Im Gastkommentar legt der Blogger Markus Wilhelm dar, warum er nicht Preisträger sein mag: Er will sich nicht mit den Finanziers gemein machen. Dem Österreichischen Journalisten Club richtet er aus, die Vergabe sei "ein Missverständnis". Der wiederum sucht nun einen anderen Preisträger.

Ich sehe mich nicht als Journalisten, schon gar nicht als "investigativen Journalisten", wie es in der Begründung der Jury heißt, sondern als politischen Aktivisten, der halt schreibt. Ich hab mir meine Medien stets selber gebastelt. Ich hab mit dem Journalistenbetrieb nichts zu tun, noch weniger mit dem Österreichischen Journalisten Club (ÖJC), der den Preis vergibt, am allerwenigsten mit den Herrschaften, die ihn neuerdings finanzieren.

"Ein Missverständnis" sei die Vergabe des nach Claus Gatterer benannten, mit 10.000 Euro dotierten Journalistenpreises an ihn, kritisiert der Blogger Markus Wilhelm die Veranstalter.
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Claus Gatterer war ein gebürtiger Südtiroler, der zeitlebens ein Südtiroler geblieben ist und auch in Südtirol begraben liegt. Der Preis ist unmittelbar nach seinem Tode vom Land Südtirol gestiftet und bis 2018 von Gatterers Heimatgemeinde Sexten mitunterstützt worden, auch wenn sich der ÖJC in Wien in geschickter Weise schon längst die Namensrechte gesichert hatte. Weil das Land Südtirol auf die immer extremeren finanziellen Forderungen des Journalistenclubs nicht mehr eingehen mochte, hat dieser sich neue Geldgeber gesucht und ist butterweich beim Land Burgenland und der Esterházy-Stiftung gelandet. Ausgerechnet. Gatterer kann sich dagegen nicht mehr wehren, also liegt es an mir.

Eines ist sicher: Lebte ich im Burgenland, wären meine Platters und van Staas dort die Doskozils und Niessls, und diese Website würde sich möglicherweise diebewag.org nennen und die burgenländischen Switaks und Streiters und Maders und Zobls und Schrotts und Kuhns von den hohen Rössern holen.

Uns trennen Welten

Ich schreibe nicht ein Leben lang gegen diese Zustände, um mich dann mit ihnen gemein zu machen. Jemand muss das einmal durchbrechen. Man ist ja nicht nur, was man schreibt, sondern – mehr noch – was man tut. Ich denke nicht daran, mir aus der Hand eines Vertreters der – wie man beschönigend gerne sagt – "rot"-"blauen" Landesregierung und eines solchen der Esterházy-Stiftung irgendetwas überreichen zu lassen. (Uns trennt nicht nur die Strecke Tirol-Burgenland, uns trennen Welten.)

Ein Hans Peter Doskozil ist auch eine Provokation Claus Gatterer gegenüber. Was sollte der mit der Law-and-Order-Politik des ehemaligen Landespolizeidirektors und jetzigen burgenländischen Landeshauptmannes zu tun haben? Was mit der Esterházy-Sippe, der 2019 immer noch ein Zehntel vom burgenländischen Erdboden gehört? Claus Gatterer dreht sich im Grabe um bei diesem Missbrauch seines Namens.

Was würde er – nicht nur als Südtiroler – sagen zu einem Doskozil, der als Verteidigungsminister Radpanzer nach Tirol geschickt hat, um gegen Flüchtende vorzugehen, und mit 750 Soldaten den Brenner dichtmachen wollte? Der Rechtsabbieger der postsozialdemokratischen SPÖ, der erst kürzlich mit der FPÖ Sicherungshaft bereits für eventuell "gefährliche" Flüchtlinge, die gar nicht straffällig geworden sind, gefordert hat und darüber hinaus auch noch für "gefährliche" Österreicher. Der das Recht, in der EU einen Asylantrag zu stellen, abschaffen und dafür ein Aufnahmezentrum im westafrikanischen Niger einrichten möchte.

Was sollte mein Leben, insbesondere mein Schreiben seit über vierzig Jahren, mit so einem gemein haben?

Was mit einem Konzern, der sich verniedlichend und irreführend Esterházy-Stiftung nennt und über ein in Jahrhunderten zusammengerabertes unermessliches Vermögen gebietet: Schlösser, Burgen, Seen, Parks, Weinberge, Immobilien, 44.000 Hektar Land, geschaffen durch Fron, Robot und Zehent der Landbevölkerung, der Burgenlandbevölkerung. Das mitvererbte und mitererbte feudalistische Denken, dieses eingeübte Von-oben-herab-Gehabe, die gönnerhafte große Gestik um ein kleines Almosen drückt sich auch so beispielhaft in der läppischen Spende der Milliardärsfamilie für den Gatterer-Preis aus.

