Die Fahrstuhltür öffnet mit einem Pling. Heraus tritt ein großer Mann, aufrechte Haltung, bordeauxroter Pullover, Bundhose, schwarze Lederschuhe. Auf den Lippen ein Lächeln. Der Mann ist Carlo Petrini, der Gründer von Slow Food. Die Schnecke auf seinem Revers, das Slow-Food-Logo, das für langsam, also mit Bedacht produzierte Lebensmittel steht, ist vielen ein Begriff.

Seit dem öffentlichen Spaghetti-Protestessen in Rom und der Geburt der Slow-Food-Bewegung sind 33 Jahre vergangen. Initiator Carlo Petrini setzt sich noch immer für nachhaltiges Essen ein.
Foto: Marcello Marengo

Qualität und faire Entlohnung für jeden in der Wertschöpfungskette, das hat sich die Slow-Food-Bewegung auf die Fahnen geschrieben. Entstanden ist die Bewegung 1986 aus einem öffentlichen Spaghetti-Essen an der Spanischen Treppe in Rom, als Protest gegen die dort geplante Eröffnung einer McDonald's-Filiale. In seinen Kreisen ist Petrini Papst mit Millionen von Anhängern rund um den Globus.

Wir treffen ihn in einer Hotellobby im baskischen San Sebastián. Petrini ist hier, um bei den Diálogos de Cocina, einem interdisziplinären Kongress für Gastronomie, Psychologie, Kunst und Medizin, über Politik zu sprechen. Essen und Politik.

STANDARD: Essen und Politik, wie geht das zusammen?

Petrini: Essen ist immer politisch. Mit dem, was und wie man isst, zeigt man seine politische Haltung. Auch damit, wen man an seinen Tisch lädt und welchen Stellenwert Essen in den eigenen vier Wänden hat. Kaufe ich regional oder im Supermarkt? Lebensmittel, die für die Region typisch sind, oder Sorten, die ich überall bekomme? Essen ist sehr persönlich, denn es verrät viel über uns. Und es kann viel bewegen.

Carlo Petrini bei der Parade während des Terra-Madre-Festivals 2016 in Turin.
Foto: Tullio Puglia

STANDARD: Das haben Sie mit Slow Food unter Beweis gestellt. Wie lebt es sich als "Mister Slow Food"?

Petrini: Slow Food bin nicht ich, sondern sind wir alle, die es leben. Alleine kann niemand so eine Bewegung erschaffen. Alles im Leben unterliegt der Evolution, Menschen und Organisationen wie Slow Food. Ich bin am Ende meiner Evolution. Die Jungen sollen Hauptdarsteller sein. Wir Alten sind gar nicht mehr in der Lage, uns diesen neuen Herausforderungen zu stellen. Die Kommunikation ist grundlegend anders. Das ist eine Veränderung, die ich sehr interessiert beobachte.

STANDARD: Ist Slow Food hier im Baskenland ein Thema?

Petrini: Die Gemeinde ist sehr aktiv. Nach Ihnen treffe ich mich mit Alberto López. Er ist verantwortlich für Slow Food im Baskenland, und wir werden über einen eigenen Guide für die Region sprechen.

STANDARD: Einen Slow-Food-Guide?

Petrini: Nein, einen "Arca del Gusto"-Guide. Die Arche des Geschmacks ist ein Werkzeug, das wir erschaffen haben, um Biodiversität zu erhalten. Sie ist das größte Erbe der Menschheit. Mit der Arche des Geschmacks katalogisieren wir Produkte, die vom Aussterben bedroht sind. Sie können sich selbst davon überzeugen: Suchen Sie doch einmal in Bibliotheken oder Büchereien – Sie werden tausende Rezeptbände finden, aber keine Bücher über die Produkte selbst.

Carlo Petrini mit Koch und Visionär Ferran Adrià (rechts).
Foto: Marcello Marengo

STANDARD: Sind diese Arche-Produkte für jedermann einsehbar?

Petrini: Online kann man alle katalogisierten Produkte abrufen. Wir arbeiten daran, für jedes Land auch ein Buch herauszugeben. Manchmal, wie im Fall des Baskenlands, ist die Biodiversität derart reich und anders als beispielsweise in Katalonien, dass wir für jede Region ein Buch planen. Oder denken Sie an Sizilien und das Piemont. Das geht doch auch nicht in ein Buch.

"Wer billiges Essen kauft, bezahlt auf andere Art und Weise."

STANDARD: Wobei die Buchform nicht unbedingt als neue Kommunikationsform durchgeht, von der wir vorhin gesprochen hatten.

Petrini: Das Internet zwingt uns, anders zu kommunizieren. Informationen verbreiten sich rascher, und es gibt viel mehr davon. Zugleich ist es schwieriger, Informationen mit Wert aufzuladen. Die Buchform ist eine Möglichkeit, das zu tun. Die Sprache des Internets ist Englisch. Die der Produzenten aber nicht. Das ist die Landessprache. Darum geben wir alle Guides in Englisch und der jeweiligen Landessprache heraus. Schließlich geht es ja auch um die Produzenten.

