STANDARD: Sie leben seit einem Jahr in Hongkong. Erleben Sie bei Ihren Wegen eine Stadt im Ausnahmezustand, oder merkt man gar nicht so viel?

Reinartz: Im täglichen Leben während der Woche merkt man nicht viel. Gerade in den vergangenen zwei Wochen, als die Proteste eher Flashmob-Charakter hatten, musste man erst einmal auf Social Media schauen, um herauszufinden, wo etwas stattfindet. Bei der großen Demonstration mit mehr als einer Million Leuten auf der Straße jetzt am Wochenende war ein normales Einkaufengehen und U-Bahn-Fahren natürlich nicht möglich. Insgesamt ist die Stadt, vielleicht vom Flughafen abgesehen, fern von einem Ausnahmezustand, jeder geht seinen Geschäften nach. Man hat aber ein leises Gefühl, dass etwas nicht stimmt, weil man in den Medien etwa die Bilder von den Übungen der chinesischen Polizei gleich hinter der Grenze sieht.

Straßenleben im Stadtteil Sheung Wan.
Foto: REUTERS/Thomas Peter

STANDARD: Chinas Staatsmedien versuchen das Bild der "Hongkonger Chaoten" in den Köpfen der Festlandchinesen einzupflanzen. Werden sie erfolgreich sein?

Reinartz: Absolut nicht. Hongkong ist weit davon entfernt, im Chaos zu versinken. Zum Vergleich hat der G20-Gipfel in Hamburg viel stärkere Einschränkungen für die Normalbürger gebracht als das, was sich aktuell in Hongkong abspielt. Das Bild des Chaos ist reine Propaganda, und wer zum jetzigen Zeitpunkt einen Truppeneinsatz fordert, dem geht es eher um politische Kontrolle als um Recht und Ordnung. Im täglichen Leben wird auch nicht so viel über die Situation gesprochen, dafür ist die Stadt viel zu hektisch, das spielt sich eher in den sozialen Medien und in der Kaffeepause in der Arbeit ab. Dort sind aber weniger die Proteste selbst Thema, sondern die Frage, auf welche Weise China intervenieren könnte.

STANDARD: Wie weit ist das Jahr 2047, wenn Hongkong laut Plan vollständig unter Pekings Kontrolle zurückkehrt, in den Köpfen der Bewohner entfernt?

Reinartz: Für viele Hongkonger schwebt eine Art Damoklesschwert über der Stadt, allerdings wird es weniger mit dem Jahr 2047 verbunden, sondern wirkt viel näher. Einer der wichtigsten Gründe für die Proteste gegen das (nun auf Eis gelegte, Anm.) Auslieferungsgesetz ist ja, dass viele hier fürchten, dass China schon weit vor 2047 die volle Kontrolle übernimmt. Oft konnte man in den letzten Wochen hören, dass es vielleicht schon das letzte Mal sei, dass man in Hongkong frei demonstrieren kann. Viele rechnen damit, dass Peking das Schema "Ein Land, zwei Systeme" sehr viel früher abschafft als 2047. Optimistische Experten rechnen mit einer stückweisen Anpassung, die dann 2047 formal abgeschlossen sein wird, de facto aber in 15 bis 20 Jahren schon wirkt. Pessimisten schätzen diese Zeit eher mit zwei bis fünf Jahren ein.

In der Nathan Road in Mong Kok jagen Polizisten Demonstranten.
Foto: REUTERS/Thomas Peter

STANDARD: Sind die Demonstranten heute dieselben, die schon 2014 bei der sogenannten Regenschirm-Revolution mitgemacht haben?

Reinartz: Zu Beginn der Proteste gegen das Auslieferungsgesetz waren die erst 500.000, dann eine Million und schließlich zwei Millionen Menschen auf der Straße sicher nicht die gleichen wie 2014, weil die Demonstrationen damals viel stärker von Studenten getragen waren, von denen viele Anführer, etwa Joshua Wang, bis vor kurzem im Gefängnis saßen. Die aktuellen Proteste zeichnet aber aus, dass es eben keine echte Hauptgruppe gibt, keine richtige Führungsfigur, die stellvertretend für die Protestierenden Forderungen formuliert.

STANDARD: Wie sind die Proteste dann organisiert?

Reinartz: Vieles wird online in Ad-hoc-Entscheidungen abgestimmt, teilweise auch direkt während der Demonstration selbst – vor einem Monat etwa ums Eck meines Büros, neben dem Hauptquartier der Polizei, das von Demonstranten besetzt wurde und wo dann per Handyabstimmung von der Menge entschieden wurde abzuziehen. Zum einen spielen offene Telegram-Gruppen zur Information und Kommunikation eine große Rolle, zum anderen LIHKG, eine Art Hongkong-chinesisches Reddit, wo Leute per Liquid Democracy Kommentare über Likes hochwählen und so Abstimmungen in Echtzeit sehr einfach sind. Darum gibt es auch kein echtes Gesicht der Bewegung.