Gemeinsames Projekt

Nicht ich brauche den Gatterer-Preis, Doskozil und die Esterházys brauchen ihn. Jahrelang war die burgenländische Landesregierung mit dem Konzern im Streit gelegen oder umgekehrt, erst 2018 wurde er beigelegt, um nun gemeinsame Projekte anzugehen. Eines dieser gemeinsamen Projekte ist eben auch der Gatterer-Preis: Ich verstehe ja, dass Doskozil, die SPÖ-FPÖ-Regierung, Ottrubay und die Unternehmensgruppe Esterházy etwas für ihr Image tun wollen. Kein Grund für mich, da mitzumachen.

Es ist überhaupt eine entsetzliche Unart, dass Politiker Auszeichnungen verleihen, gar an Kritiker, wie es manche Journalisten sind. Die größere freilich, Auszeichnungen aus der Hand von Politikern anzunehmen.

Ich erlaube mir, für ihre Nummer nicht zur Verfügung zu stehen. War die Zuerkennung des Gatterer-Preises an mich schon ein Missverständnis, so ist die Feier der Überreichung, in der sich die Stifter feiern, erst recht eines. Mich kann man nicht buchen. Auch nicht für 10.000 Euro für eine Vormittagsvorstellung. (Sie werden ihren Dreiminutenzwanzigauftritt in Burgenland heute schon auch ohne mich bekommen. Darum geht es ja.)

Ich bin nicht einzugemeinden. (...) Ich brauche kein Schild, wo draufsteht: Preisträger. Die Anerkennung, die ich schätze, und die Unterstützung, die ich brauche und die ich in großem Maße habe, kommt von unten. (Ich brauche auch kein Geld für das, was ich tue. Ich habe in fünfzehn Jahren Föhn nie einen Schilling und in fünfzehn Jahren dietiwag.org nie einen Cent für meine Arbeit bekommen oder genommen.)

Kein Pipp, kein Papp

Das oben Gesagte gilt auch für den ÖJC, dem die Marke Gatterer-Preis gehört und der sich mit dem Tamtam rund herum mediale Aufmerksamkeit verschafft, und zwar gleich dreimal jedes Jahr: bei der Ausschreibung, bei der Bekanntgabe des Preisträgers und bei der Verleihung. Der ÖJC will mich laut Begründung der Jury ja "im gegenständlichen Fall" auszeichnen für "Berichterstattung und Aufdeckung" in der Causa Erl.

Wo war dieser feine Club, als mir in genau dieser Causa achtzehn Zivilklagen mit einem Streitwert jenseits der fünf-, sechs-, siebenhunderttausend Euro zugestellt wurden? Ein klitzekleines bisschen Solidarität damals, ein Alzerl nur, ein Pipp oder von mir aus auch ein Papp wären mehr wert gewesen, als der Zinnober mit dem Gatterer-Preis. Von einem Journalistenclub, der mich als Journalisten ansieht, wäre vielleicht zu erwarten, dass er sich angesichts einer solchen Klagsflut zumindest räuspert, wenn schon nicht äußert. (...)

Preisgeld für Erl-Musiker

Ich kann und will die 10.000 Euro für mich nicht annehmen, nicht die 5000 aus den Steuerabgaben der Burgenländerinnen und Burgenländer und nicht die 5000 aus den Jahresüberschüssen der Esterházy'schen Güterverwaltung. Ich hoffe, das ausreichend begründet zu haben. Ich brauche das Geld auch nicht wirklich, und für die Abdeckung der Prozesskosten in der Causa Erl ist es mir glatt zu schade.

Also gebe ich es weiter. An die Liudmilas und Natalias, Vladimirs und Dmitris, Yuliyas und Anastasiyas, Vitalis, Pavels, Igors, Alenas, Olgas, Irynas usw., denen in den vergangenen Jahren bei den Tiroler Festspielen ein Vielfaches davon vorenthalten worden ist. Keine Wiedergutmachung, dafür reicht es bei weitem nicht, nur mein durch den Gatterer-Preis ermöglichter symbolischer Beitrag dazu, wenn es schon der Milliardär nicht schafft, den Leuten, auf deren Kosten er einen auf dicke Hose und auf Festspielpräsident machen kann, menschenwürdige Gagen zu bezahlen.

Ich bestimme also, dass das Preisgeld auf dreißig bis vierzig der in Erl so übel ausgebeuteten belarussischen Orchestermusikerinnen und -musiker und Chorsängerinnen und -sänger aufgeteilt und über ein einzurichtendes Treuhandkonto an diese ausbezahlt wird. (Markus Wilhelm, 28.8.2019)