1-Yuan-Schein: der Westsee in Hangzhou

Wer diesem Schein nachreist und südwestlich von Schanghai landet, wird staunen: Die drei Steinpagoden sind von keiner Perspektive auf ein Foto zu bekommen. Macht nix, der See und Park sind eines der schönsten Beispiele für klassische chinesische Gartenkunst.

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5-Yuan-Schein: der Thai Shan

Der Thai Shan im Osten des Landes ist der heiligste Berg des Taoismus und galt im alten China als höchster Berg der Welt. So kann man sich täuschen. Mit 1.545 Metern ist er das natürlich nicht, aber mit sechs Millionen Besuchern jährlich einer der meistbestiegenen.

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10-Yuan-Schein: die Qutang-Schlucht

Die Drei Schluchten des Flusses Jangtse zählen zu den bekanntesten Landschaften Chinas – nicht zuletzt wegen der Errichtung des gleichnamigen Dammes. Auf dem Zehner ist die Qutang-Schlucht zu sehen, die von mehr als 1.000 Meter hohen Felswänden flankiert wird.

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20-Yuan-Schein: die Karstfelsen in Guilin

Der Vergleich macht sicher: Die Karstfelsen in Guilin sind das Motiv auf der Rückseite der 20-Yuan-Banknote.

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50-Yuan-Schein: der Potala-Palast in Lhasa

Das markanteste Bauwerk Tibets hat eine wechselvolle Geschichte: Die Urversion aus dem 7. Jh. wurde von chinesischen Truppen zerstört. Der fünfte Dalai Lama ließ ihn im 17. Jahrhundert in der gegenwärtigen Optik neu errichten, bis 1959 war er Regierungssitz der Dalai Lamas.

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100-Yuan-Schein: die Große Halle des Volkes, Peking

Die symbolträchtige Halle aus dem Jahr 1959 liegt an der Westseite des Tian'anmen-Platzes und dient der Partei bis heute als Ort für Politveranstaltungen. Um die volle Breite von 206 Metern aufs Foto zu bekommen, steht man am besten vor dem Nationalmuseum.

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Vergangenes Jahr hatte ich Gelegenheit, auf Einladung des chinesischen Fremdenverkehrsamtes im Rahmen der Tourismuskampagne "Schönes China" die südchinesische Provinz Hunan zu bereisen. China liege daran, so hieß es im Vorfeld recht unverblümt, zu zeigen, dass es mehr sei als "Massenware, viele Menschen und Smog", sondern auch "atemberaubende Natur und einen reichen kulturellen Schatz" zu bieten habe.

Dass dem so ist, unterschreibe ich nach dieser Reise gerne. Wir besichtigten das Provinzmuseum Hunan in der Millionenstadt Changsa, von der ich, wie wahrscheinlich die meisten Westler, in meinem Leben noch ebenso wenig gehört hatte wie von vielen anderen chinesischen Millionenstädten. Das Museum zählt zu den "sogenannten acht imposanten Museen Chinas außerhalb von Peking" und präsentiert eine in der Tat beeindruckende Sammlung von Exponaten der chinesischen Kultur aus der Han-Dynastie, reich bestückt mit Funden aus der archäologischen Ausgrabung von Mawangdui.

Eigentliches Highlight war aber das Reiseziel Zhangjiajie. Die Stadt und das umgebende Landschaftsgebiet – es steht seit 1992 auf der Uno-Liste der Weltnaturerbe – ist eine äußerst beliebte innerchinesische Touristendestination, und an Menschenmassen herrscht kein Mangel. Mit leichterer Muse bespielt werden die Massen zum Beispiel in einem in die Berglandschaft gebauten Theater in Zhangjiajie, wo, unter raffinierter Ausnutzung der Naturgegebenheiten, eine Art Musical ("Die Liebesgeschichte von einem Waldmenschen und einer Feen-Füchsin") geboten wird.

Abgründige Spektakel

Wäre ich ein Tourismusberater der chinesischen Regierung, ich würde ihr zu folgender Werbeaktion raten: einfach aus den imposanten Naturdenkmälern von Zhangjiajie eines auswählen, als neues Motiv auf einen chinesischen Geldschein drucken und damit ihr Bild in Umlauf bringen und zirkulieren lassen. Grafisch wäre etliches hervorragend geeignet.

Der Tianmen-Berg hat etwa neben der weltweit längsten Seilbahn einen um seine Flanken gewundenen Weg zu bieten, von dem aus sich abenteuerliche Blicke in grünbewachsene Tiefen auftun – definitiv eine Herausforderung für alle, denen Höhenangst zu schaffen macht.

