Inhalte des ballesterer (http://ballesterer.at) #144 (September 2019) – Seit 16. August im Zeitschriftenhandel und digital im Austria-Kiosk (https://www.kiosk.at/ballesterer)

SCHWERPUNKT: SV WErder Bremen

THIS IS OSTERDEICH

Ein Spaziergang durch Bremen und die Werder-Geschichte

FÜR IMMER WESERSTADION

Fans protestieren gegen die Umbenennung

GRÜN UND ROT

Werder und das Bremer Rathaus

Außerdem im neuen ballesterer

DIE ILZER-IDEEN

Der neue Austria-Trainer über Systeme und Vorbilder

BLAU GEGEN GRÜN?

Die Volksanwaltschaft und die Rapid-Fans

RETTUNGSVERSUCH

Die schwedischen Fans kämpfen um ihre Kurven

BEIM KOSMISCHEN DRACHEN

Die filmische Würdigung Diego Maradonas

"DAS NIVEAU WAR SEHR HOCH"

Anthony Baffoe über den Afrika-Cup

Im Sinne der Mehrheit

Ein Anstoß zu 50+1 im deutschen Fußball

ERSTKLASSIG

Frauen- und Männerteams in Europa

ABSTIEG ALS RETTUNG

1860-Fans auf Auswärtsfahrt durch Bayern

RUNDER GEBURTSTAG

Das Buch zu 100 Jahre Vorwärts Steyr

VOM ALL ZUM BALL

Der Ehrenankick von Kosmonautin Tereschkowa

GROUNDHOPPING

Matchberichte aus Deutschland, Irland und Polen

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Klaus Allofs: "Bei Werder habe ich Kevin de Bruyne nur ausleihen können, beim VfL habe ich ihn verpflichtet."

Foto: Bongarts/Getty Images

Die Schaaf-Allofs-Ära.

Foto: REUTERS/CHRISTIAN CHARISIUS

"Für Sie, Klaus, ist bei uns immer ein Stuhl frei", sagte Werder-Trainer Otto Rehhagel seinem scheidenden Mittelstürmer Allofs am 5. Juni 1993. Die Bremer hatten dem FC Bayern in der Runde zuvor die Tabellenführung abgenommen und sich schließlich mit einem 3:0 über den VfB Stuttgart den Meistertitel gesichert. In der 82. Minute ersetzte Rehhagel Jungstar Andreas Herzog durch den 36-jährigen Allofs. Der nahm die Abschiedsgesten seines Trainers ernst und kehrte 1999 als Sportdirektor an die Weser zurück. Gemeinsam mit seinem früheren Mitspieler Thomas Schaaf, der inzwischen den Trainerposten übernommen hatte, führte er den Klub 2004 zum Double und 2009 zum Pokalsieg sowie fünfmal hintereinander in die Champions League.

ballesterer: In der Saison 1989/90 sind Sie mit Girondins Bordeaux Vizemeister geworden und haben 14 Tore erzielt. Wie hat Otto Rehhagel Sie davon überzeugen können, ausgerechnet nach Bremen zu wechseln?

Allofs: Bordeaux hat mir zu einem Wechsel geraten, weil der Verein große wirtschaftliche Probleme hatte. Davon hörte Otto Rehhagel und rief mich an. Ich wollte eigentlich in Frankreich bleiben, doch Rehhagel hat, wie so oft, den richtigen Knopf gedrückt. Er sagte: "Wir haben eine super Mannschaft mit erfahrenen und jungen Spielern. Aber uns fehlt noch etwas, damit wir Titel holen können. Und ich glaube, das bist du." Damit hatte er mich.

ballesterer: Sie waren 33 Jahre alt. Rehhagel war dafür bekannt, stärker auf Erfahrung als auf jugendliche Fitness zu setzen.

Allofs: Er war in der Hinsicht vorurteilsfrei. Er hat gewusst, dass eine Saison lang ist und das Zusammenleben der Spieler von großer Bedeutung für den Erfolg ist. Rehhagel hat sich nicht von Moden leiten lassen, sondern eine klare Vorstellung davon gehabt, was ein Spieler mitbringen muss. Wenn jemand seine Erwartungen erfüllt hat, war ihm egal, wie alt er war.

ballesterer: Was haben Sie damals, im Sommer 1990, mit Werder Bremen verbunden?

Allofs: Ich habe Werder nur von den Auswärtsspielen aus meiner Bundesliga-Zeit gekannt. Ich hatte also das Stadion im Kopf und die Flutlichtspiele. Es war meist zugig und hat oft geregnet. Bei Werder war es immer schwer, etwas zu holen.

ballesterer: Sie haben als Spieler mit Werder die Meisterschaft, den Pokal und den Cup der Cupsieger gewonnen. In der ewigen Torschützenliste der Bundesliga liegen Sie mit 177 Treffern auf dem zehnten Platz. Wie wichtig sind Ihnen Titel?

