Als Retter eines Sanierungsfalls wurde Ferdinand Piëch nach Wolfsburg geholt. Das Kunststück gelang. Doch beim Hobeln fielen auch Späne.

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Bei Volkswagen in Wolfsburg stehen die Fahnen auf halbmast. Man zollt dem am Sonntagabend "überraschend und plötzlich" verstorbenen früheren Konzernchef Ferdinand Piëch Respekt. Der langjährige Firmenpatriarch habe Automobilgeschichte geschrieben – als leidenschaftlicher Manager, genialer Ingenieur und visionärer Unternehmer, so Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. "Mutig, unternehmerisch konsequent und technisch brillant" habe Piëch VW zu dem gemacht, was es heute ist, ergänzt VW-Chef Herbert Diess: ein Weltkonzern.

Auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann und Ministerpräsident Stephan Weil streichen die Leistungen des Enkels des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche hervor. Der am 17. April 1937 in Wien als Sohn des Juristen Anton Piëch und der Porsche-Tochter Louise geborene, gelernte Maschinenbauer startete seine Karriere 1963 bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen. Seinen Ruf als Konstrukteur erwarb er sich bei Audi, wo er Entwicklungen von der Aluminium-Karosserie in Leichtbauweise bis hin zum Audi-Quattro-Antrieb vorantrieb.

Visionen für die Autowelt

Am Sonntagabend ist der 82-Jährige in einem Restaurant in Aschau im Chiemgau plötzlich zusammengebrochen und wenig später in einem Rosenheimer Krankenhaus verstorben. Die Autowelt sähe ohne Piëch heute anders aus, konstatiert Ferdinand Dudenhöffer. "Sein Leben war das Auto, und er hat auch sehr Großes in der Autowelt geschaffen", sagt der deutsche Automobilexperte im Bayerischen Rundfunk. Ein gewiefter Stratege sei er gewesen. Dudenhöffer kommt damit zum Punkt: Der Mann "mit Benzin im Blut" war ein Manager der alten Schule, gefürchtet in Wolfsburg. Seine Ziele erreichte er mit eiserner Hand.

Ein Führungsstil, der den Dieselskandal wohl begünstigte. "Kaltherzig" sei er gewesen, spricht Dudenhöffer aus, was wohl der eine oder andere Weggefährte denkt. Martin Winterkorn etwa, Piëchs Ziehsohn und Nachfolger, an dem er 2015 in einem Interview Zweifel säte, um ihn als Nachfolger an der Aufsichtsratsspitze zu verhindern. Oder Winterkorns Vorgänger Bernd Pischetsrieder, der mit dem ruppigen Führungsstil des Patriarchen, der Widerspruch nicht duldete – "mein Harmoniebedürfnis ist begrenzt" – nicht zurechtkam.

Wie gewonnen, so zerronnen

Wie schnell Macht schwindet, bekam der Machtmensch Piëch dann nach dem Rütteln an Winterkorns Sessel zu spüren. Der "Alte" verlor. Weder Großaktionär Niedersachsen noch der einflussreiche Betriebsratschef Bernd Osterloh und die Familie Porsche schlossen sich dem Angriff an.

Piëch schmiss hin und zog sich in sein Salzburger Domizil zurück. In seinen letzten Lebensjahren hatte sich der Vater von 13 Kindern aus mehreren Beziehungen von der Branche entfernt. 2017 verkaufte er einen Großteil seiner Stammaktien an VW. Sein Erbe hat er schon vor längerem über zwei Stiftungen geregelt, die seine Frau Ursula führen soll. Der zerstrittene Clan Porsche/Piëch ist mit rund 39 Milliarden Euro die reichste Familie Österreichs.

Manager wie Piëch wird es nicht mehr geben, sagt Dudenhöffer: "Wir kommen aus einer Zeit, wo man von oben nach unten das Unternehmen geleitet hat. Heute sind andere Dinge angesagt." (Regina Bruckner, 27.8.2019)