Peinigend ehrlich: der Schotte Darren McGarvey.

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Ein TK Maxx. Ein Superdry. Ein Costa Coffee. Ein H&M. Ein Superdrug. Eine Filiale von Argos, einer Kaufhauskette. Ein Entertainer-Spielzeugladen. Und die überall gleiche Gastronomie, Sushi-Bar und panasiatische Glutamatküche. Das ist das Silverburn Shopping Centre in Pollok im Süden von Glasgow. Ein riesiges Konsummonstrum. Der Stolz Glasgows auf sich als Schiffbaustandort: längst verblasst.

Silverburn ist ein außerirdischer Fremdling in diesem Grätzel, das es, als es vor mehr als einem Dutzend Jahren gebaut wurde, fast erledigte. Denn Pollok, das ist seit langem bittere Armut. Pollok, das ist ganz unten. Das Riverside Museum, das Science Centre am Clyde, die teuren Einkaufsstraßen in der Stadtmitte – Welten entfernt.

Armut. Suff. Drogen. Verwahrlosung. Das ist Pollok. Hier wuchs Darren McGarvey, heute Mitte dreißig, auf. Hier erlebte er, wie seine Mutter durch Alkohol und Drogen die Familie zerstörte, bis sie im Alter von 36 Jahren an Leberzirrhose krepierte. Einbrecher hätten bei ihnen kein Glück gehabt, so Darren grimmig: Meine Mutter hatte alles Wertvolle im Haus verkauft oder verpfändet. Aus Alkoholschulden wurden Drogenschulden. Das Heroin, das sie mit nach Haus brachte, um damit zu dealen, spritzte sie sich selbst vor den vier Kindern.

Obdachlos mit 17

Das ist eine von vielen harten Szenen in McGarveys Armutssafari. Als Loki The Scottish Rapper ist er – kräftig, kurzgeschoren, Zwölftagebart – mittlerweile bekannt. Gerade absolvierte er während des Edinburgh Festivals Fringe zwölf Auftritte mit seinem neuen Polit-Rap-Programm.

Als seine Mutter starb, war er 17 (und hatte eine ganze Reihe von Antigewalttherapiesitzungen hinter sich). Ein Jahr später – der Kontakt zum Vater war fast abgebrochen – wurde er obdachlos. Er kam für drei Jahre in einem öffentlich geförderten Wohnprojekt für Jugendliche unter. Nahm sein erstes Album auf, finanziert durch den Prince's Trust. In dieser Zeit bekam er staatliche Beihilfen, viel mehr Geld als zuvor in Hilfsjobs. Und setzte es immer stärker in Alkohol um. Am Ende der drei Jahre war er jeden zweiten Tag betrunken und warf Ecstasy und Speed ein, Valium und Ketamin. Ein Jahr später war er wieder obdachlos.

Da war auch seine Radiokarriere vorbei. Er, der von sich sagt, als Jugendlicher nie mehr als ein paar Seiten eines Buchs zu lesen geschafft zu haben, war als wütender Jung-Rapper aus einem "sozial schwachen" Viertel von der BBC für eine Serie über "junge wütende Männer aus sozial schwachen Vierteln" angeheuert worden. Als er auf größere Zusammenhänge aufmerksam machte – wieso die Wut der ganz unten verständlich ist -, flog er raus.

Dieses autobiografische Buch über ein Gewaltgrätzel tut weh, richtig weh. Und es wird ganz vielen wehtun. McGarvey schont sich nicht. Er schont sein Publikum nicht. Weil er mit vollem Körpergewicht auf die Zehen aller springt, die der Rechten, der Liberalen, der Linken, die der Sozialarbeiter, Politiker und Stadtplaner. Und er, der Linke, verwirft alle linken Thesen, die Armen seien überfordert und Opfer des Neoliberalismus: "Wir brauchen eine Linke, in der es nicht nur um die Befürwortung eines radikalen Wandels, sondern auch darum geht, so viele unserer Probleme wie möglich selbst in die Hand zu nehmen."

Wut und Verärgerung

Man streicht sich jede Menge Sätze an, die hitzig, dabei durchdacht, vor allem aber peinigend ehrlich sind. Massiv geht McGarvey die Wohlfahrts-"Industrie" an, die nur um sich selbst kreist. Und das Gegenteil erzeugt, nämlich die Armen noch mehr in antisoziales Desinteresse und politische Apathie drängt. Weil Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit neutralisiert werden. Ergebnis: Protestwahl (und der Brexit). Zudem rauschen die "Experten" mit ihrem Kauderwelsch über die Köpfe der, die es eigentlich angeht, hinweg. McGarvey: "Wut und Verärgerung, gefördert von den tieferen psychologischen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Armut, sind eine erhebliche emotionale Belastung für jeden. Diese Belastung kann die menschliche Fähigkeit zu Mitgefühl, Toleranz und Mitleid einschränken."

Im vergangenen Jahr erhielt McGarvey, down and out in Glasgow, für Armutssafari den renommierten Orwell Prize. Bei der Preisverleihung, bei der prominente Schriftstellerinnen auf ihn zukamen und gratulierten, glaubte er die ganze Zeit, er stecke in einer Episode von Versteckte Kamera. (Alexander Kluy, 29.8.2019)