Tankwart Aldo hat nur ein Wort übrig für die aktuelle politische Krise in Rom: "Klapsmühle", sagt er in fast akzentfreiem Deutsch. Dann fällt ihm auch noch ein anderes deutsches Wort ein: "Knalltüten".

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Der 42-jährige Aldo hatte knapp zehn Jahre lang in Frankfurt als Maurer gearbeitet, bevor er 2009 in seine Heimat zurückkehrte und in Sperlonga eine Tankstelle er öffnete. Der malerische Badeort mit seinen langen, hellen Sandstränden liegt rund 120 Kilometer südlich von Rom, auf halbem Wege nach Neapel, am Tyrrhenischen Meer und ist bei gutbetuchten Römern und Neapolitanern gleichermaßen beliebt.

Sperlonga ist derzeit hoffnungslos überfüllt – wie alle italienischen Badeorte im August. Es ist so gut wie unmöglich, einen Parkplatz zu finden; freie Liegen unter den Sonnenschirmen der "stabilimenti", der typisch italienischen Strandanlagen mit Eintritt, Bademeister, Imbissstand oder Restaurant, sind Mangelware.

Ferragosto ist eben heilig in Italien

Vor den "gelaterie", den Eissalons, drängeln sich ab den Mittagsstunden dutzende Badegäste, und auch wer abends eine Pizza essen gehen will, braucht Geduld. Es gäbe viele gute Gründe, die Strände des Belpaese rund um Ferragosto zu meiden und seine Ferien lieber im Juli oder Anfang September zu planen.

Aber Ferragosto ist eben heilig in Italien. Doppelt heilig sogar: Einerseits ist damit der 15. August gemeint, also das kirchliche Fest Mariä Himmelfahrt: In Italien ist das der dritthöchste katholische Feiertag nach Ostern und Weihnachten. Andererseits ist das Wort hergeleitet von den "feriae augusti" – den Ferien von Augustus, dem berühmten römischen Kaiser.

Eine Regierungskrise im August loszutreten, das hat in der langen Geschichte der politischen Instabilität Italiens bisher noch niemand gewagt – bis Lega-Chef Matteo Salvini kam. Nicht nur die Parlamentarier, die seinetwegen ihre Ferien am Strand abbrechen mussten, sind verärgert. Eigentlich ist ganz Italien sauer.

Innenminister Matteo Salvini zettelte während seiner PR-Tour über Italiens Strände eine Regierungskrise an.
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"Unnötig", "absurd", "verantwortungslos": Das sind die häufigsten Kommentare zur aktuellen "crisi sotto l’ombrellone" (Regierungskrise unter dem Sonnenschirm), die man am Lido Selvaggio von Sperlonga zu hören bekommt. Sergio, der Besitzer des Strandbads, schüttelt den Kopf: "Wenn Salvini schon seine eigene Regierung stürzt, dann hätte er das nach den Europawahlen tun können, als die Kräfteverhältnisse zwischen seiner Lega und den Grillini, seinem Koalitionspartner, auf den Kopf gestellt wurden. Aber zu Ferragosto? Das ist doch ein Witz!"

Andererseits: In Italien ist man Regierungskrisen gewöhnt – sie gehören irgendwie zum Leben. Die nächste Regierung, die Staatspräsident Sergio Mattarella derzeit zusammenschustern muss, wird die 66. der Nachkriegszeit sein. Das Land hat diesbezüglich schon allerlei erlebt, unter anderem die "governi balneari", Baderegierungen, die das Land nach dem Sturz einer Koalition im Frühsommer durch die Sommerferien führten.

Und gelegentlich war es mit dem Regieren vorbei, ehe es richtig begonnen hatte: Die erste Regierung des siebenfachen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti hielt 1972 nur neun Tage.

Man kriegt die Politiker, die man verdient

Den meisten Italienerinnen und Italienern fällt es deshalb schwer, die derzeitige Krise besonders ernst zu nehmen. "Die Lega und die Fünf Sterne, die als Antisystembewegungen angetreten waren und einen grundlegenden Wandel versprochen hatten, haben gezeigt, dass sie kein bisschen besser sind als die traditionellen Parteien", meint die Kinderärztin Manuela, die sich an der Strandbar einen Kaffee genehmigt. "Ihnen ist das Wohl des Landes genauso egal wie den anderen. Sie interessieren sich nur für die Macht und für ihren persönlichen Vorteil." Im Grunde fehle es dem ganzen Land an politischer Kultur: "Es sind ja wir Italiener, die diese Parteien wählen: Wir sind selbst schuld, jedes Land hat die Politiker, die es verdient."

