Indonesiens Hauptstadt Jakarta versinkt Jahr für Jahr 20 Zentimeter im sumpfigen Boden der Insel Java. Die 30 Millionen Einwohner des ausufernden Großraums, an tägliche Staus, exorbitante Luftverschmutzung und häufige Stromausfälle gewöhnt, entnehmen der Erde notgedrungen so viel Grundwasser, dass schon jetzt zwei Fünftel der Stadt unter dem Meeresspiegel liegen. Tendenz: sinkend.

Jakarta versinkt: Experten befürchten, dass die Megalopolis 2050 untergehen könnte – im wahrsten Sinne des Wortes.
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Umgerechnet mehr als sechs Milliarden Euro kostet die chronisch dysfunktionale Megalopolis den indonesischen Staatssäckel pro Jahr. Präsident Joko Widodo, der sich meist kurz Jokowi nennen lässt, will dem langsamen Sterben Jakartas nun ein rasches Ende bereiten. In zwei Jahren schon will er den Grundstein zu einer neuen Hauptstadt legen lassen, am Montag lüftete Jokowi im Rahmen einer Pressekonferenz erstmals das Geheimnis um deren möglichen Ort: East Kalimantan auf der Insel Borneo.

Der Inselstaat Indonesien, mit 264 Millionen Einwohnern gemäß dieser Zahl viertgrößtes Land der Welt, will damit den großen Sprung nach vorne schaffen. Während in Ägypten seit Jahren Pläne gewälzt werden, anstelle von Kairo bald von einer anderen Stadt aus zu regieren, und die burmesischen Generäle ihr Land lange Jahre von der Retortenkapitale Naypyidaw aus geknechtet haben, gehört Indonesien zu den wenigen Demokratien, die sich anschicken, ihr Machtzentrum umzusiedeln. Jokowi will sich damit auch einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern – und Indonesien ein neues, ein modernes Gesicht verleihen.

Sicher vor Naturkatastrophen

Die neue Hauptstadt, so der Präsident, soll eine "smarte" und "grüne" Stadt werden, ganz anders also als Jakarta. Drei Jahre habe seine Regierung nach einem geeigneten Ort für das Projekt gesucht, endlich sei man fündig geworden. 1.400 Kilometer liegen zwischen Jakarta und dem momentan noch von dichtem Regenwald bedeckten East Kalimantan, das seiner zentralen geografischen Lage zum Trotz bisher stets bloß Peripherie war. Im Gegensatz zu anderen Teilen des Inselreichs fühlt man sich dort relativ sicher vor Naturkatastrophen wie Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüchen.

Hier soll nach den Plänen der Regierung schon bald Indonesiens neue Hauptstadt entstehen.
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Auch die bestehende Infrastruktur, Straßen etwa, Flughäfen und Trinkwassernetz, sollen den Anforderungen für eine neue Metropole genügen. Präsident Jokowi will nach eigenen Angaben mit dem Umzug auch das Ungleichgewicht in dem Land mit seinen 17.000 Inseln ausgleichen – fast zwei Drittel der Indonesier leben auf der Insel Java, wo auch Jakarta liegt.

Sorge um Regenwald

Ab 2024 sollen Teile der Regierung schon von der noch zu benennenden neuen Hauptstadt aus arbeiten. Kostenpunkt: mindestens 30 Milliarden Euro, so viel kostet Berechnungen der indonesischen Planer zufolge nämlich die Errichtung einer 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt vom Reißbrett. Jokowi will dafür auch private Unternehmen auf den Plan rufen, nur ein kleiner Teil der Kosten soll vom Staat gestemmt werden, hofft er. Umweltschützer warnen hingegen vor den Auswirkungen der Riesenbaustelle auf den fragilen Regenwald der Insel Borneo, der auch die gefährdeten Orang-Utans beherbergt.

Präsident Jokowi (Mitte) will sich mit der neuen Kapitale ein Denkmal setzen.
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Und doch muss es nach dem Willen des Präsidenten vorangehen: "Die neue Hauptstadt ist nicht nur ein Symbol unserer nationalen Identität, sondern verdeutlicht auch den Fortschritt, den wir als Nation gemacht haben", sagte er bei der Rede am Montag. Und: "Es geht auch darum, eine ausgeglichene und gerechte Wirtschaft zu schaffen." (Florian Niederndorfer, 26.8.2019)