Premier Boris Johnson sieht sich wohl als Baumeister für die britische Zukunft. In Sachen Brexit ist er bereit, bestehende Konstrukte einstürzen zu lassen.

Foto: Reuters/JULIAN SIMMONDS

London – Das britische Pfund bleibt wegen der Sorge vor den Folgen eines ungeregelten EU-Austritts Großbritanniens auf Talfahrt. In der Nacht auf Montag wurden für ein Pfund zeitweise nur noch 1,0724 Euro gezahlt.

Dies ist der niedrigste Kurs seit dem Herbst 2009. Das Rekordtief von 1,0200 Euro für ein Pfund aus dem Krisenjahr 2008 rückt damit in greifbare Nähe. Zuletzt kostete ein Pfund am Montag wieder 1,0800 Euro. Auch zum US-Dollar bleibt die britische Währung auf Talfahrt. Hier wurde in der vergangenen Nacht bei 1,2015 Dollar für ein Pfund der tiefste Kurs seit Anfang 2017 erreicht.

Seit Ende Juli hat sich das Tempo der Pfund-Talfahrt deutlich erhöht. Der neue Premierminister Boris Johnson hatte klar gemacht, dass seine Regierung auf jeden Fall einen Austritt aus der EU Ende Oktober anstrebt, notfalls auch ohne Abkommen.

Schrumpfendes Wirtschaftswachstum

Neben der Sorge vor einem ungeregelten Brexit sorgten auch überraschend schwache Konjunkturdaten für Druck auf die britische Währung. Am vergangenen Freitag war bekannt geworden, dass die Wirtschaft des Landes im zweiten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft ist. Die Finanzmärkte hatten hingegen eine Stagnation erwartet, nach 0,5 Prozent Wachstum zu Jahresanfang.

Der neue britische Premierminister Boris Johnson ist angetreten, die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union bis 31. Oktober notfalls auch ohne Scheidungsabkommen zu beenden. Eine Mehrheit für einen No-Deal-Brexit ist im Parlament aber fraglich. Johnson will den mit Brüssel ausgehandelten Vertrag noch einmal aufschnüren, was die Europäische Union aber ablehnt. "Die politischen Unsicherheiten haben zuletzt zugenommen, da Premierminister Johnson die 'harte Brexit-Rhetorik' verstärkt hat", sagte Kallum Pickering von der Berenberg-Bank. Er sieht nur eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit eines geordneten EU-Austritts Ende Oktober. Damit dürften die Unsicherheiten bis ins vierte Quartal weitergehen – in Form eines harten Brexits und sogar von Neuwahlen, fügte der Experte hinzu.

Warnungen von Analysten

Die Wachstumsdaten für das zweite Quartal haben "den Fokus auf die Bedrohungen für die britische Wirtschaft gelenkt", sagte Analyst Neil Wilson vom Handelshaus Markets.com. Seiner Einschätzung nach werde das Pfund durch eine Kombination aus einer abflauenden heimischen Wirtschaft, einer allgemeinen Schwäche der Weltwirtschaft und dem Risiko eines ungeregelten Brexits nach unten gezogen.

Analyst Craig Erlam vom Handelshaus Oanda verwies darauf, dass es innerhalb der EU keine Hinweise auf ein Einlenken auf britische Forderungen gebe und dass die Zeit bis zum Brexit-Datum Ende Oktober schnell verstreiche. "Die politische Lage bietet keine Hoffnungsschimmer", kommentierte Devisenexperte Manuel Andersch von der BayernLB die Lage. (APA, 12.8.2019)