Aktivisten zeigten sich mit Augenbinden solidarisch mit einer verletzten Demonstrantin.

Foto: Reuters / Thomas Peter

Chris Patten soll aufgeräumter Stimmung gewesen sein, als er mit Drinks und chinesischen Verhandlern an der Long-March-Bar des Hongkonger China Club kurz vor dem 1. Juli 1997 die letzten Details der Übergabe der britischen Kronkolonie an die Volksrepublik klärte. Der 28. und letzte Gouverneur Ihrer Majestät wusste, dass er eine einigermaßen ordentliche rechtliche Absicherung für die Hongkonger ausverhandelt hatte.

Für 2017 waren ihnen sogar freie Wahlen versprochen. Den kommunistischen Mandarinen in Peking würde es also nicht so leichtfallen, die kleine Insel der Demokratie und Marktwirtschaft am Perlflussdelta gleichzuschalten – sofern sich die Hongkonger für ihre Sache starkmachten.

"Am Abgrund"

Genau das tun sie nun – einmal mehr und seit geraumer Zeit. Zuletzt entstand daraus ein zunehmend gewalttätiger Konflikt mit dem aus Peking gesteuerten Hongkonger Sicherheitsapparat.

Und Lord Patten of Barnes wunderte sich unlängst im BBC-Radio, weshalb der britische Premierminister Boris Johnson nicht "outspoken" auf die Vorkommnisse im Fernen Osten reagiert. Denn Hongkong stehe "hart am Rande des Abgrunds", eine rotchinesische Intervention wäre um nichts weniger als eine "Katastrophe".

Mehr als zehn Wochen dauert die aktuelle Krise an. Entzündet hat sie sich an einem Gesetzesentwurf der Hongkonger Regierung, der vorsah, dass mutmaßliche Kriminelle an die Volksrepublik ausgeliefert werden können.

Nach Demonstrationen – bei der größten gingen zwei der 7,5 Millionen Hongkonger auf die Straße – erklärte die von Peking eingesetzte Regierungschefin Carrie Lam die Vorlage für "tot", zurück zog sie diese allerdings nicht.

Schläger und Polizeigewalt

Vor allem junge Demonstranten bestehen auf die Durchsetzung der versprochenen "Ein Land, zwei Systeme"-Politik (siehe Wissen). Die Polizei ging zuletzt mit überzogener Gewalt gegen die überwiegend friedlichen Proteste vor. Gedungene Schlägerbanden indes versuchten die Sicherheitskräfte bestenfalls ambitionslos von Prügelorgien gegen Demonstranten abzuhalten. In Hongkong, dem "duftenden Hafen", herrscht politisch dicke Luft. Für dieses Wochenende hat die Opposition erneut Massenkundgebungen angekündigt.

Die große Frage lautet: Lässt die Führung in Peking gewaltsam eingreifen und die Proteste beenden? Indizien dafür gibt es einige. In der nur wenige Kilometer entfernten Großstadt Shenzhen fuhren zuletzt hunderte gepanzerte Mannschaftswagen auf, schwerbewaffnete paramilitärische Einheiten übten öffentlichkeitswirksam für einen möglichen Einsatz. In Peking sprach man unterdessen von "terroristischen Aktivitäten in Hongkong". Die Chiffre kommt immer dann zum Einsatz, wenn Aufmüpfige wie die Uiguren in der nordwestlichen Provinz Xinjiang die mit eiserner Faust hergestellte "Harmonie" der Kommunistischen Partei Chinas stören. Die konkreteste Drohung kam vom chinesischen Botschafter in London. Liu Xiaoming sagte: "Sollte sich die Situation in Hongkong verschlechtern, wird die Zentralregierung nicht dasitzen und zuschauen." Auch die Global Times, das offizielle chinesische Organ für das internationale Publikum, kommentierte am Freitag in diese Richtung.

