Es war der erste Dominostein, und nur mit Mühe konnte die Weltgesundheitsorganisation WHO das Fallen weiterer verhindern. Anfang August, ein Jahr nach dem Ausbruch der weltweit bisher zweitschlimmsten Ebola-Epidemie, kündigte der ostafrikanische Staat Ruanda an, seine Grenze zur Demokratischen Republik Kongo zu schließen. Ziel sei, die Einschleppung des Virus in das eigene Land zu verhindern.

Binnen weniger Stunden begann jene Kettenreaktion, vor der die WHO seit Monaten gewarnt hatte: Preise für Obst und Gemüse auf beiden Seiten der Grenze stiegen, Reisende und Händler begannen abseits offizieller Übergänge vom einen ins andere Land zu migrieren, sodass sie von medizinischem Personal nicht mehr überprüft werden konnten. Helfer aus anderen afrikanischen Staaten überlegten ihre Abreise, um nicht am Ende an der Rückkehr in die Heimat gehindert zu werden.

An den Grenzen zwischen der Demokratischen Republik Kongo und den Nachbarstaat, etwa Ruanda und Uganda, wird die Temperatur der Reisenden gemessen. Sind die Grenzen zu, geht das nicht mehr.
Foto: AP / Ronald Kabuubi

Knapp 24 Stunden später gab die Regierung in Kigali dem internationalen Druck nach und erlaubte Übertritte wieder. Keine weiteren Staaten schlossen die Grenzen. Der Druck der WHO hatte eine Kettenreaktion, die nach Sicht von Experten allen geschadet hätte, gestoppt – diesmal.

Nationalismus und Seuchen

Auch wenn die Folgen letztlich gering waren: Die Ebola-Krise im Ostkongo beginnt zunehmend zu einem Beispielfall dafür zu werden, wie große Menschheitsprobleme nur durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit gelöst werden können – oder wie der Trend zu Nationalismus und Anti-"Globalistentum" für alle zum Weg ins Verderben werden kann. Dabei geht es nicht nur um die Reaktion der benachbarten Länder: Auch jene vieler westlicher Staaten steht zunehmend in der Kritik.

Ebola-Ärztinnen und Ärzte auf Pause in Goma.
Foto: APA / AFP / Augustin Wamenya

Das Schließen von Grenzen zur Abwehr von allerhand angeblichen Gefahren hat sich schließlich auch Donald Trump, Präsident der USA, auf die politischen Fahnen geheftet. Dass der Rückzug ins Nationale auch für die globale Gesundheit gilt, illustriert eine Entscheidung aus dem Frühjahr 2018: Damals hatte die WHO am 8. Mai den Ausbruch von Ebola in der Provinz Équateur des Kongo bestätigt, es war jene Epidemie, die dem Ausbruch im Ostkongo voranging.

Kein Weltdoktor USA

Nur einen Tag später war aus dem Weißen Haus eine paradoxe Entscheidung zu vermelden. Tim Ziemer, angesehener Experte im Bereich der Seuchenbekämpfung und Barack Obamas Mann für Schweinegrippe H1N1 und Ebola, wurde vom Nationalen Sicherheitsrat gefeuert, Gelder für den Anti-Ebola-Kampf gestrichen. Der Termin, wird berichtet, war Zufall. Das Signal, das Trump und sein Sicherheitsberater John Bolton setzen wollten, nicht: Die USA hätten eigene Probleme – die globale Seuchenbekämpfung zähle nicht dazu.

Seuchenlabor in den USA.
Foto: AP / David Goldman

Ohnehin hat Trump bereits seine eigene Geschichte im Umgang mit Ebola – sie reicht zurück ins Jahr 2014. Damals wütete die Seuche in Westafrika, am Ende sollte sie mehr als 11.000 Menschen töten. Dass es nicht noch viel mehr waren, gilt als ein Verdienst der damaligen US-Regierung Barack Obamas. Er schickte nach anfänglichem Zögern rund 3000 Soldaten der US-Armee in die betroffenen Gebiete, seine Regierung stellte Gelder und medizinisches Personal zur Verfügung. Und Washington arbeitete mit den örtlichen und regionalen Regierungen an Plänen, wie die oft misstrauische Bevölkerung von der Zusammenarbeit mit den Spezialisten überzeugt werden kann. Das stellte sich letztlich als Erfolg heraus. Anfang 2015 war der Höhepunkt der Krise überschritten – 2016 war die Epidemie auch nach offiziellen Maßstäben vorbei.

"Psychopath" Obama

Zu jenen, die vor dem Einsatz vehement warnten, zählte damals Donald Trump, wohlhabender Geschäftsmann mit politischen Ambitionen und vielgelesenem Twitter-Account. "Wir haben schon genug Probleme!", teilte er zur Entscheidung Obamas über einen Militäreinsatz mit. Personal, so seine Sorge, werde infiziert zurückkommen. Könne man denn ernsthaft glauben, fragte er rhetorisch, "dass die USA 3000 Soldaten nach Afrika schicken", um dort gegen Ebola etwas auszurichten?

