Vielfach schnellere Download-Geschwindigkeiten, flottere Reaktionszeiten und bessere Netzabdeckung: Wenn von 5G die Rede ist, sind die Superlative selten weit. Da klingt es verlockend, sich ein passendes Smartphone zuzulegen und die neue Mobilfunkgeneration gleich einmal auszuprobieren. Immerhin haben mittlerweile mehrere namhafte Smartphone-Hersteller entsprechende Geräte im Angebot. Doch wer ernsthaft über eine solche Anschaffung nachdenkt, dem sollte eines klar sein: Die Realität hat mit all den schönen Versprechungen derzeit kaum etwas gemein.

Was ist eigentlich 5G?

Das hat viele Gründe – aber der Reihe nach. Zunächst muss nämlich einmal die Frage geklärt werden: Was meinen die Hersteller eigentlich, wenn sie von 5G-Support reden? Immerhin sind unter diesem Sammelbegriff viele unterschiedliche Frequenzbereiche versammelt. In Österreich kann man derzeit lediglich einen Bruchteil davon nutzen, nämlich das Spektrum im Bereich von 3,6 GHz. Dieses ist aber auch genau genommen der unspannendste Teil von all dem, was einmal alles 5G ausmachen soll. Was auf diesen Frequenzen derzeit angeboten wird, ist aus Nutzersicht nicht viel mehr als eine Art (etwas) besseres LTE.

Klar, die Geschwindigkeiten, die die Anbieter in ihren Demonstrationen vorzeigen, sind beeindruckend. So konnte auch DER STANDARD unlängst 5G direkt im T-Center von Magenta Telekom ausprobieren. Auf einem Samsung Galaxy A90 5G ließen sich dabei fraglos beeindruckende 1,4 Gbit/s Download erzielen, der Upload lag noch immer bei 56 Mbit/s. Auch die Latenzzeiten waren in dem Test erheblich besser, als es bei den gewohnten LTE-Netzen der Fall ist. Doch diese Ergebnisse sind ohne Relationen weitgehend wertlos.

Realitätscheck

Zunächst: Der Test erfolgte unter Optimalbedingungen, quasi direkt neben dem Mobilfunkmast von T-Mobile. Und natürlich lassen sich solche Werte nur dann erreichen, wenn man gerade der einzige Nutzer in der gesamten Zelle ist. Das zeigte sich auch vor Ort schnell: Kaum wurden mehrere Tests gleichzeitig durchgeführt, halbierte oder viertelte sich die Geschwindigkeit. Wer die Schere zwischen den ausgewiesenen maximalen LTE-Datenraten der Anbieter und der Realität kennt, der braucht nicht viel Fantasie, um sich ausmalen zu können, dass bei einer breiteren 5G-Nutzung diese theoretischen Werte kaum je erreichbar sein werden. Und natürlich lässt die Geschwindigkeit schnell nach, wenn man nicht gerade direkt bei einem 5G-Mast steht – und diese sind derzeit noch äußerst rar gesät.

5G verspricht wesentlich höhere Übertragungsgeschwindigkeiten. Und im Test geht das auch – wenn sonst niemand das Netz nutzt und man direkt bei einem der wenigen Masten steht.
Foto: Proschofsky / STANDARD

Dazu kommt ein Punkt, der im 5G-Marketing kaum erwähnt wird: Auch mit LTE ließen sich theoretisch bereits solche Geschwindigkeiten erzielen. LTE-Modems in aktuellen Top-Smartphones können mit Datenraten von bis zu 2 Gbit/s umgehen. Es gibt nur – zumindest in Österreich – keine Mobilfunkanbieter, die auch nur ansatzweise solche Geschwindigkeiten anbieten. Trotzdem vergleicht man die 5G-Verlockungen gerne mit dem eigenen Status quo in Sachen LTE. So spricht etwa Magenta explizit von einer Beschleunigung um den Faktor 67. Diese Rechnung geht natürlich nur dann auf, wenn man die beschränkten 150-Mbit/s-Tarife, die man selbst anbietet, als Basis heranzieht und sich in die andere Richtung auf einen – derzeit noch komplett theoretischen – Maximalwert von 10 Gbit/s bezieht.

Vor allem aber ist all das für die breite Masse ohnehin bloße Theorie: Die reale 5G-Abdeckung in Österreich ist marginal. Bei Magenta, wo man sich gerne als 5G-Vorreiter sieht, betreibt man derzeit – neun Monate nach dem Start des eigenen 5G-Netzes – exakt 58 5G-Masten, über ganz Österreich verstreut. Bis zu einer flächendeckenden Versorgung wird also noch einige Zeit vergehen.

