Ausgerechnet der Schwiegersohn von Karl Marx war ein Verfechter des Rechts auf Faulheit. Mit einem dreistündigen Arbeitstag müsse gegen das Dogma der Arbeit angekämpft werden, notierte Paul Lafargue im Jahr 1880. Mit seinen kapitalismuskritischen Vorstellungen war er nicht allein. Auch der Ökonom John Maynard Keynes ging freudig davon aus, dass eine zunehmende Automatisierung zwangsläufig zu kürzerer Arbeitszeit führen müsse.

Der Historiker Rutger Bregman glaubt, dass weniger Lohnarbeitsstunden pro Person die Lösung für quasi all unsere Probleme wären. Er plädiert in seinem Buch "Utopien für Realisten" für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Denn Menschen, die weniger arbeiten, seien zufriedener mit ihrem Leben und weniger anfällig für psychische Erkrankungen.

Wer weniger arbeitet, hilft dem Klima.
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Weniger arbeiten, weniger konsumieren

Dazu komme laut Bergman, dass längere Arbeitstage ab einem gewissen Punkt nicht zu mehr, sondern zu weniger Produktivität und zu mehr Fehlern führen. Und Bregman sieht in weniger Arbeitsstunden auch einen Beitrag gegen die Klimakrise: "Weniger zu konsumieren beginnt damit, weniger zu arbeiten." Ist eine verringerte Arbeitszeit in Anbetracht der Klimakrise also vielleicht sogar eine Notwendigkeit?

Philipp Frey ist genau davon überzeugt. Er forscht am Karlsruher Institut für Technologie zu Technikfolgenabschätzung. Zu seinen Interessen zählen die Digitalisierung von Arbeit und die Frage, wie angesichts derer das Beschäftigungsniveau gehalten werden kann. Die aktuelle Antwort laute meist Kompensation: "Das Argument ist, einfach mehr zu produzieren", so Frey. Keine sehr umweltfreundliche Lösung, wie er findet.

Neun nachhaltige Stunden

Also wollte Frey herausfinden, wie viele Arbeitsstunden ökologisch nachhaltig wären. Und er begann für den unabhängigen britischen Thinktank Autonomy zu rechnen. Die sogenannte Kohlenstoffintensität eines Landes verriet ihm, wie viel Treibhausgasemissionen pro Wirtschaftsleistung anfallen. Anhand dieser Zahl könne man berechnen, wie viele Emissionen in einer Stunde Arbeit enthalten sind, so der Studienautor. Als Frey diese Zahlen mit dem Kohlenstoffbudget verglich, das ein Land für wirksamen Klimaschutz einhalten müsste, zeigte sich, dass die Arbeitsleistung deutlich zu hoch ist: Statt der üblichen 40-Stunden-Woche – Normalarbeitszeit auch in Österreich – wäre etwa in Deutschland eine neunstündige Arbeitswoche nachhaltig.

Das sehen auch andere Forscher so: So zeigte eine schwedische Studie, dass eine Reduktion der Arbeitszeit um ein Prozent den Energieverbrauch und die Emissionen jeweils um 0,7 und 0,8 Prozent herunterfahren würde. Länder mit kürzeren Arbeitswochen haben unabhängig von anderen Faktoren schon heute einen kleineren ökologischen Fußabdruck, so eine Studie der University of Massachusetts.

Arbeiter in Kohleminen oder -kraftwerken blasen bei ihrer Arbeit viel CO2 in die Luft. Aber auch Büroarbeit ist klimaschädlich.
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Sünden in der Freizeit

Dass die Metallindustrie viel Energie verbraucht und dass Menschen, die in einem Kraftwerk Kohle verbrennen, durch ihre Arbeit viel CO2 in die Luft blasen, ist nachvollziehbar. Doch auch simple Büroarbeit ist durchaus klimaschädlich – durch das Kühlen und Heizen von Gebäuden und durch die Verwendung technischer Arbeitsgeräte entstehen Emissionen, sagt Frey. Dazu kommt, dass viele Menschen täglich mit dem Auto zur Arbeit pendeln, klimaschädigende Geschäftsreisen unternehmen und dass Arbeitsgeräte instandgehalten werden müssen.

Mit einer Reduktion der Arbeitszeit sei es in Sachen Klima nicht getan, sagt die Ökonomin Sigrid Stagl, die das Institut für Ökologische Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien leitet. Denn wie könne man sicher sein, dass Menschen in der neu gewonnenen Freizeit nicht noch mehr Emissionen produzieren? Hier spielt der sogenannte Rebound-Effekt eine Rolle: Die Rechnung gehe nur auf, wenn Menschen, anstatt zu arbeiten, nicht erst recht klimaschädlich agieren und etwa in den Urlaub fliegen.

