Wie Obdachlose am besten versorgt werden, richtet sich nach dem Bedarf. Es entscheidet aber auch darüber, wo sie sichtbar sind.

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Wien – Auf den weißen Monobloc-Stühlen, jenen Plastiksesseln, die man aus Gärten und Eisdielen kennt, sitzen knapp ein Dutzend Leute. Hinter ihnen ist eine besprühte Wand, vor ihnen liegen Melonen und Bierdosen auf Plastiktischen. Manche reden in verschiedenen Sprachen und wild durcheinander, andere beobachten still. Was sie eint: Nachts haben sie keinen Platz zu schlafen. Und: Tagsüber kommen sie hierher ins Nord-Light in der Donaustadt.

Jozef Z. und Daniel M. sitzen abseits am hinteren der Tische. Sie trinken nicht, obwohl hier moderate Mengen erlaubt sind – als moderat gelten drei Dosen Bier oder ein Tetrapak Wein. "Andere Einrichtungen haben große Probleme mit Alkohol oder Drogen", sagt Jozef, Anfang Fünfzig, neongelbes Shirt, "hier ist es ruhiger." Der Slowake lebt seit sechs Jahren auf der Straße.

Seit Mai ist das erste Wiener Tageszentrum für Obdachlose nördlich der Donau geöffnet, 70 Menschen können in der Einrichtung in der Dr.-Otto-Neurath-Gasse unterkommen

Das Nord-Light ist das erste Tageszentrum nördlich der Donau.
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Rausdrängen oder helfen

Schicksalsschläge, die zu Obdachlosigkeit führen können, "können in der ganzen Stadt eintreffen, also muss es überall Konzepte geben", sagte Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ), bei einem Termin vor Ort.

Die richtige Infrastruktur für Wohnungslose zu schaffen ist eine Gratwanderung: Womit schließt man eine Lücke, womit verbannt man Menschen an den Stadtrand?

Tageszentren befinden sich vor allem in den inneren Bezirken, laut Fonds Soziales Wien (FSW) halten sich die Menschen eher in diesem Bereich auf. Da gibt es das Stern im Zweiten, die Gruft im Sechsten, das Josi im Achten oder den Vinzenztreff im Sechzehnten. Der FSW evaluiert laufend, wo es Obdachlosenhilfe braucht. "Momentan gibt es keinen weißen Fleck, auch nicht in Randbezirken", sagt ein Sprecher.

"Nicht ganz an den Stadtrand"

Weiter stadtauswärts sind die Bedürfnisse oft anders. "Dass wir Zentren nicht ganz an den Stadtrand stellen, ist logisch, das ist nicht unsere Idee von Sozialarbeit", sagt ein Sprecher Hackers. In Floridsdorf, auch dort gibt es kein Tageszentrum für Obdachlose, verweist der Bezirksvorsteher Georg Papai (SPÖ) auf zahlreiche Dauerwohneinrichtungen und sagt: "Eine größere Gruppe von Obdachlosen ist in Floridsdorf im öffentlichen Raum nicht wahrnehmbar."

Wie viele Obdachlose es in Wien gibt, ist unbekannt. Das Winterpaket der Wohnungslosenhilfe nahmen 2017/18 rund 3200 Menschen in Anspruch, österreichweit gelten etwa 15.000 Menschen als wohnungslos. In der Donaustadt konnte man aus der Nutzung des Winterquartiers Bedarf für ein Tageszentrum ableiten.

Im Aufenthaltsraum sind alle willkommen – auch, mit Tieren, eine Besonderheit in Obdachloseneinrichtungen.
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Auf der Insel oder im Prater

Viele der Menschen, die das Nord-Light nutzen, schlafen auf der Donauinsel oder in der Umgebung des Praters. In der Tagesstätte können sie duschen, ihre Wäsche waschen oder einfach durchatmen. Durch den Aufenthaltsraum – ein schlichter, aber freundlicher Raum mit Fernseher, Schachbrett und, ganz wichtig, Steckdosen – führt der Weg ins Depot. Dort stapeln sich Trolleys, Reisetaschen und blaue Ikea-Plastik-Säcke, alle sorgsam mit einem Stück beschriftetem Kreppband markiert. Hier können Obdachlose die Dinge, die sie haben, sicher verwahren. Gegenüber sind die Schlafsäle: Ab November wird die Tagesstätte wieder als Wärmestube und Winternotquartier betrieben werden.

Draußen vor dem Eingangsbereich des Nord-Lights, das die Volkshilfe betreibt, soll es vor kurzem gebrannt haben. Ein Ausnahmefall, sagt Alena Mach, Leiterin der Unterkunft. Unweit der Brandstelle sitzen Jozef Z. und Daniel M. bei einer Zigarette.

Daniel wird bald Dreißig, auch er kommt aus der Slowakei und ist mittlerweile täglich hier, sagt er. Hier bekomme er jeden Tag Essen, so viel er wolle, und gratis Kaffee. Manchmal geht Daniel nach Tschechien, um zu arbeiten. Aber der Lohn dort sei schlecht, und Schlafplätze gebe es keine. Um 17 Uhr sperrt das Nord-Light zu. Wo wird er danach hingehen, wo wird er schlafen? "Gute Frage", sagt er. (Gabriele Scherndl, 19.8.2019)