Mit wem hat sie es da eigentlich zu tun? Angela Merkel lernt mithilfe von William Shakespeare im Urlaub ihre Berufskollegen wie Donald Trump besser kennen.

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Noch im Spätherbst ihrer Karriere folgen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel die Paparazzi-Blicke bis auf den Urlaubsbalkon in Südtirol. Was gierige Fotolinsen dort erspähten, versetzte aber nicht so sehr die Klatschpresse, sondern das Feuilleton in Verzückung und dürfte US-Literaturwissenschafter Stephen Greenblatt einen unverhofften Verkaufsschub seines jüngsten Werks bescheren:

Man sah die Kanzlerin vertieft in das schmale Bändchen mit dem Titel Der Tyrann – Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert: ein literarischer Schlüssel, der es einer am Ende ihrer langen Regentschaft womöglich etwas desillusionierten Merkel erlaubt, einen Blick in die kümmerliche Psyche ihrer despotisch herrschenden Kollegenschaft zu werfen.

Verzogene Buben als Autokraten

Greenblatt, wie Merkel ein Meister der Kritik durch die diplomatische Blume, verzichtet in dem Büchlein aber darauf, Trump, Putin, Berlusconi, Orbán oder Erdoğan beim Namen zu nennen; im Rückgriff auf Shakespeares Königsdramen analysiert er die Bedingungen, unter denen aus gekränkten, verzogenen Buben Autokraten erwachsen.

Die Blaupause für Trump erkennt Greenblatt in Shakespeares Richard III. – pathologisch narzisstisch, dem Gesetz gegenüber schamlos: "Das Gemeinwohl ist etwas, von dem nur Verlierer reden. Er redet lieber vom Gewinnen", doch: "Früher oder später wird er zu Fall gebracht."

Merkels eigener Regierungsstil – auch davon zeugt die Lektüre – besticht durch die komplette Absenz jeder Shakespeare-Dramatik. Über die Richards dieser Welt kann die Kanzlerin auf ihrem bescheidenen Balkon nur müde hinweggähnen. (Stefan Weiss, 8.8.2019)