Auf dem Flughafen entschuldigen sich Demonstrantinnen für die Störung des Betriebs – und weisen mit der Augenbinde auf eine verletzte Landsfrau hin, die während des Protests ein Auge verloren hat.
Foto: REUTERS/Thomas Peter

STANDARD: Oft wird gesagt, dass es zum großen Teil junge Leute sind, die auf die Straße gehen. Ist diesen Leuten der Pekinger Tian'anmen-Platz, wo Panzer 1989 die Studenten überrollten, überhaupt ein Begriff?

Reinartz: Gerade junge Festlandchinesen, die ja in großer Zahl auf Hongkonger Universitäten studieren, wissen darüber extrem wenig, weil die Niederschlagung der Proteste 1989 in China ein massives Zensurthema ist. Junge Hongkonger wissen viel genauer Bescheid, schon deshalb, weil hier als einzigem Ort in China Jahr für Jahr am 4. Juni der Opfer gedacht wird. Viele Junge können sich ein solches Einschreiten der staatlichen Gewalt aber nicht vorstellen: Auch wenn sie vielleicht schon einmal in Festlandchina waren, leben sie in Hongkong doch noch immer an einem Ort, wo man relativ frei demonstrieren kann, wo es relativ pluralistische Medien gibt und wo Bürgerrechte geschützt werden. Die Drohungen aus Peking sind für die jungen Leute eher abstrakt, die Älteren machen sich hingegen recht wenige Illusionen, dass die Partei in Peking Gewalt als probates Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele betrachtet.

STANDARD: Wie groß sind die kulturellen und gesellschaftlichen Bande denn zu Festlandchina?

Reinartz: Viele Hongkonger Familie haben eine Linie aus dem Festland, teils sind sie nach dem Bürgerkrieg 1949 von dort vor den Kommunisten geflohen. Diese Bande sind aber in der dritten oder vierten Generation rein familiär nicht mehr vorhanden, heute geht es eher über Freunde oder über Geschäfte. Nach der Öffnung Chinas in den 80er- und 90er-Jahren haben hiesige Geschäftsleute massiv auf dem Festland investiert. Kulturell ist Hongkong schon ein sehr eigenes Gemisch, natürlich aber mit stark südchinesischem, kantonesischem Charakter.

STANDARD: Viel wird von wirtschaftlichem Druck aus Peking gesprochen, worin besteht dieser ganz konkret?

Reinartz: Wir werden in Zukunft deutlich mehr Druck gegen Hongkonger Unternehmen sehen, aber auch gegen europäische. Aktuell der prominenteste Fall ist jener der Hongkonger Fluglinie Cathay Pacific, wo der Vorsitzende der Holdinggruppe nach Peking zitiert wurde und die politische Anweisung aus der Partei bekam, den Geschäftsführer zu feuern, weil dieser es seinen Mitarbeitern freigestellt hatte, an den Protesten teilzunehmen oder nicht. Auch auf die vier großen Unternehmensberater hier in Hongkong wurde Druck ausgeübt, sich politisch auf Linie zu verhalten, weil man ansonsten abgestraft wird. Auch Chinesen im Ausland, etwa in Australien, in Deutschland und Großbritannien, mischen sich inzwischen aktiv ein; jedes Mal, wenn dort Studenten für Hongkong auf die Straße gehen, formiert sich sofort eine nationalistische Gegendemonstration. Ironischerweise wird da in Europa ein Konflikt ausgetragen, indem sich manche die Meinungsfreiheit in unseren freien Gesellschaften zunutze machen, die in ihrer Heimat davon nichts wissen wollen.

Seit zehn Wochen wird in Hongkong protestiert.
Foto: AP Photo/Kin Cheung, File

STANDARD: Wird Peking letztlich den Konflikt aussitzen, oder kommt es zur Eskalation?

Reinartz: Das ist natürlich rein spekulativ, grundsätzlich scheint mir im Moment aber ein gutes Zeitfenster für Peking zu sein, eine gesichtswahrende Lösung zu finden und den Konflikt wieder auf eine lokale oder regionale Ebene zu bringen. Zum Beispiel indem es die von den Demonstranten schon so lange geforderte unabhängige Untersuchungskommission einsetzt, die dann ein paar Monate arbeitet und so allein schon deeskalierend wirkt. Die andere Option ist, dass Peking weiter eine harte Nullkonzessionslinie fährt. Dann wäre es aber blauäugig zu glauben, dass die Demonstranten wieder nach Hause gehen.

STANDARD: Und was wird aus Carrie Lam, der umstrittenen und von Peking eingesetzten Regierungschefin?

Reinartz: Das Problem ist, dass Peking sie nicht feuern kann, weil das Hauptthema der Proteste dann sofort der Ruf nach einer freien Wahl ihres Nachfolgers wäre. Dann hieße das Motto "Demokratie jetzt", was Peking natürlich jedenfalls vermeiden will. (Florian Niederndorfer, 19.8.2019)