Allofs: Über die Qualität einer Mannschaft oder eines Spielers kann man immer geteilter Meinung sein, daher sind Titel der beste Gradmesser. Mit Werder Titel zu holen, war eine besondere Genugtuung, weil wir immer der Gegenspieler von Bayern München waren: David gegen Goliath.

ballesterer: Der Werder-Chronist Norbert Kuntze bezeichnet Sie als einen der elegantesten Bundesliga-Spieler aller Zeiten. Können Sie damit etwas anfangen?

Allofs: Ich habe in Deutschland lange das Problem gehabt, dass man mir nachsagte, ich sei zu verspielt und nicht konstant genug. Als Mittelstürmer habe ich immer versucht, beides zu sein: ein Abstauber und jemand, der etwas wagt, vorbereitet, dribbelt und Hackentricks macht. In Frankreich hat mich diese Einstellung plötzlich zu jemand Besonderem gemacht. Die Leute haben meine Spielweise geliebt. Dort gibt es ja den Begriff der brotlosen Kunst nicht.

ballesterer: Haben Sie als Werder-Sportdirektor nach Spielern gesucht, die einen ähnlichen Stil wie Sie verkörpert haben?

Allofs: Unterbewusst ganz sicher. Man hat eben eine Idee davon, wie Fußball gespielt werden soll. So bin ich vielleicht zu Spielern gekommen, die Eigenschaften mitgebracht haben, die ich selbst hatte oder gerne gehabt hätte. Bei Offensivspielern habe ich immer auf die Abwehrqualitäten geachtet, weil ich meine defensiven Aufgaben oft vernachlässigt habe.

ballesterer: Dabei war Werder in der Schaaf-Allofs-Ära für seine Abwehrschwäche bekannt.

Allofs: Aber nicht, weil taktische Vorgaben nicht eingehalten worden wären, sondern wegen unserer Einstellung. Der Schwerpunkt lag auf dem offensiven Spiel. Wir waren keine Stilidealisten, denen Ergebnisse egal sind. Im Zweifelsfall hätten wir aber lieber 3:3 als 0:0 gespielt. Thomas Schaaf und ich waren immer Verfechter dieses Zugangs. Wir konnten gar nicht anders.

ballesterer: Vor dem Double 2004 haben Sie, Thomas Schaafs typischem Understatement zum Trotz, öffentlich das Ziel formuliert, Meister zu werden. Was hat Sie so sicher gemacht?

Allofs: In die Rolle bin ich ein wenig gedrängt worden. Damals ist ein Spieler zu uns gekommen, der in der Auflistung der gelungenen Einkäufe häufig gar nicht genannt wird: Ümit Davala. Vor seiner Vorstellung haben wir mit ihm nicht über die sportlichen Ziele gesprochen. Und dann saß er auf dem Podium und sagte: "Ich will Meister werden." Wir sind alle blass geworden. Das war der bis dahin deutlichste Ausdruck eines gewachsenen Selbstvertrauens der Spieler. Natürlich war Bayern der große Favorit, und wir wollten nicht als Träumer gelten. Durch die Entwicklung der Mannschaft und Leistungsexplosionen bei Ailton, Johan Micoud und Ivan Klasnic wurde die Meisterschaft zu einer realistischen Variante.

ballesterer: Der heutige Sportdirektor Frank Baumann hat zu Beginn der vergangenen Saison das Ziel eines Europacupplatzes ausgegeben und dies nach einigen verlorenen Spielen revidiert.

Allofs: Es ist fatal, sich unrealistische Ziele zu stecken. Daran kann man zerbrechen. Genauso schlimm ist es, wenn man seiner Mannschaft zu wenig zutraut. Die richtige Motivation zu finden, ist immer eine Gratwanderung. Und ich spreche noch nicht einmal von dem, was nach außen dringt.

ballesterer: Motivationsarbeit fällt klassischerweise unter die Aufgaben des Trainerstabs. Wie hat die Arbeitsteilung mit Thomas Schaaf funktioniert?

Allofs: Wir kannten uns gut, weil wir drei Jahre lang erfolgreich miteinander gespielt haben. So hatten wir in unseren neuen Rollen von Anfang an ein großes Vertrauen zueinander. Natürlich haben sich Aufgaben manchmal überlappt. Ich musste zum Beispiel Dinge sagen, die der Trainer schon zweimal gesagt hatte, damit es sich bei ihm nicht abnutzt. Das größte Plus in unserer Zusammenarbeit war, dass wir – meistens unausgesprochen – vermieden haben, uns in die Quere zu kommen, also die Autorität des anderen zu untergraben. Ich bin selbst ausgebildeter Trainer und glaube, ein Gefühl dafür zu haben, was Trainersache ist. Bei der Auswahl neuer Spieler waren wir uns zu Beginn oft nicht einig, haben am Ende aber jede Entscheidung gemeinsam getragen.

ballesterer: Sie haben neben Johan Micoud Spieler wie Claudio Pizarro, Miroslav Klose, Diego und Mesut Özil nach Bremen geholt. Wären diese Transfers in Zeiten professioneller Scoutingabteilungen noch denkbar?

