Dichter Rauch, der sich im Hintergrund immer dunkler verfärbt, steigt über den sattgrünen Baumwipfeln auf. Die Flammen züngeln zwischen dem teils abgebrannten Waldstück auf. Das Foto spricht für sich: Der Amazonas-Regenwald – der weltweit größte Regenwald und die grüne Lunge unseres Planeten – steht in Flammen. "Und niemanden interessiert es?" Mit dieser rhetorischen Frage zu diesem Bild machte Hollywood-Star und Umweltaktivist Leonardo DiCaprio auf die Brandkatastrophe in Südamerika aufmerksam.

Der Instagram-Post des Anstoßes.

Dass das Foto gar nicht die aktuellen Feuer zeigt und vom bereits 2003 verstorbenen Fotografen Loren McIntyre stammt, tut nichts zur Sache. Binnen kurzer Zeit wurde das Bild mehr als 3,6 Millionen Mal auf Instagram geteilt. Der Hashtag #PrayForAmazon dominiert die sozialen Netzwerke.

Die Brände im Amazonasgebiet sind die schlimmsten seit Jahren, hunderte Quadratkilometer Tropenwald stehen in Flammen. Brasiliens Präsident Bolsonaro verteidigt Brandrodungen und wehrt sich gegen Kritik.
DER STANDARD

Heuer mehr als 75.000 Brände

Die Umweltzerstörung war nach mehr als zwei Wochen auch in den internationalen Medien angekommen. Denn obwohl Waldbrände im Amazonasgebiet nicht ungewöhnlich sind, haben sie ungewöhnlich große Ausmaße angenommen. Der dichte Rauch hüllte sogar die brasilianische Metropole São Paulo untertags in ein nächtliches Schwarz. Satellitenaufnahmen der US-Weltraumbehörde NASA zeigen, dass auch in den Nachbarländern Peru, Bolivien, Paraguay und Argentinien zahlreiche Feuer ausgebrochen sind.

Seit Beginn des Jahres wüteten um 85 Prozent mehr Feuer als in den ersten acht Monaten des Vorjahres, zeigt die Auswertung von Satellitenbildern durch das brasilianische Institut für Satellitenforschung (INPE). Mehr als 75.000 Brände wurden registriert, die höchste Zahl seit 2013.

Vor der brasilianischen Botschaft in Paris kam es am Freitag zu Protesten.
Foto: REUTERS/Charles Platiau

Die Dimension der Katastrophe rief auch internationale Politiker auf den Plan. "Die anhaltenden Waldbrände in Brasilien bereiten große Sorgen", schrieb die EU-Kommission in einem Statement: "Wälder sind unsere Lungen und Lebenserhaltungssysteme." António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, rief auf Twitter zum Schutz des Amazonas-Regenwalds auf: "Mitten in der globalen Klimakrise können wir uns nicht leisten, dass eine Hauptquelle für Sauerstoff und Biodiversität weiter beschädigt wird." Frankreichs Staatspräsident Macron setzte die Brände kurzerhand auf die Tagesordnung des G-7-Gipfels und sagte: "Das Amazonasgebiet ist unser Allgemeingut". Er wolle die Teilnehmer des Gipfels in die Pflicht nehmen. Unterstützung dafür bekam er von seinem kanadischen Amtskollegen Justin Trudeau: "Ich könnte nicht mehr mit Emmanuel Macron übereinstimmen", schrieb dieser auf Twitter.

Internationaler Druch

Auch die EU setzt Brasilien unter Druck: Ratspräsident Donald Tusk machte am Samstag den Fortgang der Ratifizierung des Handelsabkommens mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten von einem glaubwürdigen Einsatz Brasiliens zur Bekämpfung der Brände abhängig.

Der brasilianische Häuptling Raoni Metuktire rief indessen die internationale Gemeinschaft zum Einschreiten gegen den brasilianischen Staatschef Jair Bolsonaro auf. Macron und weitere internationale Akteure könnten "Druck machen", damit das brasilianische Volk Bolsonaro "los wird" und das Parlament des südamerikanischen Staates die Absetzung des Präsidenten beschließe, sagte Raoni am Freitag.

