Emmanuel Macron kann zufrieden sein: Der G7-Gipfel in Biarritz hat dazu beigetragen, dass man international zu ihm eher hinauf- als hinabschauen muss.

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Als der französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing im fernen Jahr 1975 zum ersten G6-Treffen lud, um die Folgen des Ölpreisschocks am Kaminfeuer zu beraten, war Emmanuel Macron, heute 41 Jahre alt, noch nicht einmal geboren. Den G7-Gipfel in Biarritz leitete er nun aber wie ein diplomatischer Profi. Locker auftretend, dabei aber geradezu perfektionistisch kümmerte er sich um alles – bis hin zum Inhalt der Menüs. Das freilich ist in Frankreich fast so wichtig ist wie die Geopolitik.

Dazu jonglierte der Absolvent der Pariser Eliteschule ENA mit den komplexen Gipfelthemen und noch komplexeren Egos der Teilnehmer, ohne den Ball je aus der Hand zu geben. Dabei blieb Macron keineswegs unverbindlich und belanglos wie ein Diplomat.

Überraschungsgast aus Teheran

US-Präsident Donald Trump überrumpelte dessen französischer Amtskollege geradezu mit seiner scheinbar spontanen Einladung an den iranischen Außenminister Mohammed Javad Zarif. Den britischen Ministerpräsidenten Boris Johnson ließ er bei allem Schulterklopfen spüren, was er von den unsäglichen Brexit-Wirren hält. Und den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro zwang er aus der Distanz von 8.000 transatlantischen Kilometern zu einem Armeeeinsatz gegen die Amazonas-Waldbrände, indem er damit drohte, das EU-Handelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Ländern nicht zu unterzeichnen.

Mit einer feinen Prise Ironie kommentieren französische Medien, ihr Präsident sei "ein Wochenende lang Gebieter über die Welt" ("maître du monde") gewesen. Sogar Trump fand, Macron sei ein "great guy", ein formidabler Kerl.

Fast in Vergessenheit geriet darob, dass der französische Gastgeber inhaltlich wenig erreichte – wenn man von der nicht im offiziellen G7-Programm aufscheinenden Brandbekämpfung im Amazonas-Dschungel absieht. In Sachen Atomabkommen mit dem Iran zeigte Trump keinerlei Entgegenkommen, den Handelskonflikt mit China schürte er sogar weiter an. Bei der französischen Digitalsteuer gegen globale Internetriesen wie Google oder Amazon kommt Macron nicht weiter; vermutlich wird er gar Abstriche machen müssen. Auch die Rückkehr des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einem möglichen Gipfel – dann wieder unter dem Titel G8 – bleibt offen. Und in der Sahel-Krise gab es trotz vereinter Anstrengungen von Macron und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel keine Fortschritte.

Vertreter der zivilisierten Welt

Mehr hatte eigentlich aber auch niemand erwartet. Macron selbst, der im Umgang mit Trump mittlerweile Routine mitbringt, hatte die inhaltlichen Erwartungen bewusst gedämpft. Wichtiger war etwas anderes: Mithilfe seiner G7-erfahrenen Einflüsterin Merkel gelang es ihm, Europas moderate Stimme mit ihrem vermittelnden, multilateralen Ansatz einzubringen. Das war bitter nötig zwischen all den nationalen, ja nationalistischen Tönen vonseiten Trumps, Johnsons und des Japaners Shinzo Abe. Die unflätigen Twitter-Sprüche des Bolsonaro-Clans an Macrons Adresse verstärkten am Montag nur noch das Gefühl, dass es gut war, dass der G7-Gastgeber ein Vertreter der moderateren, zivilisierten Welt war.

Natürlich gefiel sich Macron selbst in seiner "schönen Rolle", wie der Geopolitologe Pascal Boniface meinte. Sich bei den Gipfelgegnern fast schon anbiedernd, kritisierte er selbst das G7-Format, das er aber auch gleichzeitig für seine Imagepflege ausnützte. Dem Klub der Reichen setzte er zwar das Gipfelthema der "globalen Ungleichheiten" vor; den vielen Worten folgten aber keine Taten. Damit seine innenpolitischen Gegner – die Gelbwesten – den Gipfel nicht stören konnten, ließ Macron jede Zufahrtsstraße, jeden Kreisverkehr in und um Biarritz von mehr als 13.000 Gendarmen und Polizisten bewachen.

Der Vorwurf, den G7-Gipfel in seine persönliche Show verwandelt zu haben, wird an Macron aber nicht lange hängenbleiben. Jedenfalls nicht länger als ein Jahr: 2020 wird die Gastgeberschaft an den USA sein – und Trump will die G7-Kollegen, wie er am Montag sagte, zu sich nach Miami und dort eventuell auch in seine Privatresidenz einladen. Kurz vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen wird er Macron vormachen, was es heißt, eine wirkliche Politshow abzuziehen. (Stefan Brändle aus Biarritz, 26.8.2019)