Andere Frequenzen, andere Einsatzgebiete

Wirklich interessant wird 5G eigentlich erst, wenn einmal die anderen spezifizierten Frequenzbereiche genutzt werden können. Da wäre zunächst das Spektrum bei 700 MHz, das einen entscheidenden Vorteil hat: Es besitzt aufgrund der vergleichsweise langen Funkwellen sehr gute Ausbreitungseigenschaften. Damit könnten dann Gegenden, die bisher nur schwache Mobilfunkabdeckung haben, deutlich besser versorgt werden. Topgeschwindigkeiten wie jene, die gerne mit 5G assoziiert werden, sollte man sich hier aber nicht erwarten – von niedrigen Latenzen ganz zu schweigen. Wer wirklich signifikante Fortschritte in diesen beiden Bereichen erhofft, der muss auf das mmWave-Spektrum warten. Bei 26 GHz angesiedelt, sollte es deutlich höhere Geschwindigkeiten und Reaktionszeiten erlauben. Wenn bei Industriepräsentationen von den sagenhaften Möglichkeiten, die 5G eröffnen soll, die Rede ist, bezieht man sich in Wirklichkeit fast immer auf diesen Bereich.

Das Problem dabei: Während die 700-MHz-Frequenzen kommendes Jahr versteigert werden, ist noch komplett unklar, wann mmWave in Österreich überhaupt erhältlich sein wird. Und selbst dann muss der Enthusiasmus etwas gebremst werden. Die hohe Frequenz führt nämlich dazu, dass diese Technologie sehr schlechte Ausbreitungseigenschaften hat. Das heißt, es braucht sehr viele Masten, da die Leistung schon nach wenigen Metern stark nachlässt. Damit ist das Ganze eigentlich nur für dicht bebaute Regionen – also vor allem Städte – relevant. Und selbst hier dann auch primär außerhalb des Hauses, da natürlich dicke Wände und wandelnde Wassersäcke, was Menschen aus Funkperspektive sind, die Ausbreitung massiv behindern.

In den USA geht der 5G-Ausbau etwas flotter voran.
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Hardwareprobleme

Doch der bruchstückhafte Zustand der Netze ist nur ein aktueller Problempunkt bei 5G. Denn auch in Hinblick auf die Hardware gibt es noch viel Verbesserungsbedarf. Aktuelle 5G-Smartphones sind erheblich komplexer aufgebaut als jene, die "nur" LTE bieten. Und das ist in diesem Fall keine gute Nachricht, heißt das doch nicht nur, dass der Platzbedarf größer ist, sondern auch, dass so ein Gerät wesentlich mehr Strom verbraucht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass bei aktuellen 5G-Geräten das Modem auf einem eigenen Chip geliefert wird. Bei LTE-Smartphones ist das Modem hingegen üblicherweise Teil des SoC, jenes "System on a Chip", das neben Prozessor auch noch die Grafikeinheit und eben oft auch das Modem enthält. Und solche integrierten Lösung sind eben erheblich stromsparender.

Um die Dimensionen klarzumachen: Das derzeit meistgenutzte 5G-Modem, der X50-Chip von Qualcomm, ist fast noch einmal so groß wie der aktuellste Top-SoC des Herstellers, der Snapdragon 855. Dazu kommen dann noch mehrere Antennenmodule, die für die verschiedenen Frequenzbereiche von 5G notwendig sind. Das gilt vor allem, wenn dabei auch der mmWave-Bereich unterstützt werden soll, da hierfür viele – und große – Antennen notwendig sind, um einen zuverlässigen Empfang sicherzustellen.

Es gibt kein 5G-Smartphone für alles

Genau das ist übrigens auch der Grund für einen Umstand, den die Anbieter von 5G-Smartphones weniger gerne erwähnen: Keines der aktuell verfügbaren Geräte unterstützt sämtliche spezifizierten Frequenzbereiche von 5G. Das führt zu teilweise absurden Situationen: So hat etwa T-Mobile in den USA unlängst das größte landesweite 5G-Netz angekündigt. Zum Zeitpunkt der Enthüllung gab es aber kein einziges Smartphone, das dieses Netz auch unterstützte. Das überraschte zunächst, hat doch T-Mobile US schon länger 5G-Smartphones im Angebot. Aber eben welche, die ganz andere Frequenzbereiche abdecken. Mittlerweile gibt es zwar passende Smartphones für das neue Netz, diese weisen aber wiederum keinen mmWave-Support auf, der von T-Mobile im städtischen Bereich getestet wird.

