Das Metropolitan Correctional Center, jenes Gefängnis, in dem Epstein untergebracht war.

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Ein Auto der medizinischen Gutachter beim Metropolitan Correctional Center.

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Ein Sketch einer Szene aus dem Gerichtssaal Mitte Juli. Links: Epstein, rechts: Verteidiger Martin Weinberg.

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Epstein soll minderjährige Mädchen missbraucht haben.

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New York – Jeffrey Epstein, ehemaliger US-Unternehmer und Mathematik-Lehrer, wurde am Samstag tot in seiner Gefängniszelle in Manhattan aufgefunden. Die Behörden gehen von Suizid aus. US-Justizminister William Barr ordnete eine Untersuchung der Todesumstände an, zudem ermittelt die Bundespolizei FBI.

Epsteins Tod werfe "ernste Fragen, die beantwortet werden müssen" auf, sagte Barr. Zusätzlich zu den Ermittlungen der Bundespolizei FBI habe er eine interne Untersuchung des Justizministeriums in die Wege geleitet. Das Bundesgefängnis untersteht dem Ministerium.

Ende Juli lehnte die Staatsanwaltschaft eine Freilassung Epsteins unter Auflagen ab und verwies zur Begründung auf Fluchtgefahr. Kurz danach wurde Epstein bewusstlos in seiner Zelle aufgefunden. Es war die Rede von einem "möglichen Suizidversuch". Gefängnisbehörden hätten schon damals wegen des Verdachts eines möglichen Suizidversuches ermittelt.

Daraufhin stand Epstein wegen Suizidgefährdung unter Beobachtung. Sechs Tage nach dem Vorfall, so wurde am Samstag bekannt, sei die Suizidbeobachtung aber wieder aufgehoben worden, meldete die New York Times.

Prozedere nicht eingehalten

Epstein sei in der Haftanstalt Metropolitan Correctional Center (MCC) in einer besonderen Einheit mit strengeren Sicherheitsvorkehrungen untergebracht gewesen, so die New York Times. Beim MCC seien zwei Gefängniswärter dafür zuständig, jeweils alle 30 Minuten alle Häftlinge zu überprüfen. Die britische Nachrichtenagentur Reuters zitiert eine anonyme Quelle, die angibt, dass dieses Prozedere über Nacht nicht eingehalten wurde. An dem Tag an dem Epstein tot aufgefunden wurde, arbeiteten die Gefängniswärter lange Überstunden, teilte eine weitere anonyme Quelle der Presseagentur "Associated Press" mit.

Die New York Times berichtete am Sonntag zudem, das Gefängnis habe Epsteins Zellengenossen verlegt und damit zugelassen, dass der ehemalige Investmentbanker alleine untergebracht wird. Das sei geschehen, rund zwei Wochen nachdem die Suizidbeobachtung aufgehoben wurde. Auch dieses Vorgehen widerspreche dem üblichen Prozedere des Gefängnisses, so die New York Times. Zudem wurde dem Justizministerium zuvor versichert, es werde eingehalten.

Spekulationen und Verschwörungstheorien

Am Vortag des Suizids waren neue Dokumente an die Öffentlichkeit gekommen, die weitere verstörende Details über Epsteins Taten und sein Vorgehen enthielten. Unter den Dokumenten befanden sich unter anderem Polizei-Berichte, Fotos und die verschriftlichten Erinnerungen einer Frau, ein mutmaßliches Opfer Epsteins.

Währenddessen reichen die Meldungen in sozialen Netzwerken und amerikanischen Medien von Spekulationen bis hin zu Verschwörungstheorien. Trump teilte einen Tweet, in dem die Verschwörungstheorie aufgestellt wird, Bill Clinton könnte in den Tod Epsteins verwickelt sein. "Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie unser Präsident seine Machtposition nützt, um seine politischen Gegner mit unbegründeten Verschwörungstheorien anzugreifen", sagte der demokratische Präsidentschaftsanwärter Beto O'Rourke auf CNN.

Der amerikanische Komödiant Terrence Williams schrieb in dem Tweet: "Jeffrey Epstein hatte Informationen über Bill Clinton – und nun ist er tot".