STANDARD: Produktguides für alle Länder der Welt, das klingt nicht gerade nach Ruhestand ...

Petrini: Ich habe das Privileg, so etwas wie ein Testimonial zu sein. Die Dimensionen, um die es jetzt geht, kann ich nicht realisieren. Slow Food ist über 30 Jahre alt. Dass es heute nicht mehr funktionieren kann wie damals bei der Gründung, liegt doch auf der Hand. Das Internet hat daran einen großen Anteil. Das war eine der zentralen Fragen, die wir mit allen Delegierten beim 7. Internationalen Slow-Food-Kongress im chinesischen Chengdu diskutiert haben: die neue Form unserer Initiative.

STANDARD: Wie wird diese neue Form von Slow Food in Zukunft also aussehen?

Petrini: Die Strukturen müssen noch offener sein, ohne Hierarchie. Wir müssen den Jungen die entsprechende Bühne geben. Vielen alten Menschen fällt es schwer, ihren Platz zu räumen, und sie verstehen nicht, dass es besser für die Organisation und auch für einen selbst ist.

STANDARD: Sie hätten diese Reise aus gesundheitlichen Gründen beinahe abgesagt, nicht?

Petrini: Ja. Die Diálogos de Cocina sind ein wichtiger Kongress. Ich bin froh, doch hier zu sein. Ich bin zum dritten Mal dabei. Leute kommen aus aller Welt und zeigen: Essen ist Macht. Essen kann Dinge verändern. Für uns ist das eine kulturell-ökonomische Schlacht. Stirbt die biologische Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die Vielfalt des Essens, stirbt jegliche Lebensqualität mit ihr. Dann essen wir weltweit alle nur mehr dieselben geschmacklosen, hochgezüchteten Dinge.

Petrini mit Prinz Charles und Ehefrau Camilla im Jahr 2017 auf einem Markt in Florenz.
Foto: Getty images/chris jackson

STANDARD: Auf die Idee, dass die biologische Vielfalt gefährdet ist, kommt man beim Blick auf die überquellenden Supermarktregale nicht.

Petrini: Das ist ein Überangebot vom Gleichen. Ich spreche von alten Sorten und Rassen, die vom Aussterben bedroht sind, weil sie zu wenig Ertrag bringen. Masse erreicht man mit anderen Sorten und weit weniger Arbeitseinsatz viel einfacher. Oft schätzen nicht einmal die Bauern ihre eigenen Produkte. Dabei sollten sie stolz auf ihre Arbeit sein. Und wir sollten stolz darauf sein, sie zu essen.

STANDARD: Die Produkte, von denen Sie sprechen, müssen schon teurer verkauft werden, um sich überhaupt zu rechnen ...

Petrini: Gut essen ist nicht teuer. Wenn wir billig einkaufen, zahlen wir das auf andere Art und Weise, mit unserer Gesundheit und der Umwelt, die dieser Art der Lebensmittelproduktion nicht standhalten kann. Minimieren wir die Berge an Lebensmitteln, die wir wegwerfen, steigen wir auch gleich um ein Eck günstiger aus.

STANDARD: Ein Grundgedanke des Slow Food?

Petrini: Unter anderem ja. Die gesamte Entwicklung, die die Lebensmittelindustrie hinlegt, spielt da mit rein. Der jetzige Rhythmus ist nicht überlebensfähig. Wenn wir in der Geschwindigkeit und Menge weitermachen, leben die heute 15-Jährigen, wenn sie so alt sind wie ich, in einer zerstörten Welt. Das zu ändern ist keine Herausforderung eines Ortes oder Landes, es ist eine weltweite Schlacht, die es zu schlagen gilt.

STANDARD: Sind Sie, was den Ausgang dieser Schlacht betrifft, positiv gestimmt?

Petrini: Wir leben in einer besonderen Zeit. Schauen Sie nur auf die Klimastreiks der Fridays for Future, repräsentiert von einem 16-jährigen schwedischen Mädchen (Greta Thunberg, Anm.). Sie machen endlich auf diese Missstände aufmerksam und kämpfen für das Klima. Diese Bewegung ist beeindruckend. Weit mehr als die Jugendbewegung der 1968er-Jahre. Damals war ich dabei, aber das heute ist viel wichtiger. Es geht um das Überleben der Erde. Die Politik hat das immer noch nicht begriffen und liefert nur Blabla. Ich bin sehr glücklich über diese starke Jugend. Dieser Bewegung möchte ich nahe sein, weil es eine ist, die die Welt verändert. Es ist schon spät, aber diese Jugend gibt mir Hoffnung. (Nina Wessely, RONDO, 2.9.2019)

Carlo Petrinis Vortrag bei den Diálogos de Cocina.
Diálogos de Cocina

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