Ein Hund ist mehr als nur ein Haustier. Er ist ein Motor für Bewegung – das tägliche Gassigehen fördert die Gesundheit der Hundebesitzer.

Foto: Getty Images / Debra Bardowicks

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen bei Ihrem nächsten Arztbesuch kein Medikament, sondern eine Eintrittskarte ins Museum verschrieben. Was etwas skurril anmutet, ist in manchen Ländern bereits gelebte Praxis. In Großbritannien etwa hat Gesundheitsminister Matt Hancock mit "Social Prescribing" gerade eine neue Initiative angekündigt.

Das Konzept – am ehesten mit "soziales Rezept" zu übersetzen – ist nicht neu. Bereits seit den 1990er-Jahren haben Hausärzte in Großbritannien die Möglichkeit, ihren Patienten unkonventionelle Therapien zu verschreiben. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass viele Krankheiten nicht mit Pillen zu heilen sind.

Allen voran sind es soziale Faktoren, die das Wohlbefinden und die Gesundheit maßgeblich beeinträchtigen, dazu gehören auch finanzielle Sorgen. Deshalb unterstützen in England sogenannte "Link-Worker" die Hausärzte dabei, das passende Angebot aus dem Spektrum des Social Prescribing auszuwählen. Zumeist werden sie von den Gemeinden oder von karitativen Einrichtungen angeboten.

Dirigieren und tanzen

So offeriert im englischen Hull das Royal Philharmonic Orchestra Menschen nach einem Schlaganfall ein interessantes Angebot. Sie können, sofern sie es beherrschen, ein Instrument mitspielen oder sogar das ganze Orchester dirigieren. Die Patienten berichteten von merkbaren körperlichen und psychischen Verbesserungen – weniger Schwindelanfällen, besserem Schlaf und einer verbesserten Konzentrationsfähigkeit.

In Lambeth, einem Bezirk in London, werden Tanzstunden zur frühzeitlichen Behandlung von Psychosen verschrieben und in Gloucestershire, im Südwesten Englands, Gesangsunterricht bei Lungenerkrankungen vermittelt.

Personalisiertes Wohlbefinden

Aber es geht nicht nur um Kunst und Kultur. Das Bromley by Bow Centre, eine Primärversorgung in Tower Hamlets, einem traditionellen Arbeiterbezirk in London, bietet seit 1984 "Social Prescribing"-Programme an. Mehr als 30 verschieden lokale Angebote stehen zur Auswahl – vom Schwimmkurs über Jugend- und Senioren-Treffs bis hin zur Rechtsberatung.

"Social Prescribing befähigt die Patienten, darüber zu entscheiden, wie ihre persönliche Versorgung erbracht werden soll. Es ist Teil einer Strategie zur ganzheitlichen Versorgung, die berücksichtigt, was den Menschen wichtig ist, und auf ihre individuellen Stärken und Bedürfnisse eingeht", sagt der österreichische Arzt Werner Leber, der seit fünf Jahren am Bromley by Bow Health Centre arbeitet.

Erst kürzlich hat das staatliche Gesundheitssystem NHS (National Health Service) in Großbritannien seine aktuelle Langfristplanung unter dem Titel "Personalised Care" veröffentlicht. Darin spielt Social Prescribing ebenfalls eine wichtige Rolle. In den kommenden zwei Jahren sollen 1000 neue Link-Worker aufgenommen und neue Angebote erstellt werden. Gesundheitsminister Hancock will damit die Hausärzte entlasten und, das gibt er offen zu, Geld für Medikamente und andere Behandlungen sparen.

Praktische Umsetzung

Das Konzept findet breite Zustimmung, Kritiker warnen allerdings vor möglichen unerwünschten Nebenwirkungen des sozialen Rezepts. Wie bei vielen Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit sind es oft Menschen mit besserer Bildung und höherem Einkommen, die solche Leistungen in Anspruch nehmen, argumentieren sie.

Diejenigen, die es dringend brauchen, finden schwerer Zugang. Zudem würden Hausärzte zu Gatekeepern für Leistungen gemacht, die bisher für alle Menschen frei zugänglich waren. Angeboten, die nicht in das offizielle Programm passen, würde die öffentliche Förderung gestrichen.

Ganz neu ist die Idee in Österreich nicht. Im Regierungsprogramm 2003 fand sich bereits der Vorschlag, Ärzte sollen "grüne Rezepte" für gesundheitsfördernde Maßnahmen verordnen können. Umgesetzt wurde die Idee bisher nicht. Vielleicht eine Anregung für die laufende Sozialversicherungsreform und das bevorstehende neue Regierungsprogramm. (Andrea Fried, CURE, 1.9.2019)