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Es ist ein großer Moment, den die so klein gewordene deutsche Sozial demokratie Freitagmittag erlebt. Ralf Stegner, Fraktionschef in Schleswig-Holstein, Vizechef der Bundes-SPD und auch Griesgram der Partei, kann doch lächeln – sogar sehr freundlich und ausdauernd. Er ist ja auch nach Berlin gekommen, um Wichtiges zu verkünden: Gemeinsam mit der zweimaligen Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan will er die SPD aus der Krise führen.

"Wir haben ganz viel Lust drauf, wir sind ein Power-Duett", stellt Stegner klar, und die 76-jährige Schwan lächelt ebenfalls freundlich. Hohn und Spott hatte sich über die beiden ergossen, als tags zuvor ihre Kandidatur öffentlich wurde. "Stegner hat nun doch eine Frau gefunden. Wenn beide noch den Kevin adoptieren, können wir eine Neuauflage von Eine schrecklich nette Familie aufführen", hieß es in einem Tweet von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. Mit Kevin ist natürlich der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert gemeint.

Ralf Stegner und Gesine Schwarz haben am Freitag ihre Kandidatur bekannt gegeben.
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Doch von derlei Verunglimpfungen wollen sich Schwan und Stegner nicht beirren lassen. "Die SPD ist in einer sehr tiefen existenziellen Krise", sagt Schwan. Daher habe sie sich entschlossen, ihren Beitrag zur Überwindung derselben zu leisten.

Stegner und Schwan sind nicht die Ersten, die sich als Doppelspitze für den Parteivorsitz empfehlen. Aber sie sind die Ersten, die besser bekannt sind.

Dass die SPD sich diese Castingshow, die es in der Form noch nicht gegeben hat, überhaupt antut, hat mit den Ereignissen vom 2. Juni zu tun. Frustriert vom schlechten Abschneiden der SPD bei der EU-Wahl sowie der Bremer Landtagswahl – und auch von der Illoyalität in der SPD ihr gegenüber –, hatte Andrea Nahles ihren Rücktritt als Partei- und Fraktionschefin erklärt.

Paare werden bevorzugt

Da kein logischer Nachfolger oder keine logische Nachfolgerin in Sicht war, übernahmen zunächst die Ministerpräsidentinnen Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) sowie der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel kommissarisch die Führung der SPD, die in Umfragen weiter absackte und zwischenzeitlich nur noch auf Platz vier hinter Union, Grünen und AfD lag.

Keine Hektik, jetzt suchen wir gründlich nach neuen Chefs – so lautete die Parole, die daraufhin im Willy-Brandt-Haus ausgegeben wurde. Vereinbart wurde: Bis zum 1. September können Kandidaten ihre Bewerbung anmelden. Man darf als einzelne Person ins Rennen gehen, bevorzugt werden aber Paare, wobei zwingend eine Frau mit von der Partie sein muss.

Doch statt Bewerbungen hagelte es zunächst nur Absagen von den Granden, auf die viele gesetzt hatten. Schwesig wollte sich weiterhin ausschließlich um ihr Mecklenburg-Vorpommern kümmern, Dreyer um Rheinland-Pfalz – was Letzterer aber nachgesehen wird, da sie an MS erkrankt ist und die Doppelbelastung nicht stemmen kann. Ebenfalls einen Korb verteilten der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil und Arbeitsminister Hubertus Heil. Auch von Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz war zu hören: "Ich halte das mit dem Amt eines Bundesministers der Finanzen für zeitlich nicht zu schaffen."

Auch Karl Lauterbach tritt an.
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Dafür warfen ein paar weniger bekannte Gesichter ihren Hut in den Ring: die nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Christina Kampmann und Europa-Staatsminister Michael Roth, und als nächstes Duo die Bundestagsabgeordnete Nina Scheer und Karl Lauterbach. Es gibt auch noch zwei Einzelbewerbungen vom Vizepräsidenten des SPD-Wirtschaftsforums, Robert Maier, und dem früheren Bundestagsabgeordneten Hans Wallow.

Finanzminister sucht eine Frau

Am Freitag jedoch, kurz bevor sich Stegner und Schwan präsentierten, erfolgte das, was man einen "Knaller" nennt. Finanzminister Scholz will nun doch auch SPD-Chef werden. Laut Spiegel hat er den kommissarischen Chefs erklärt, er trete an, wenn sie es wollten. Allerdings hat Scholz noch keine passende Frau gefunden.

Aus Flensburg: Simone lange ist dabei.
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Und der Run hört gar nicht mehr auf: Am heutigen Samstag stellen sich die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange und Alexander Ahrens, Bürgermeister im sächsischen Bautzen, als neues Dreamteam vor. Lange hatte bundesweite Bekanntheit erlangt, als sie auf dem SPD-Parteitag im April 2018 gegen Nahles als Kandidatin antrat. Sie erlangte damals einen Achtungserfolg und konnte 27,6 Prozent der Stimmen für sich verbuchen.

Auch Pistorius ist dabei

Am Sonntag steigen die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping und der Innenminister von Niedersachsen, Boris Pistorius, ein. Pistorius ist der Lebensgefährte der Ex-Frau von Kanzler Gerhard Schröder, Doris Schröder-Köpf.

Vielleicht wächst die Zahl der Bewerber, die sich dann im Herbst auf Regionalkonferenzen der Basis präsentieren sollen, bis 1. September ja noch weiter. Eine, auf die viele in der SPD Hoffnungen gesetzt hatten, ist jedoch gerade ausgestiegen: Sie werde nicht antreten, hat die beliebte Familienministerin Franziska Giffey erklärt. Sie steht im Verdacht, bei ihrer Doktorarbeit abgeschrieben zu haben, die Freie Universität Berlin prüft den Fall seit Monaten. (Birgit Baumann aus Berlin, 16.8.2019)