Lawheads Schilderungen haben eine Kettenreaktions ausgelöst, weitere Frauen aus der Gamesbranche sprechen nun öffentlich über Belästigungen und Übergriffe.

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Mit schweren Vorwürfen sehen sich aktuell mehrere bekannte Gesichter der Gamesbranche konfrontiert. Die Designerin Nathalie Lawhead erhebt in einem Blogbeitrag schwere Vorwürfe gegen einen bekannten Komponisten, der in der Gamesbranche tätig ist. Seine Werke finden sich etwa in World of Warcraft und auch in Skyrim und weiteren Teilen der Elder Scrolls-Serie.

Wie Lawhead darlegt, habe sie 2008 einen Auftrag eines kanadischen Studios angenommen, den sie als Türöffner in die Videospielindustrie ansah. Das Projekt sei jedoch "extrem schlecht" gemanagt worden, was den Arbeitsaufwand massiv vergrößerte. Gleichzeitig schlampte das Unternehmen in Bezug auf ihre Visa-Formalitäten, was ihr Ärger mit der Einwanderungsbehörde bescherte und sie in eine problematische Situation brachte. Dennoch blieb sie an Bord, weil ihre weitere Karriere massiv von diesem Job abhing.

Vom Unterstützer zum Übergriff

Den Komponisten lernte sie auf einer Weihnachtsfeier in Vancouver kennen. Man knüpfte Bande und freundete sich an. Er half ihr zuerst mit Rat und Tat dabei, sich in der Branche zurechtzufinden. Dank vieler Gespräche habe er zu jener Zeit genau gewusst, in welcher verzweifelten Lage sie sich befand. Auch Wochenende verbrachten die beiden oft gemeinsam, sie stellte jedoch klar, dass sie nicht mehr als Freundschaft wollte.

Sein Tonfall habe sich dann mit der Zeit gewandelt. Zuerst habe er sich ständig über andere Frauen beschwert, die ihm Unrecht getan hätten, ehe er damit begonnen habe, indirekte Drohungen an Lawhead auszusprechen. Sie traute sich nicht, ihn zurückzuweisen und versuchte, eine freundschaftliche Beziehung zu erhalten. Der Musiker habe zunehmend davon zu reden begonnen, welche Macht Frauen dank Sex über Männer hätten und wie ihn Sex beim Schaffen von Musik inspiriere.

Soll versucht haben, Karriere zu sabotieren

Der Schilderung zufolge versuchte er es immer wieder mit körperlichen Avancen, die sie zurückwies. Bis er sie schließlich vergewaltigte. Sie habe nicht gewusst, was sie tun solle aufgrund ihrer beruflichen Situation und den Schwierigkeiten mit ihrem Visum und wandte sich daher nicht an die Behörden.

Weiters schreibt sie, dass er als Komponist für ein späteres Projekt partizipierte, an dem auch sie arbeitete. Dort soll er, als Freund des Studiochefs, seinen Einfluss geltend gemacht haben, um sie aus dem Team zu drängen. Sie dokumentiert ihre Erlebnisse mit dem zweiten Studio auch in Form zahlreicher Mails.

Auch Vokalistin erhebt Vorwürfe

Lawheads Blogeintrag schlug hohe Wellen. Auch eine weitere Frau, die Sprecherin Aeralie Brighton, die unter anderem an Ori and the Blind Forest mitgewirkt hat, erhebt Vorwürfe gegen den Mann. Dieser habe ihr 2014 ein anzügliches Video von sich geschickt. Nachdem sie klar stellte, dass sie nur beruflichen Kontakt wolle, sei sie plötzlich aus einem Projekt geworfen worden, an dem sie eigentlich hätte mitarbeiten sollen.

Einen körperlichen Übergriff habe es nicht gegeben, vor dem Kontaktabbruch allerdings den Austausch teils expliziter Textnachrichten. Der Komponist habe ihr später ebenfalls mit dem Ende ihrer Karriere gedroht und auch versucht, sich einer anderen Vokalistin anzunähern.

Der Beschuldigte hat bisher keine ausführliche Stellungnahme abgegeben. In ersten Reaktionen bestreitet er jedoch sämtliche Vorwürfe.

Weitere Frauen sprechen über Vorfälle

In weiterer Folge haben mittlerweile auch andere Frauen aus der Gamesbranche öffentliche Anschuldigungen gegen verschiedene Personen erhoben, die sie ausgenutzt haben oder übergriffig geworden sein sollen, fasst The Verge zusammen.

Als Konsequenz hat das Studio hinter dem viel gelobten Adventure-Games Night in the Woods die Zusammenarbeit mit einem führenden Entwickler des Games beendet und ein weiteres Projekt damit auf Eis gelegt. Die Programmiererin Zoe Quinn beschuldigt ihn übergriffigen und nötigenden Verhaltens. So soll er sie nach dem Anfang ihrer Beziehung zuerst nach Winnipeg in sein Haus gelockt und sie dann von Freunden und Bekannten isoliert und praktisch eingesperrt haben. Aufgrund ihrer Erlebnisse habe sie bis heute Angst vor ihm. Sie wisse von zwei weiteren Frauen, denen es mit ihm ähnlich ergangen sei.

"Ich glaube und unterstütze Zoe", twittert dazu der Entwickler Matt Thorson, der nach eigener Angabe jahrelang mit besagtem Entwickler gelebt und zusammengearbeitet hat. "Basierend auf meinen Erfahrungen mit ihm und den Erfahrungen mit nahe stehender Personen hat mich ihre Schilderung schockiert, aber nicht überrascht", schreibt er. Der Beschuldigte hat sich bisher noch nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert.

Erreicht #MeToo nun die Gamesbranche?

Die Kettenreaktion erinnert an die "#MeToo"-Bewegung, schreibt die BBC. Damals hatten zahlreiche Schauspielerinnen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein sexueller Übergriffe bezichtigt, die er bis heute abstreitet.

In weiterer Folge wurden auch Vorwürfe gegen andere Persönlichkeiten, nicht nur aus der Filmbranche, laut und sorgten für eine anhaltende Diskussion über sexuelle Gewalt und die Geschlechterverhältnisse in vielen Branchen. (gpi, 29.08.2019)