Teilzeit-Arbeitnehmer sind klimafreundlicher

Doch Philipp Frey ist überzeugt, dass das Freizeitverhalten der meisten Zeitgenossen weniger CO2-intensiv ist als die Arbeit selbst: "Im Moment sieht man das gut bei Leuten, die nur halbtags arbeiten und deswegen weniger Lohn bekommen. Sie können sich dementsprechend auch weniger Flugreisen leisten." Doch selbst bei gleichem Lohn und täglich mehr Freizeit würden die Menschen unterm Strich weniger emittieren. Denn wer mehr Zeit hat, der würde eher selbst kochen als zur klimatechnisch schlechten Tiefkühlpizza greifen. Er würde eher etwas reparieren, anstatt online gleich ein neues Produkt zu kaufen; eher zu Fuß gehen oder das Rad nehmen anstatt das Auto. Und er würde eher die persönliche Entwicklung und Gemeinschaft vor materiellen Konsum stellen, sagt Frey mit Verweis auf einen weiteren Bericht des Thinktanks Autonomy.

Sigrid Stagl sieht die Lösung in einer generellen Umstrukturierung der Arbeit: "Erwerbsarbeit und Emissionen sind in der momentanen Wirtschaftsstruktur und den verwendeten Energiequellen relativ eng miteinander gekoppelt." Die Problematik durch eine simple Arbeitszeitreduktion zu lösen sei zu kurz gefasst: "Wenn wir es schaffen, einen Strukturwandel weg von emissionsextensiveren Sektoren einzuleiten und eher mit Diensten als mit Gütern auszukommen, könnten wir auch mit einer hohen Arbeitszeit zum gleichen Ziel kommen." Doch es sei Vorsicht geboten: So wäre es ganz und gar nicht hilfreich, klimaschädliche Produktion in andere Länder auszulagern und die Waren dann wieder zu importieren.

Wer mehr Freizeit hat, repariert seine Habseligkeiten eher.
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WKO: Arbeitszeit kein Instrument der Klimapolitik

Das sieht auch Rolf Gleißner, stellvertretender Leiter der Abteilung für Sozialpolitik der österreichischen Wirtschaftskammer, so: "Klimapolitik muss im globalen Gleichschritt passieren. Es ist sinnlos, wenn Industriearbeitsplätze bei uns verschwinden und dafür in Indien entstehen."

Gleißner sieht in der Arbeitszeit generell kein Instrument der Klimapolitik: Es gehe nicht darum, wie viel gearbeitet wird, sondern um die Arbeitsumstände. "Freys Studie ist eine Milchmädchenrechnung. Ich halte Investitionsanreize im Bereich Klimaschutz oder Innovationen bei nachhaltigen Technologien für wirksam. Das reduziert nicht nur den CO2-Verbrauch des Einzelnen, sondern womöglich den weltweiten."

Nur ein Weckruf

Frey sieht in seiner Studie einen Weckruf: "Zu sagen, eine Sechs-Stunden-Woche müsse morgen eingeführt werden, ist unrealistisch. Es bräuchte einen breiten Umbau der Wirtschaft." Eine Vier-Tage-Woche, wie sie in Großbritannien diskutiert wird, fände er sinnvoll. Damit kann auch Gleißner etwas anfangen: "Wenn ein Pendler sagt, er will vier Tage arbeiten und einen von zu Hause, gewinnt er Zeit und spart sich den Weg. Das kann ein positiver Beitrag sein."

Doch wieso nicht an sich hinterfragen, wie viel wir arbeiten? Nachdem die Arbeitszeit über Jahrhunderte schrittweise reduziert wurde, seien die Forderungen ab den 1980er-Jahren verstummt, so Stagl. Obwohl es neben der Erwerbsarbeit weiterhin jede Menge notwendiger Arbeit gibt – Kinder- und Altenbetreuung, Arbeit im Haushalt oder bei Vereinen. Was wäre, wenn man für einen Teil seiner Lohnarbeit mehr Zeit statt mehr Geld bekäme? Stagl: "Prinzipiell wird das positiv wahrgenommen, aber man muss hier präzise sein." So könne weniger Wochenarbeitszeit sehr wohl zu mehr Zeit für klimafreundliches Verhalten führen. Reduziert man aber die Arbeitszeit aufs Jahr gesehen, führe das wohl eher dazu, dass die Menschen die gewonnene Zeit für Urlaub nützen. Das stärkste Instrument dagegen sei eine sozial-ökologische Steuerreform, die umweltschädliche Produkte und Handlungen teurer mache. Das mit einer Ökosteuer eingenommene Geld könnte wieder an die Haushalte ausgeschüttet werden. "Wodurch Leute mit einem weniger klimaschädlichen Lebensstil profitieren würden. Und genau das ist der gewünschte Effekt." (Katharina Kropshofer, 19.8.2019)