fehlten, sagt Grafton, "mit schwerwiegenden Konsequenzen für das System, jetzt und in Zukunft".

Recherchen des australischen Fernsehens haben mehrfach die engen Verflechtungen zwischen nationalen und regionalen Politikern und der Irrigationsindustrie beleuchtet. Insbesondere der frühere Landwirtschaftsminister Barnaby Joyce machte aus seiner Position nie ein Hehl. Statt es in die Flüsse fließen zu lassen, solle Umweltwasser genutzt werden, "um Futtergras für Rinder" anzubauen.

Hunderte Millionen Dollar an Wasserrechten

Wasser ist längst zu einem lukrativen Handelsobjekt geworden, das nicht nur von Bauer zu Bauer gehandelt wird. Institutionelle Investoren halten Wassernutzungsrechte im Wert von Hunderten von Millionen Dollar. Sie verkaufen die Lizenzen, wenn der Preis am höchsten ist. Eine Anlagerendite von 40 Prozent sei keine Ausnahme, der Profit so hoch, dass er "einen Tränen in die Augen treibt", so ein Agraranalyst. Die Verbindungen zwischen Politik und der Industrie gelangen selten so deutlich an die Öffentlichkeit wie im Mai, kurz vor den Parlamentswahlen. Damals war bekannt geworden, Joyce solle die MDBA gedrängt haben, einem Investoren Wasserlizenzen abzukaufen – zu einem massiv überteuerten Preis. Der Politiker wurde trotzdem wiedergewählt.

Für Jane Pye geht ein langer Tag im Staub zu Ende. Hustend schließt sie das Tor der letzten Schafweide. Sie freue sich auf die Dusche, sagt sie, ein Luxus, von dem andere Bauern, die ihre Wasserreserven inzwischen in Litern zählen, nur träumen können. Ihre Wasserversorgung sei sicher, so tief im Boden, sagt Pye, "zumindest vorerst noch". Denn weil es inzwischen fast überall an Oberflächenwasser fehlt, hat die Regierung dem indischen Rohstoffgiganten Adani erlaubt, unbegrenzt viel Wasser aus dem artesischen Becken zu pumpen. Für den Bau und Betrieb einer der größten Kohleminen der Welt. (Urs Wälterlin aus Walgett, 9.8.2019)