Wo es im Amazonasbecken brennt.
Grafik: Standard

Kolonialdenken

Brasiliens rechtskonservativer Präsident Jair Bolsonaro fühlte sich von Macron angegriffen. Sein Land ist nicht Teil der G7. Die Brände seien eine brasilianische Angelegenheit, und Macron würde wie ein Kolonialherrscher denken. In einem TV-Auftritt wiederholte Bolsonaro seine Sicht der Dinge: Das Verbreiten von "Falschinformationen" zur Lage im Norden Brasiliens trage nicht dazu bei, die Situation zu verbessern. "Waldbrände gibt es auf der ganzen Welt. Das kann nicht als Vorwand für mögliche internationale Sanktionen dienen", sagte der Präsident.

Am Freitag gab Bolsonaro dann doch noch bekannt, das Militär zur Bekämpfung der Waldbrände im Amazonasbecken entsenden zu wollen. Er werde Soldaten mit der angemessenen Ausrüstung einsetzen, um die Brände im Regenwald zu löschen, sagte Bolsonaro im Fernsehen. Angesichts von Tausenden Feuern im Amazonasgebiet versprach Bolsonaro ein hartes Durchgreifen gegen die Brandstifter.

Der Regierung sei die Situation sehr bewusst, und sie werde genauso gegen "Umwelt-Kriminalität" vorgehen, wie sie gegen normale Kriminalität vorgehe. "Wir sind eine Regierung der Null-Toleranz-Politik." US-Präsident Donald Trump bot Bolsonaro Hilfe beim Kampf gegen das Feuer an, doch dem Tweet und einem Telefonat mit Bolsonaro folgten laut Brasiliens Verteidigungsminister Fernando Azevedo bisher keine Taten.

Bolsonaro und die Umwelt

Dass Bolsonaro aber nicht viel vom Schutz des Amazonasgebiets hält, ist bereits seit Monaten bekannt. Noch vor seiner Angelobung hatte er angekündigt, das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium zusammenlegen zu wollen. Umweltschützer übten Kritik. Bolsonaro ruderte zurück, da die Agrarindustrie Sanktionen durch Partner wie die EU fürchtete.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro wehrt sich gegen eine Einmischung in die Thematik der Brände im Amazoas-Gebiet von außen. Er wirft dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron eine kolonialistische Denkweise vor.
ORF

Doch das Zeichen war klar: Der Präsident war bereit, den Umweltschutz für die Interessen der Industrie aufzugeben. Die großen Unternehmen sollten mehr Zugang zu dem geschützten Land erhalten. Um das durchzusetzen, diskreditiert Bolsonaro auch regelmäßig veröffentlichte Zahlen. Dass im ersten Halbjahr 2019 bereits 18.600 Quadratkilometer Regenwald zerstört wurden, wie das brasilianische INPE-Institut berichtete, schob der Präsident beiseite. Das Land würde "erst so richtig abheben, wenn wir es geschafft haben, die Reichtümer (des Regenwalds, Anm.) vernünftig zu gewinnen", sagte Bolsonaro. Der INPE-Chef musste seinen Posten räumen. Eine öffentliche Ausschreibung soll ein privatwirtschaftliches Unternehmen mit der Überwachung des Regenwalds beauftragen – der Staat will damit nichts mehr zu tun haben.

Im Amazonasgebiet brennt es immer wieder. Doch diesmal ist das Ausmaß so groß wie schon seit Jahren nicht mehr.
Foto: REUTERS/Nacho Doce

Rückzug aus Amazonas-Fonds

Fast zeitgleich entließ Bolsonaro das Steuerungsgremium des Amazonas-Fonds, der zentral für die internationalen Bemühungen des Regenwaldschutzes war. Die Großspender Norwegen und Deutschland stoppten bereits versprochene Spendenzahlungen von mehr als 65 Millionen Euro.

Die Zerstörung des Regenwalds geht somit noch ungestörter weiter. Angeheizt durch die Aussagen Bolsonaros hatten Landwirte im Amazonasgebiet den vergangenen Samstag zum "Tag des Feuers" erkoren und weite Flächen für Anbaugebiete niedergebrannt. Die Staatsanwälte des Bundestaats Pará wollen deshalb Ermittlungen wegen Vergehen gegen den Umweltschutz einleiten. (Bianca Blei, red, 23.8.2019)