Freilich, so Trump damals in einem anderen Tweet, seien "Menschen, die in weit entfernte Länder reisen, um zu helfen, "großartig". Aber: "Sie müssen dann auch die Konsequenzen tragen." Illustrieren wollte der nunmehrige US-Staatschef damit, dass die USA keinesfalls Menschen, die sich bei der Hilfe mit Ebola infizieren, zur Behandlung ins Staatsgebiet zurückholen sollten. Als Obama dies später dennoch erlaubte, nannte Trump ihn "dumm" und "einen Psychopathen". Neun von insgesamt elf Ebola-Patienten in den USA überlebten letztlich ihre Erkrankung, darunter zwei Krankenschwestern, die sich bei der Behandlung angesteckt hatten. Eine von ihnen, Nina Pham, wurde später von Obama im Weißen Haus empfangen.

Das Schlimmste verhindern

Ganz so schlimm, wie die Episode vermuten lässt, kam es nicht, als mit dem Ausbruch von Ebola im Ostkongo vor einem Jahr Trump vor seiner eigenen Ebola-Krise stand. Experten wie der Wissenschaftsjournalist Ed Yong im "Atlantic" oder der demokratische Gesundheitsspezialist Ronald Klain in "Mother Jones" attestieren der US-Reaktion, sie sei "im Wesentlichen kompetent" und "nicht so schlimm wie die Tweets". Allerdings: Von jenem Level des Engagements, mit dem die USA 2014 halfen, das Schlimmste zu verhindern, sei man nun weit entfernt: Die USA könnten durchaus "mehr tun", teilte die WHO Ende Juli ihre Kritik mit, die sich sowohl auf die Tätigkeit von US-Epidemiologen im Ausbruchsgebiet als auch auf Finanzhilfen bezog.

Präsident Barack Obama und die geheilte Ebola-Patientin Nina Pham im Weißen Haus.
Foto: White House / Pete Souza

Erstere dürfen, anders als zu Obamas Zeiten, ihre Arbeit auf Geheiß der Trump-Regierung nicht mehr im eigentlichen Krisengebiet, sondern nur noch als Berater tätig sein, vor allem in der 1500 Kilometer entfernten Hauptstadt Kinshasa. Washington argumentiert mit den Gefahren, die wegen der politischen Instabilität im Osten des Kongo lauern – diese muss nun Personal aus anderen, oft afrikanischen Staaten schultern.

Wenig Geld, wenig Einsatz

Und was das Geld betrifft – nun ja, sagte die frühere Chefin der US-Behörde für Internationale Entwicklung (USAID) Gayle E. Smith vor einigen Wochen dem "Time"-Magazin: Da seien viele Staaten säumig – und auch die EU, die allerdings mittlerweile ihre Beiträge um 30 Millionen Euro auf nun insgesamt 47 Millionen erhöht hat.

Dass viele Staaten diesmal zögern, so Smith, liege aber auch daran, dass der politische Druck und die US-Vorbildwirkung wegfielen.

Das größte Problem, so lässt sich schlussfolgern, ist bisher also vor allem das Desinteresse Trumps an der Seuche im Zentrum von Afrika, die mittlerweile 1700 Menschen getötet hat – Fallzahlen derzeit stark steigend. Manche Beobachter sehen aber auch noch schlimmere Kräfte am Werk, sie sehen rassistische Beweggründe: Als der CNN-Moderator Victor Blackwell in einem vielbeachteten Monolog über Trumps jüngste Tweets über "rattenverseuchte", mehrheitlich schwarze Wahlkreise in Baltimore ansetzte, nahm er auch auf Ebola Bezug.

CNN

"Jedes Mal, wenn Trump von 'Verseuchung' spricht, geht es um schwarze oder braune Menschen", sagte er gestützt auf zahlreiche Wortmeldungen und Zitate des Staatschefs. "Wieso schicken wir tausende schlecht trainierte Soldaten in Ebola-verseuchte Teile Afrikas? (...) Obama ist so dumm!", lautet Trumps Tweet dazu.

Demagogisches Repertoire

Noch weiter geht Gabriel Schoenfeld, ein früherer Berater des Ex-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, der mit seiner Ansicht aber vorerst allein blieb: Er sorgte sich in einem Meinungsbeitrag für USA Today eherdarüber, was noch kommen könnte. Sollte Ebola eines Tages die USA erreichen, könnte das "wunderbar in Trumps demagogisches Repertoire" passen, würde es doch Trumps Reizthemen "Rasse, Migration und Keime" betreffen. Der Präsident könnte dann etwa den nationalen Notstand ausrufen und alle Grenzen schließen.

Das alles erstaunt: Denn Ebola zu bekämpfen, während die Krankheit noch in Afrika wütet, sollte doch eigentlich auch einem Ziel nationalistischer Denker entsprechen. Oder wie es Gayle Smith in Time ausdrückt: "Die Zeit, Ebola zu bekämpfen, ist jetzt und nicht, wenn es die Grenzen Europas oder der USA erreicht." (Manuel Escher, 10.8.2019)