Für Henry Steiner wäre eine chinesische Intervention in Hongkong "desaströs".
Foto: Shum Wan Yat

Tatsächlich steht die kommunistische Führung in Peking unter erheblichem Druck. Staats- und Parteichef Xi Jinping muss einerseits verhindern, dass der Aufruhr auf andere Gebiete der Volksrepublik übergreift. Denn vor nichts fürchten sich die Mächtigen in Peking mehr als vor unkontrollierbaren, politisch motivierten Massenbewegungen.

Andererseits ist Hongkong – auch wenn Städte in Südchina wie Shenzhen, Guangzhou oder Schanghai inzwischen wirtschaftlich enorm aufgeholt haben – noch immer das Finanz- und Geschäftszentrum der Volksrepublik. Auch ein guter Teil der österreichischen Ein- und Ausfuhren von und nach China läuft über die Stadt.

Zweites Tian’anmen

Und zu guter Letzt würde Xi niemals eine Verletzung der territorialen Integrität der Volksrepublik zulassen, auch, weil das weitreichende Folgen über Hongkong hinaus hätte – Stichwort Taiwan, Stichwort Südchinesisches Meer. Bevor der starke Mann an der Spitze Chinas Schwäche zeigt, mutmaßen Experten, nähme er lieber ein "zweites Tian’anmen" in Kauf, mit noch viel schwerwiegenderen Folgen für die internationale Reputation Chinas, als sie das Massaker vom 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens nach sich gezogen hat.

Genau davor fürchten sich viele Hongkonger. "Eine Intervention vom Festland aus wäre desaströs", erklärt Henry Steiner dem STANDARD. Der 85-Jährige, der als Kind vor den Nazis aus Baden bei Wien fliehen musste, lebt seit 1961 in Hongkong. Hier hat er es zu einem der bekanntesten Grafikdesigner Asiens gebracht.

Das Logo der Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) stammt von ihm, für die Standard Chartered Bank entwarf er von 1975 bis 2016 die Hongkong-Dollar-Banknoten. Hier hat er viele Boomjahre und gelegentlich schwierige Zeiten erlebt – in der Kulturrevolution zum Beispiel, als Leichen mit auf den Rücken gefesselten Armen den Perlfluss heruntertrieben.

Was er selbst tun würde, falls die festlandchinesischen Sicherheitskräfte in Hongkong intervenieren, weiß Henry Steiner noch nicht: "Das hängt vom Ernst der Lage ab." Dass besonders die jungen Leute aufbegehren, versteht er. "Sie werden hier ja noch für weitere 28 Jahre unter diesem Arrangement leben, erst dann greift die chinesische Souveränität voll." Gibt es einen Ausweg, ja vielleicht sogar eine Versöhnung in dem Konflikt?

Steiner: "Die Regierungschefin sollte die Verantwortung für die missliche Lage übernehmen und zurücktreten. Dann könnte ein – hoffentlich – qualifizierterer Nachfolger das Durcheinander aufräumen." Carrie Lam allerdings hat das bisher kategorisch abgelehnt. Erst eine explizite Order aus Peking würde wohl Bewegung in dieser Frage bringen.

Zynischer Ton

Nach einer tagelangen Schrecksekunde meldete sich zuletzt der üblicherweise nie um starke Worte verlegene US-Präsident Donald Trump in beinahe zynischem Ton zu Wort: Sein chinesischer Amtskollege Xi solle sich doch persönlich mit den Demonstranten in Hongkong ins Einvernehmen setzen.

Dann werde sich die Auseinandersetzung sicher "schnell und human lösen" lassen. Explizite Warnungen an China überließ er seinem Sicherheitsberater John Bolton. Die ohnehin schon komplizierten Handelsgespräche, so schien es, sollten nicht durch eine Demokratiebewegung noch schwieriger gemacht werden.

Aus 10 Downing Street war bis Freitag weiter dröhnendes Schweigen zu hören. Die Brexiteers um Boris Johnson brauchen die Handelsdeals mit China dringender als ein demokratisches Hongkong. Immerhin versprechen sie sich nach dem Austritt aus der Europäischen Union eine "goldene Ära" des Handels mit China. (Christoph Prantner, 17.8.2019)