Wenn viele Wahlberechtigte glauben, die Wahl sei schon gelaufen, gehen manche vielleicht gar nicht hin – und dann ist wieder alles anders.

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Linz – "In knapp zwei Monaten, konkret am 29. September, findet die nächste Nationalratswahl statt. Was meinen Sie, ist heute schon klar, wer die Nationalratswahl gewinnt oder ist das noch nicht klar?" Diese Frage legte das Linzer Market-Institut Anfang August 800 repräsentativ ausgewählten Wahlberechtigten vor – und bekam von 49 Prozent die Antwort, dass ihnen das Ergebnis noch offen erscheint. 43 Prozent – Männer deutlich stärker als Frauen – halten die Wahl dagegen schon für gelaufen.

Das ist ein großer Unterschied zum Wahlgang von 2017 – damals meinten zwei Monate vor dem Wahltermin noch 75 Prozent, dass die Wahl (damals als Duell zwischen dem damals amtierenden Kanzler Christian Kern von der SPÖ und dem türkisen Herausforderer Sebastian Kurz inszeniert) noch offen gewesen wäre.

David Pfarrhofer, der mit dem Linzer Market-Institut diese Umfrage für den STANDARD durchgeführt hat, verweist darauf, dass vor allem deklarierte Wähler der SPÖ und der Grünen überwiegend daran glauben, dass noch nicht klar ist, wer gewinnt: "In diesen Gruppen lebt die Hoffnung, während die ÖVP-Wähler in hohem Maße glauben, dass die Wahl entschieden ist."

Siegesgewisse ÖVP-Wähler

Tatsächlich sind die ÖVP-Anhänger zu 93 Prozent überzeugt, dass die ÖVP mit Sebastian Kurz gewinnen wird. Das glauben auch die SPÖ-Anhänger (zu 59 Prozent), aber immerhin jeder vierte Anhänger der Sozialdemokratie bekundet die Erwartung, dass die SPÖ mit Pamela Rendi-Wagner gewinnen werde. Einer ähnlichen Erwartung huldigt übrigens auch jeder vierte FPÖ-Wähler im Hinblick auf einen für möglich gehaltenen Wahlsieg der Freiheitlichen mit Norbert Hofer.

Pfarrhofer sieht das als Indikatoren dafür, dass die ÖVP eine für sie unangenehme Überraschung erleben könnte: "Wenn die ÖVP-Basis glaubt, dass die Wahl ohnehin schon gewonnen wäre, dann ist sie weniger motiviert, für den Wahlsieg auch zu kämpfen. Das kann ein massives Motivationsproblem darstellen. Für die Neos gilt dasselbe: Wenn die Umfragen darauf hindeuten, dass sich der Stimmenanteil ohnehin verdoppeln wird, dann fällt ein Moment der Spannung weg."

Sozialdemokraten motiviert

Umgekehrt könne eine Chance auf eine Änderung der Stimmung für Sozialdemokraten und Grüne motivierend sein. Entsprechend kämpferische Parteigänger könnten sich bemühen, vielleicht noch zusätzliche Unterstützer aus dem Kreis der Unentschlossenen zu gewinnen – oder es könnten die beiden Parteien versuchen, einander potenzielle Anhänger abspenstig zu machen.

DER STANDARD ließ erheben, welche Faktoren den Wahlkampf noch beeinflussen könnten. Dazu wurden einige Szenarien vorgelegt – wobei sich als größter potenzieller Einflussfaktor herauskristallisiert, dass noch ein Skandal aufgedeckt werden könnte. Das halten 71 Prozent für möglicherweise wahlbeeinflussend, vor zwei Jahren war der Wert mit 69 Prozent praktisch gleich hoch. Damals galt auch noch als gleich wichtig, wie sich die Zahl der Migranten auf der Mittelmeerroute entwickelt – dieser Einflussfaktor wird heute nur noch von 55 Prozent genannt. Ebenfalls etwas aus dem Blickfeld geraten ist der Terrorismus: Vor zwei Jahren meinten noch 77 Prozent, dass ein Terroranschlag in Österreich den Wahlausgang beeinflussen könnte, jetzt sagen das nur noch 61 Prozent – "ein Anschlag wird derzeit für weniger wahrscheinlich gehalten, weil es glücklicherweise länger keine Anschläge in Europa gegeben hat", sagt Pfarrhofer.

Leicht gestiegen (von 62 auf 66 Prozent) ist die Erwartung, dass die Berichterstattung in traditionellen Medien die Wahl beeinflussen könnte; leicht gesunken (von 56 auf 53 Prozent) ist die angenommene Bedeutung der TV-Diskussionen.

Auffällig ist auch, dass klassische Wahlwerbung nur von jedem Dritten für bedeutsam gehalten wird. Und Wirtschaftsfragen stehen überhaupt im untersten Bereich der Tabelle. Die Entwicklung der Börsen hat nur in den Augen von zehn Prozent eine Bedeutung – aber auch Arbeitsmarktentwicklung und Wirtschaftsprognosen lassen sechs von zehn Wahlberechtigten kalt. Allenfalls kann man aus den Daten schließen, dass SPÖ-Wähler mehr auf den Arbeitsmarkt schauen, während ÖVP-Wähler mehr die Zukunft der Wirtschaft im Auge haben – und sich die Neos für beides stark interessieren. (Conrad Seidl, 19.8.2019)