So manche Spekulationen über den Tod von Epstein werden auch von den Verteidigern jener Frauen unterstützt, die gegen Epstein geklagt haben. Wer wollte ihn lieber tot sehen als vor Gericht? Wurde er zum Suizid gedrängt oder gar dabei unterstützt? Ein bevorstehender Prozess gegen Epstein hätte weitere Prominente schwer belastet, heißt es. Anwältin Kimberly Lerner, die Klägerinnen vertritt, spricht in einem Interview mit der Washington Post von einem ganzen Netzwerk, das Epstein gedeckt habe.

Beziehungen zu Promis

Fest steht: Der des sexuellen Missbrauchs beschuldigte ehemalige Hedge-Fonds-Manager hatte Verbindungen in die höchsten Kreise. Er zählte früher unter anderem Ex-Präsident Bill Clinton, Prinz Andrew, Woody Allen und den heutigen US-Präsidenten Donald Trump zu seinen Freunden.

Trump distanzierte sich zuletzt von Epstein. Er habe vor langer Zeit ein Zerwürfnis mit ihm gehabt und sei kein Fan von ihm gewesen. In einem Artikel im "New York Magazine" beschrieb Trump Epstein dagegen im Jahr 2002 als "großartigen Mann", der seine Liebe zu schönen Frauen teile, von denen viele "auf der jüngeren Seite" seien.

Im Falle einer Verurteilung hätten Epstein bis zu 45 Jahre Haft gedroht. Der Prozess gegen ihn sollte frühestens im Juni kommenden Jahres beginnen. Erst am Freitag waren zu dem Fall rund 2.000 Seiten Dokumente freigegeben worden. Die Staatsanwaltschaft von Manhattan erklärte, der Fall werde nicht zu den Akten gelegt.

Sex mit Prominenten

Dem 66-Jährigen wurde vorgeworfen, dutzende minderjährige Mädchen missbraucht zu haben. Er wurde im Juli dieses Jahre festgenommen, als er von einer Frankreichreise mit seinem Privatjet zurückkehrte. Laut Anklageschrift hat Epstein zwischen 2002 und 2005 in New York und Florida einen illegalen Sexhandelsring aufgebaut. Einige der Mädchen seien erst 14 Jahre alt gewesen und mit großen Summen Bargeld angelockt und dazu verleitet worden, weitere Mädchen heranzuschaffen. Eine der Zeuginnen sagte aus, sie sei Epsteins "Sex-Sklavin" gewesen und zu Sex mit zahlreichen bekannten Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft gezwungen worden – was diese ausnahmslos bestritten. Epstein wies diese Anschuldigungen bis zuletzt zurück.

Umstrittener Deal

Der Ex-Investmentbanker war bereits 2008 einem Verfahren wegen Missbrauchsanschuldigungen entgangen, weil er damals einen Deal mit der Staatsanwaltschaft eingegangen war.

Der Skandal erreichte sogar die US-Regierung. Vor knapp einem Monat war US-Arbeitsminister Alexander Acosta in dem Missbrauchsskandal um Epstein zurückgetreten. Als damaliger Staatsanwalt in Florida hatte Acosta dem umstrittenen Deal, der dem Unternehmer ein Verfahren vor einem Bundesgericht ersparte, zugestimmt.

500 Millionen Dollar

Die Anwältin Lisa Bloom, die zwei mutmaßliche Opfer von Jeffrey Epstein vertritt, will, dass ein Zivilgerichtsverfahren über seinen Nachlass einleitet wird. Nachdem die strafrechtliche Verfolgung nicht mehr möglich sei, forderte sie die Ankläger auf, Zivilklage zu erheben. Sie rief zudem die Verwalter von Jeffrey Epsteins Nachlass auf, sein gesamtes Vermögen einzufrieren und für die mutmaßlichen Opfer bis zu einem Zivilverfahren aufzubewahren. Epsteins Vermögen wurde zuletzt auf mehr als 500 Millionen Dollar geschätzt.

Auch New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio versprach den Missbrauchsopfern Gerechtigkeit. "Jeffrey Epstein mag seinem Tag vor Gericht entkommen sein, aber wenn die wohlhabenden Raubtiere, die an seinem Sexring beteiligt waren, glauben, dass sie gerade davongekommen sind, liegen sie falsch", schrieb er auf Twitter. (red, 11.8.2019)