Foto: AP/John McConnico
Foto: US Army
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Hätte sich Donald Trump mit seinem Wunsch, Grönland zu kaufen, durchgesetzt, hätten die USA damit auch ein Umweltproblem übernommen, über das sie sich mit Dänemarks Regierung seit Jahrzehnten nicht einig werden. Man würde nämlich mit der größten Insel der Welt auch die Überreste einer Militärbasis erwerben, die derzeit noch vom Eis bedeckt ist und in der große Mengen teils hochgiftiger Abfälle liegen – und müsste damit wohl auch für die Sanierung aufkommen.

Camp Century wurde Ende der 50er-Jahre errichtet, als Atomenergie noch als Lösung zahlreicher Probleme gesehen wurde. Dank des weltweit ersten mobilen Nuklearreaktors war es möglich, ohne teure Treibstofflieferungen Energie, Wärme und Schmelzwasser für die bis zu 200 US-Soldaten, die auf dem Stützpunkt stationiert waren, zu erzeugen.

Für den Transport der tonnenschweren Gerätschaften errichteten Pioniere eine eineinhalb Kilometer lange Rampe auf dem grönländischen Eisschild, über die Baumaterial, Vorräte und Maschinen 200 Kilometer ins Landesinnere geschleppt wurden. Acht Meter unter der damaligen Eisoberfläche wurde ein drei Kilometer langes Tunnelnetzwerk errichtet, in dem Labors und Unterkünfte, aber auch eine Kapelle, ein Spital und ein Kino Platz fanden.

Der Eingang der Eisstation.
Foto: US Army

Die dänische Regierung, unter deren Verwaltung Grönland damals stand, erlaubte den USA in einem 1951 unterzeichneten Vertrag die Errichtung von Militärstützpunkten auf Grönland. Offiziell sollte Camp Century zur Erprobung neuer Baumethoden im – wie man damals annahm – ewigen Eis und zu Forschungszwecken dienen.

Tatsächlich gewannen die Pioniere einige Erkenntnisse über Schneebauten: Wie in dem mittlerweile freigegebenen Bericht aus dem Oktober 1965 zu lesen ist, waren die Experten hellauf begeistert von den Schneefräsen des Schweizer Herstellers Peter, von denen eigens drei Stück beschafft worden waren.

Eine der Peter-Schneefräsen im Einsatz.
Foto: US Army

Aus dem pulverisierten Schnee, der beim Ausheben von Gräben mit dieser Maschine anfällt, lassen sich tragfähige Bauelemente fertigen, fand man heraus. Der "Peter-Schnee", wie er in dem Dokument genannt wird, sollte auf Stahlbögen geschüttet werden, die als provisorische Überdachung auf den Gräben lagen. Wenn die Schneedecke ausgehärtet war, wollte man die "Wonder Arches" wieder entfernen und für den nächsten Tunnel benutzen.

Die Deckenkonstruktion.
Foto: US Army

Was man der Gastgebernation verschwieg: Die in Camp Century gewonnenen Erkenntnisse hätten dazu genutzt werden sollen, weite Teile der Insel in eine Basis zum Abschuss von Atomraketen auszubauen. Insgesamt 130.000 Quadratkilometer groß sollte das "Project Iceworm" am Ende werden – mehr als dreimal die Fläche Dänemarks. Über 4.000 Kilometer Tunnel hätten im Endausbau die Abschussanlagen verbunden, in denen 600 ballistische Raketen bereitstehen sollten.

Für die Entfernung der Abwärme sollte eine entsprechend dimensionierte Belüftungsanlage dienen. Ursprünglich war vorgesehen, das zwischen 15 und 25 Grad warme Abwasser in einen 300 Meter von der Trinkwasserversorgung entfernten Schacht zu pumpen, wo es bis zu einer Tiefe von 30 Metern versickern sollte. Trockene Abfälle kippte man einfach in Schneegräben, die dann zugeschüttet wurden.

Film der US-Armee.
DOCUMENTARY TUBE

Leicht radioaktives Kühlwasser durfte man der Übereinkunft zwischen Dänemark und den USA zufolge damals noch in Löchern im grönländischen Eisschild verklappen, strahlende Feststoffe wurden in Beton eingegossen und abtransportiert.

Doch der Polarsommer war in den Jahren 1959 und 1960 kürzer als erwartet, sodass die Anlage am Ende kleiner als geplant ausfiel. Die eigentlich vorgesehenen Isolierwände zwischen den elektrisch beheizten Gebäuden und den Schneewänden wurden weggelassen, der Peter-Schnee erwies sich als doch nicht so tragfähig, weshalb man die Stahlbögen nicht entfernen konnte, und auch an der Abfallentsorgung wurde gespart: Am Ende lag der Sickerschacht nur 50 Meter entfernt, was zu erheblichen Geruchsproblemen in weiten Teilen der Anlage führte.

Die Decke der Reaktorhalle nach zwei Wintern.
Foto: US Army

Das größte Problem war allerdings, dass auf das Abluftsystem verzichtet wurde. Durch die Abwärme des PM-2A-Reaktors, der über eine thermische Leistung von zehn Megawatt verfügte, gaben Decken und Wände bald nach. Das Vorhaben, die Tunnels mit elektrischen Kettensägen freizuschneiden, stellte sich als aussichtslos heraus, sodass man sich entschloss, im Sommer 1964 den Reaktor abzubauen und stattdessen Dieselgeneratoren zu installieren.

Tunnelinstandhaltung mit der Kettensäge.
Foto: US Army

Bis 1967 wurde Camp Century noch sporadisch genutzt, seither hat eine meterdicke Schneeschicht die Anlage zugedeckt. In den einstürzenden Eistunneln lagern aber immer noch 200.000 Liter Diesel, unbestimmte Mengen an polychlorierten Biphenylen (PCB) und etwa 24.000 Liter Abwasser und leicht radioaktives Kühlwasser.

An die Möglichkeit eines Klimawandels dachte damals allerdings noch niemand. Im Sommer 2017 stattete eine Expedition der dänischen Vermessungsbehörde der Basis einen Besuch ab. Die Glaziologen stellten fest, dass die Eisdecke über der Anlage derzeit 30 bis 40 Meter dick ist und durch Schneefall weiter wächst.

Überreste aus dem Kalten Krieg in Kulusuk (Archivbild, August 2005).
Foto: AP/John McConnico

Da sich die Arktis aber schneller erwärmt als andere Weltregionen, geht man davon aus, dass die Eisdecke ab 2090 abnehmen wird und Camp Century dann langsam wieder an die Oberfläche gelangt. Seit der Stilllegung ist die ganze Anlage durch Eisbewegungen 232 Meter nach Südwesten gewandert, durch dabei entstandene Risse im Eis droht Schmelzwasser in das verseuchte Tunnelsystem zu gelangen.

Neben Camp Century gibt es auf Grönland drei weitere eingeschneite US-Stützpunkte. Wer für die Entsorgung der Abfälle zuständig ist, bleibt unklar: Baskut Tuncak, der UN-Sonderberichterstatter zu Auswirkungen von Umweltverschmutzung auf die Menschenrechte, erklärte im Vorjahr, Dänemark müsse alle Überreste des US-Militärprogramms entfernen, die USA sollten sich daran beteiligen.

Bislang haben sich allerdings Dänemark und Grönland die Kosten geteilt: "Mir ist nicht bekannt, dass die USA involviert wären", sagte Jakob Abermann, der an der Universität Graz Gebirgshydrologie und Glaziologie lehrt und sich derzeit zu einem Forschungsaufenthalt in Grönland befindet, zum STANDARD. (bed, 29.8.2019)