Allofs: Es bringt nichts, den Spieler mit den besten Anlagen zu verpflichten, wenn man ihn zum falschen Verein holt. Wir haben es fast immer geschafft, Neuzugänge gut zu integrieren und sie dabei zu unterstützen, sich zu verbessern. Das hat mit der Trainingsarbeit, den Mitspielern und einer positiven Atmosphäre zu tun. Wegen unserer begrenzten finanziellen Mittel haben wir uns an Spielern mit großem Potenzial orientiert, die bei ihren vorigen Vereinen die Erwartungen nicht erfüllt hatten. Das ist bei Johan Micoud der Fall gewesen, der sich in Frankreich als potenzieller Zidane-Nachfolger nicht durchgesetzt hat, und auch bei Diego, der beim FC Porto auf der Tribüne versauert ist. Bei Werder ist ihnen die Bedeutung gegeben worden, die sie gebraucht haben, um sich zu entfalten.

ballesterer: Warum hat das bei Marko Arnautovic 2010 nicht funktioniert?

Allofs: Marko hat mit seinem Auftreten stark polarisiert, und Werder war zu dem Zeitpunkt nicht mehr der Klub, der Spielern über eine schwierige Phase hinweghelfen konnte. Wir hatten andere Probleme. Marko hat sich in einem Umfeld bewegt, das nicht leistungsförderlich war, und hat es nicht geschafft, sein immenses Können einzusetzen. Nach seinem Wechsel nach England hat er sich auch persönlich weiterentwickelt. Dass es in Bremen nicht geklappt hat, war schade, denn Marko war eigentlich ein typisches Beispiel für eine Werder-Verpflichtung.

ballesterer: 2012 sind Sie nach Wolfsburg zum VW-Werksklub gegangen. Das haben Ihnen einige Fans übel genommen.

Allofs: Ich hatte nach zwölfeinhalb Jahren bei Werder das Gefühl, dass ich etwas Neues anfassen sollte. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem es an Dynamik fehlte. Wolfsburg hat mir ganz andere Möglichkeiten geboten, Strukturen zu entwickeln und eine Mannschaft zusammenzustellen. Bei Werder habe ich Kevin de Bruyne nur ausleihen können, beim VfL habe ich ihn verpflichtet. Dass ich mit meinem Wechsel einige Bremer verärgert habe, kann ich verstehen. Das ist aber inzwischen ausgestanden. Werder ist weiterhin mein Klub.

ballesterer: Ein Traditionsklub, der gerade für drei Millionen Euro jährlich die Namensrechte an seinem Stadion an eine Immobilienfirma verkauft hat. Hätte es das unter Ihnen gegeben?

Allofs: Wir hatten die Namensrechte de facto an unseren Hauptsponsor EWE verkauft, waren nur in der glücklichen Situation, dass er davon keinen Gebrauch gemacht hat. Die wirtschaftliche Notwendigkeit hinter der Entscheidung zur Umbenennung kann ich also verstehen. Wir mussten damals den gleichen Kampf führen: Man will den alternativen Weg einschlagen und die Traditionen erhalten und weiß gleichzeitig, dass man sich den Bedingungen des Markts nicht verschließen kann. Ein Bundesliga-Klub braucht gewisse finanzielle Mittel, um Stammspieler zu halten und neue Spieler verpflichten zu können und letztlich den Erwartungen der Fans gerecht zu werden.

ballesterer: Die viel beschworene Werder-Familie wird gelobt, belächelt und als inzestuös kritisiert. Wie stehen Sie dazu?

Allofs: Der Begriff ist übertrieben, denn in einer Familie gelten andere Gesetze. Ein Fußballklub muss leistungsorientiert sein. Ich halte es aber für einen Trumpf von Werder, dass man bei Personalentscheidungen oft auf Menschen zurückgreift, die eine Werder-Vergangenheit haben. Das darf nur nicht das einzige Kriterium sein. Man sollte auch immer wieder Menschen von außen dazu holen. Wenn man diesen Mix hinbekommt, gibt es nichts Besseres.

ballesterer: Sie sind seit 2009 Werder-Ehrenmitglied. Wie oft sind Sie in Bremen?

Allofs: Ich komme zu diversen Jubiläumsfeiern: Im Mai haben wir den zehnten Jahrestag des letzten Pokalsiegs gefeiert. 2017 hat sich der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger zum 25. Mal gejährt. So steht fast jedes Jahr ein Jubiläum an. Es wurde viel gewonnen damals. (Mareike Boysen, 19.8.2019)