Auch der zweite Vizepremier, Luigi Di Maio, eilte daraufhin an jenen Ort, wo er seine Anhänger vermutete: auf die Spiaggia.
Foto: Luigi Di Maio / Facebook

Tatsächlich nehmen viele Italiener ihren Staat als etwas Fremdes, etwas Feindseliges wahr. Politologen und Historiker interpretieren dieses Misstrauen gemeinhin als Folge jahrhundertelanger Fremdherrschaft, die im Süden besonders ausgeprägt war: Bis zur italienischen Einigung regierten in den verschiedenen Teilen Italiens abwechselnd Spanier, Franzosen und Habsburger – und auch das erste italienische Parlament tagte auf Französisch. Die innere Distanz der Italiener zu ihrem Zentralstaat erklärt teil weise den Aufstieg Silvio Berlusconis in den 1990er-Jahren, der als Premier die Steuerhinterziehung – seine eigene und diejenige von Millionen seiner Landsleute – als "legitime Notwehr" gegenüber einem gefräßigen Staat rechtfertigte. Das kam gut an in Italien.

Trotz der zahllosen Regierungskrisen, trotz Korruption und Mafia und trotz der Entfremdung der Bürger mit ihrem Staat hat sich Italien erstaunlicherweise immer mehr oder weniger erfolgreich durchgewurstelt. Das Land ist immer noch die viertgrößte Volkswirtschaft Europas und wird am Wochenende mit Nochpremier Giuseppe Conte am G7-Gipfel in Biarritz vertreten sein.

Stützpfeiler Italiens: Ausgerechnet die Bürokratie

Dass das Land auch ohne stabile Regierungen funktioniert, ist in erster Linie das Verdienst der unzähligen Kleinunternehmer und der mittleren Privatbetriebe, die mit ihrer Kreativität und hohem Arbeitseinsatz der Bürokratie und der hohen Steuerbelastung trotzen und das Land unter tausend Schwierigkeiten bis heute vor dem Absturz bewahren.

Ein anderer Pfeiler, der das Land über Wasser hält, ist para doxerweise die vielgescholtene Bürokratie. Die Erklärung dafür liefert Andrea, auch er Stammgast am Lido Selvaggio: "In Italien ist die Verwaltung ein Staat im Staat, der Regierungsbeschlüsse filtert und, wenn überhaupt, nur selektiv umsetzt", sagt der pensionierte ehemalige Spitzenbeamte im Finanzministerium. Das möge politisch problematisch sein – doch die hohen Staatsfunktionäre seien im Unterschied zu den meisten Politikern wenigstens hervorragend qualifizierte Fachkräfte. So wie Andrea, der die Pariser Eliteverwaltungshochschule ENA absolvierte und sich in Harvard weiterbildete. Schnellschüsse der Regierung bleiben laut Andrea zumeist im Getriebe der Bürokratie hängen; Ausführungsbestimmungen werden absichtlich verschleppt; und bis der zuständige Minister das überhaupt bemerkt, ist die Regierung gestürzt und das Gesetz schon längst vergessen.

Dauerthema Regierungskrise auch beim Medienkonsum im heißen Sand.
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Also kein Grund zur Sorge und "tutto a posto", alles in Ordnung, im Land der Überlebenskünstler? Leider nein. Denn bei der aktuellen Regierungskrise steht sehr viel mehr auf dem Spiel, als es vielen Italienern bewusst ist. Früher ging es in der Regel lediglich darum, ob am Ende der Krise eine linke oder eine rechte Regierung gebildet wird; in den Zeiten der allmächtigen Democrazia Cristiana lautete die Frage meistens sogar bloß, welche Strömung innerhalb der christdemokratischen Partei obsiegen wird. Da wurden im Rahmen von Regierungskrisen sozusagen parteiinterne Meinungsverschiedenheiten geschlichtet.

Frist bis Dienstag

Die Frage, ob Italien Teil der EU und der Eurozone, Mitglied der Nato und ein liberaler, demokratischer Rechtsstaat bleibt, hat sich bisher nie gestellt, nicht einmal bei Enfant terrible Berlusconi.

Das ist diesmal anders: Sollten sich die "Knalltüten" der Fünf-Sterne-Bewegung und des Partito Democratico bis Dienstag nicht auf eine neue Regierungskoalition einigen können, dann bliebe Staatspräsident Sergio Mattarella nichts anderes übrig, als das Parlament aufzulösen. Bei den darauffolgenden vorgezogenen Neuwahlen im Oktober droht ein Wahlsieg der rechtsnationalen Lega Salvinis und der postfaschistischen Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni – also von zwei europafeindlichen, autoritären Parteien mit zwei Leadern, die aus ihren Sympathien für Wladimir Putin, Donald Trump und Viktor Orbán noch nie einen Hehl gemacht haben. Da würde Italien nicht nur zu Ferragosto, sondern auch im übertragenen Sinn baden gehen. (Dominik Straub aus Rom, 24.6.2019)