Wo es keinen Bankomaten gibt, soll ein Griff in die Kassa des Händlers oder Gastwirts die Bewohner mit Bargeld versorgen.

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Wenn in einer kleinen Gemeinde die letzte Bankfiliale schließt und auch kein Geldausgabeautomat mehr vorhanden ist, geraten die Gemüter schnell in Wallung. Damit geht nicht nur ein Ort des gesellschaftlichen Austauschs verloren, auch die Wertschöpfung droht in benachbarte Gemeinde abzuwandern. Wenn die Bewohner schon hinfahren müssen, um an Bargeld zu kommen, dann erledigen sie dort zumeist auch ihre Einkäufe und gehen ins Restaurant oder auf einen Kaffee.

In Österreich sind in den vergangenen Jahren immer mehr solcher Versorgungslücken entstanden – obwohl die Gesamtzahl der Bankomaten stetig zunimmt. Deren Anzahl ist in den vergangenen zehn Jahren um ein knappes Fünftel auf 8773 Geräte zu Ende des Vorjahrs angestiegen. Damit kommen auf tausend Einwohner fast zehn Geldausgabeautomaten – wesentlich mehr als in Deutschland oder der Schweiz. Für Gemeinden ohne eigenes Gerät freilich nur ein schwacher Trost.

Um auch für diese Orte eine Lösung zu finden, hat nun der Gemeindebund mit Mastercard eine Kooperation abgeschlossen. Kleine Geschäfte oder Gastronomiebetriebe sollen künftig Bargeld an die Bevölkerung ausgeben. Voraussetzung dafür ist ein Einkauf oder eine Konsumation, die mit Bankomat- bzw. Debitkarte bezahlt wird. Mit Kreditkarten ist dieser Service nicht möglich.

Bisher war diese Möglichkeit großen Lebensmittelketten vorbehalten, die aber auch nicht in allen Gemeinden vertreten sind. Nach einem Pilotprojekt in Dorfgastwirtschaften in zwei kleinen Tiroler Gemeinden wird dieser Bargeldservice nun österreichweit ausgerollt. Um möglichst viele Auszahlungsstellen dafür zu gewinnen, wendet sich der Gemeindebund an Bürgermeister in rund 2000 Ortschaften und der jeweilige Fachverband der Wirtschaftskammer an die Einzelhändler und Gastronomen.

Bargeld gegen Onlinehandel

Textil-Handelsobmann Günther Rossmanith bringt für die 37.000 Einzelhandelsgeschäfte, die unter dem Druck des Onlinehandels leiden, einen zusätzlichen Anreiz ins Spiel: Je mehr Bargeld im Umlauf ist, desto weniger werde im Internet bestellt, denn "Bargeld kann im Onlinehandel nicht ausgegeben werden". Zusammen mit den 60.000 Gastronomiebetrieben eröffnet sich ein großes Potenzial an möglichen Geldausgabestellen.

Für Händler und Wirte fallen durch die Einführung keine Kosten an, sofern sie bereits über die Möglichkeit einer Bezahlung mittels Bankomatkarte verfügen – alle anderen sollen im Rahmen der Kooperation mit günstigen Konditionen zum Nachrüsten geködert werden. Mastercard will bis Jahresende bis zu tausend Händler und Gastronomen für das Bargeldprojekt gewinnen, das sich auch für Orte eignet, in denen es nie einen Bankomaten gegeben hat.

Keine Zusatzkosten

Für die Bargeldbehebungen an sich fallen dann weder für Kunden noch für Händler bzw. Gastronomen Zusatzkosten an. Auf dem Kassabon wird die Geldbehebung, die derzeit mit 200 Euro limitiert ist, getrennt vom Einkauf oder der Konsumation ausgewiesen.

"Bargeld ist für Österreicher einfach wichtig", sagt Gemeindebundpräsident Alfred Riedl. "Der Druck ist sehr groß geworden, daher haben einzelne Gemeinden Zuzahlungen geleistet, um den Bankomaten zu erhalten." Rund 7500 Euro kostet der Betrieb eines Geräts pro Jahr, was sich erst ab 25.000 jährlichen Behebungen auszahlt – daher haben etliche Gemeinden Geld an Banken gezahlt, um den Abbau des Geräts zu verhindern. Für Riedl ist es nicht deren Aufgabe, private Infrastruktur aus der Gemeindekasse zu bezuschussen. Diese "Unterhaltskosten" könnten sich die betroffenen Gemeinden durch den neuen Bargeldservice künftig ersparen. (Alexander Hahn, 22.8.2019)