Schluchtenblick

Ein ebenso abgründiges Spektakel bietet die von dem israelischen Architekten Haim Dotan entworfene Glasbrücke des Zhangjiajie-Nationalparks, die sich gleich nach ihrer Eröffnung im August 2016 umgehend in die obersten Ränge der beliebtesten chinesischen Touristendestinationen emporkatapultierte.

Wer die 430 Meter lange Hängekonstruktion mit ihrem transparenten Boden überquert, genießt nicht nur einen Schluchtenblick in 260 Meter Tiefe. Die Glasbrücke bietet auch die Möglichkeit, bei geschickter Auswahl des Bildausschnitts Fotos zu schießen, die den Eindruck erwecken, als schwebte der Fotografierte schwerelos in chinesischen Lüften. Selbstverständlich machen die Besucher von dieser Möglichkeit reichlich Gebrauch.

Neue Banknoten

Ich frage mich, warum sich die zuständigen Gremien der chinesischen Notenbank nicht schon zuvor dazu entschlossen haben, die Glasbrücke auf Banknoten drucken zu lassen. Der einfache Grund hierfür, so denke ich mir, wird wohl sein, dass ein Riesenland wie China so viele Naturschauspiele und Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, dass nur eine winzige Auswahl zum Zug kommt wie eben die sechs, die auf dieser Doppelseite vorgestellt werden.

Man hört allerdings, dass in China in nicht allzu ferner Zukunft neue Geldscheine gedruckt und in die monetären Kreisläufe entlassen werden sollen, und, wer weiß, vielleicht stößt die Zhangjiajie-Anregung ja auf fruchtbaren Boden. Wir schicken jedenfalls ein paar Belegexemplare von diesem RONDO auf dem Postweg nach Peking.

Schöner Brauch

Wenn sich in näherer oder fernerer Zukunft die Digitalwährung endgültig gegenüber dem Papier durchsetzen sollte, dann wäre damit natürlich auch dem schönen Brauch, Naturwunder auf Banknoten zu drucken, sofort ein Ende gesetzt.

Der alte österreichische Zwanzigerschein ist schon lange nicht mehr in Umlauf, aber die auf ihm abgebildete Landschaft lebt weiter, und auf dem Bahnwanderweg vom Semmering hinunter nach Payerbach trifft der Wanderer auf eine Hinweistafel zum "Zwanzig-Schilling-Blick", von wo aus sich nostalgisch in Erinnerungen an eine ferne Finanzvergangenheit schwelgen lässt. Die gedankliche Brücke zwischen Natur und Zahlungsmittel ist ein sinnliches Vergnügen, dem das Digitalgeld endgültig den Garaus machen würde.

Wohl jenem Land, das banknotentaugliche Naturschönheiten oder Sensationsbauten besitzt! Die Malaise der Europäischen Union zeigt sich nicht zuletzt an den abstrakten Brücken oder Fensterbögen, die sie auf die Euro-Scheine drucken musste, weil jedes einzelne Land sofort eifersüchtig und verdrossen gewesen wäre, wäre ein Motiv gewählt worden, das man eindeutig einem konkreten anderen Land zuordnen kann wie beispielsweise der Eiffelturm.

Perfekte Union

Solange die Deutschen nicht auf ein Kolosseum auf einem Euroschein stolz wären oder ein Österreicher auf ein Euroschein-Atomium, wird man von einer perfekten Europäischen Union nicht reden können.

Und die Globalisierung wäre eigentlich erst dann vollkommen, wenn die Nationen damit begännen, ihre Banknoten mit ihren Lieblingsorten zu verzieren, aber ohne Rücksicht darauf, ob sich diese nun im In- oder im Ausland befinden – wenn also die Chinesen Hallstatt auf ihre Yuan-Scheine drucken oder die Österreicher Ibiza-Strände auf ihre Euros. Bis das so weit ist, wird es noch eine Zeitlang dauern.

Bizzare Windungen

Ehe ich es vergesse: Eine weitere Natursensation aus der Zhangjiajie-Region gibt es, welche sich hervorragend für eine etwaige neue Yuan-Serie eignen würde: die Tianzi-Berge mit ihren subtropischen Wäldern und Schluchten, aus deren Untiefen sich schmale Felstürme in derart bizarren Windungen hinaufschrauben, dass der Betrachter mehr als einmal von der Schreckensvision beschlichen wird, die ganze Pracht könnte von einem Moment auf den anderen in sich zusammenstürzen. Gäbe es ein schöneres Symbolbild für die Beschaffenheit unseres Finanzwesens? Was wäre geeigneter, einen Geldschein zu zieren? (Christoph Winder, RONDO, 23.8.2019)