Für das Gesamtjahr 2019 erwartet Wienerberger "trotz aktueller Unsicherheitsfaktoren" eine weitgehend stabile bis leicht wachsende Nachfrage in den Kernmärkten.

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Vielen Unternehmen ist nicht ganz wohl zumute, wenn sie an den Brexit denken, den angekündigten Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Wienerberger, der weltweit größte Ziegelproduzent mit starkem Standbein auch im Bereich von Rohrsystemen und Bodenbefestigungen, tickt anders.

"Wir haben den Brexit schon dreimal geprobt und sehen uns für alle Eventualitäten gut gerüstet", sagte Wienerberger-Generaldirektor Heimo Scheuch bei der Präsentation der Halbjahreszahlen am Dienstag. Er spielte damit auf die mehrmaligen Verschiebungen des Austrittsdatums an.

Der Grund, warum er sich in Sachen Wienerberger-Aktivitäten auf der Insel wenig Sorgen macht? "Es gibt einen großen Nachholbedarf in Großbritannien bei Wohnungsneubau und -sanierung", sagte Scheuch.

Vor dem Krisenjahr 2008/09 sei weniger gebaut worden als benötigt – rund 200.000 Wohnungseinheiten pro Jahr. Derzeit werde noch weniger gebaut – 160.000 bis 165.000 Einheiten pro Jahr. "Da hat sich ein enormer Rückstau gebildet, der irgendwann abgearbeitet werden muss", sagte Scheuch.

Großbritannien als Kernregion

Für das Unternehmen vom Wienerberg, wo tschechische Arbeiter vor 200 Jahren begannen, in großem Stil Ziegel zu brennen, gehört Großbritannien zu den Kernregionen. Mit einem Anteil von zehn Prozent am Konzernumsatz ist die dem Kontinent vorgelagerte Insel nicht nur der größte Einzelmarkt des Ziegelherstellers, Wienerberger ist auch Österreichs größter Investor in Großbritannien. An 16 Standorten, darunter neun Ziegelwerken, sind gut 1200 der insgesamt rund 17.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Von sich reden gemacht hat Wienerberger in Großbritannien vor 15 Jahren. 2004 übernahm der Baustoffkonzern den damals drittgrößten Ziegelproduzenten der Insel, Thebrickbusiness (TTB). Frühere Einstiegsversuche in den britischen Markt waren von weniger Erfolg gekrönt. Bei Redland zog Wienerberger Ende der 1990er-Jahre gegen Lafarge den Kürzeren, bei Ibstock musste man CRH die Vorfahrt lassen. Inzwischen fühlt sich Wienerberger auf der Insel – und nicht nur dort – gut und sicher positioniert.

Zollrisiko minimal

Das Zollrisiko sei aufgrund der vorwiegend lokalen Produktion jedenfalls limitiert, sollte es zum Brexit kommen, wovon Scheuch ausgeht.

Rückenwind für Wienerberger vermeint Scheuch im globalen Geschäft nicht zuletzt durch die fortschreitende Erderwärmung zu spüren. Der Lehmziegel, das Hauptprodukt von Wienerberger, sei bestens geeignet gegen Kälte im Winter und Hitze im Sommer.

Bei Rohrsystemen sieht Wienerberger vor allem in Osteuropa Wachstumsmöglichkeiten. Dort seien mit Co-Finanzierung der EU schon viele Projekte auf den Weg gebracht worden, viele neue kämen noch dazu. Zukäufe hätten momentan keine Priorität. Scheuch: "Wenn sich aber etwas ergibt, das unsere Produktpalette ergänzt, und der Preis passt, greifen wir zu."

Nach den Rekordzahlen bis Juni mit einem um 33 Prozent auf 287 Millionen Euro gestiegenen Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) rechnet Scheuch im Gesamtjahr mit einem Ebit zwischen 570 und 580 Millionen Euro – so viel wie noch nie. (Günther Strobl, 13.8.2019)