Andere Länder mit anderen Rahmenbedingungen, keine Frage. Das Grundproblem bleibt aber das gleiche: Wer sich jetzt ein 5G-Smartphone kauft, der wird in ein paar Jahren nur einen Teil von 5G nutzen können. Das öfter zu hörende Gerede von "5G ready" ist schlicht Unsinn. Die notwendigen Antennen für mmWave-Support lassen sich nicht einfach per Update nachrüsten.

Kinderkrankheiten

Doch zurück zum höheren Stromverbrauch. Dieser resultiert natürlich nicht nur aus dem komplexeren Aufbau, denn auch sonst sind aktuelle 5G-Chips noch nicht so gut optimiert, wie es bei LTE-Modems der Fall ist. Und das ist auch nicht überraschend, hier wiederholt sich einfach die Geschichte: Die ersten 3G- und LTE-Smartphones waren ebenfalls von einem sehr hohen Stromverbrauch geplagt. All das erklärt übrigens auch, warum sämtliche derzeit verfügbaren 5G-Smartphones noch ein Stück größer als andere Top-Smartphones sind. Man braucht einfach den Platz für all die zusätzlichen Komponenten – sowie um einen ausreichend großen Akku mitzuliefern, um dem höheren Stromverbrauch entgegenzuwirken.

Die Industrie wirbt gerne mit vollmundigen – und oft begrenzt seriösen – Versprechen für 5G. Von all den erwähnten Szenarien ist man derzeit aber noch weit entfernt.
Foto: APA/AFP/HECTOR RETAMAL

Doch der höhere Stromverbrauch bei aktiver 5G-Nutzung hat noch andere Konsequenzen. So berichten US-Medienvertreter immer wieder von groben Überhitzungsproblemen, die sich bei der Nutzung von 5G-Verbindungen zeigen. So mussten gleich bei mehreren sommerlichen Presse-Events die Testgeräte extern gekühlt werden, um noch benutzbar zu bleiben. Davon betroffen waren übrigens Geräte verschiedener Hersteller, es handelt sich also um ein generelles Problem aktueller 5G-Modems. Alles Kinderkrankheiten – keine Frage. Aber auch ein weiteres gutes Argument dafür, auf kommende Hardwaregenerationen zu warten.

Die nächste Generation

Angemerkt sei, dass es mittlerweile mit dem Qualcomm X55 ein leicht aktualisiertes Modem des Herstellers gibt. An den erwähnten Schwachpunkten ändert dies aber nur wenig. Und selbst für das kommende Jahr müssen die Hoffnungen gedämpft werden. Auch der Snapdragon 865 soll nur mit externem 5G-Chip erhältlich sein. Mit dem Snapdragon 765G wird es zwar auch einen Chip geben, der ein fix integriertes 5G-Modem aufweisen soll, dieses ist aber nicht auf den Highend-Bereich ausgerichtet. Bei Huawei ist man da zwar schon etwas weiter, den Kirin 990 gibt es auch in einer 5G-Variante, dafür sind dessen Datenraten niedriger als bei der Konkurrenz.

Eine Kostenfrage

Bleibt noch ein nicht zu unterschätzender Faktor: 5G-Smartphones sind derzeit ein ziemlich teures Vergnügen. Für das Galaxy S10 5G muss man derzeit 1.149 Euro zahlen. Damit ist es mehrere Hundert Euro teurer als die anderen S10-Varianten. Das Galaxy A90 5G gibt es zwar schon um 749 Euro, wirklich günstig im Vergleich zu anderen Geräten mit dieser Hardwareausstattung ist dies aber auch nicht.

Fazit

Um hier keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Das Potenzial von 5G ist fraglos spannend, das hat aber mit dem Status quo herzlich wenig zu tun. Dieser ist von Hardwaredefiziten, kaum existenter Netzabdeckung und einer bruchstückhaften Implementation der neuen Mobilfunkgeneration geprägt. Insofern sollte sich derzeit eigentlich fast niemand ein 5G-Smartphone kaufen. Die aktuell verfügbaren 5G-Smartphones sind nicht viel mehr als Experimentiergeräte für Mobilfunkbetreiber. Wer nicht gerade Geld zum Verbrennen hat und immer unbedingt das Allerneueste benötigt, sollte lieber noch ein, zwei Jahre zuwarten. Und wer weiß: Mit etwas Glück gibt es bis dahin auch schon ein 5G-Netz, für das man nicht mehr gezielt zu einzelnen Mobilfunkmasten fahren muss, um es nutzen zu können. (Andreas Proschofsky, 15.12.2019)