Chinas Vorzeigetheater, das 2008 eröffnete Nationaltheater in Peking bietet 860 Vorstellungen jährlich.

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Performerin einer klassischen Peking-Oper.

Foto: Regine Hendrich

Frisch gebrühter Tee, eine Wasserkaraffe, Cracker und Süßigkeiten werden serviert, auch Mitgebrachtes darf man auftischen. Nicht im Restaurant, sondern im Theater bei der Vorstellung einer traditionellen Peking-Oper. Gleich geht die Vorstellung los, aber das ist nicht so wichtig. Hauptsache, man sieht sich wieder mal. Oma und Opa sitzen auch am Tisch, und man tauscht die letzten Weibo-Memes aus (Weibo heißt das chinesische Whatsapp).

Der Saal ist nicht ganz voll, denn viele, besonders jüngere Menschen, interessieren sich bevorzugt für zeitgenössisches Theater. Doch dieses hat in China keine freie Hand. Regisseur Tian Gebing und seine Gruppe Paper Tiger geben in China nun auf, um in Berlin tätig zu werden. Vertreter der Zensurbehörde kontrollieren flächendeckend, ob keine moralischen und politischen Grenzen überschritten wurden. Manche dieser Beamten sind bekannt, manche kommen undercover, sagt Clemens Treter, Leiter des Goethe-Instituts Peking, der bei hauseigenen Veranstaltungen aber nur wenig Probleme hat. Dennoch: Nacktheit auf der Bühne geht gar nicht, und offene Kritik an der Regierung natürlich auch nicht. Auch Weibo wird entsprechend gefiltert.

Seit einigen Jahren ist in China ein Theaterboom zu beobachten. Es ist dem Land daran gelegen, seine Weltmacht-Anwärterschaft auch im Kulturschaffen zu untermauern. Ausdruck dieses Bestrebens war bereits 2008 die Eröffnung des Chinesischen Nationaltheaters in Peking, ein im Volksmund als "Riesenei" bezeichneter Glas-Titan-Bau des französischen Architekten Paul Andreu, der unweit des Tian’anmen-Platzes mitten aus einem künstlichen See herausragt. Hauptsponsor ist Mercedes Benz. Sicherheitsleute pa trouillieren am Haupteingang, der zunächst in die Tiefe führt. Über einen langen Gang unter dem See erreicht man das eigentliche Gebäude, das bei Vollbesetzung aller vier Säle 5500 Zuschauer fasst. 2000 Angestellte arbeiten hier für 860 Vorstellungen pro Jahr.

Selfies ohne Ende

Die Neugier auf westliches Kunstschaffen ist enorm. Dazu haben auch neue, grenzensprengende Technologien beigetragen. Seit 2016 richtet auch das Goethe-Institut Peking eine Miniaturausgabe des Berliner Theatertreffens in der chinesischen Hauptstadt aus. Der Zulauf ist groß. Die Schauspieler werden wie Stars verehrt. Selfies ohne Ende. Und wenn man mit Menschen aus dem Publikum ins Gespräch kommt, vornehmlich Studenten, so wissen diese über deutschsprachiges Theaterschaffen erstaunlich gut Bescheid. Ulrich Rasches Räuber in München? Hab ich eh gesehen!

Auf dem Gebiet dieses westlichen Kulturimports ist ein Mann absolut führend: Jiatong Wu. Die von ihm gegründete Agentur Wu Promotion bucht vom Maxim-Gorki-Theater Berlin bis zu den Wiener Philharmonikern alles, was das chinesische Herz begehrt. Am liebsten würde sich der leidenschaftliche und theaterkundige Mann wünschen, wenn die Odyssee vom Thalia-Theater Hamburg, die im vergangenen Juni Macao, Peking und Schanghai beehrte, gleich zwei dutzend Mal in China gastieren könnte. Aber das lässt der deutsche Repertoirebetrieb leider nicht zu. In China wird hingegen meist en suite gespielt.

Der eigentliche Theaterpate in China aber heißt Meng Jinghui, Gründer und Leiter des Wuzhen-Festivals, das seit 2013 jährlich in der gleichnamigen Wasserstadt 120 Kilometer südlich von Schanghai stattfindet und zu einem Hotspot für Theateraficionados geworden ist. Hier fackelt man nicht lange, sondern setzt auf große Namen. Bei der diesjährigen Ausgabe von 25. Oktober bis 3. November präsentiert man Inszenierungen von Peter Brook, Konstantin Bogomolow, Eugenio Barba oder Michael Thalheimer (Drei Schwestern vom Berliner Ensemble). Als Nächstes will Meng Jinghui, der außerdem noch künstlerischer Leiter des Beijing-Fringe-Festivals ist und bei den Behörden irgendwie Narrenfreiheit genießt, in der Metropole Schanghai einen ganzen neuen Broadway errichten.

100 Ensemblemitglieder

An Ausbau denkt auch der Direktor des Volkskunsttheaters in Peking, Yin Yanbin. Mit drei Theatersälen, 300 Mitarbeitern, einem eigenen Ensemble und Werkstätten hat das Haus in der Wangfujing-Straße nahe der Verbotenen Stadt eine mit dem Burgtheater vergleichbare Größe. Jetzt will Yin Yanbin aber noch zwei zusätzliche Säle bauen, und so reicht er in einem mit historischen Fotografien gesäumten Sitzungszimmer das auf Chinesisch und Englisch gehaltene Hochglanz-Technikmanual weiter. Auf Gastspiele aus dem Ausland ist man bestens vorbereitet! Das People's Art Theatre richtet schließlich auch einmal im Jahr das ihm zugehörige internationale Theaterfestival aus. Da laufen frisch vom Londoner West End oder vom National Theatre Stars wie Ian McKellen oder Ralph Fiennes ein.

1240 Kilometer weiter südlich und einige Grad Celsius wärmer, in Schanghai, ist ein anderes großes Theaterhaus, das Dramatic Arts Centre, bereits vollständig saniert und prangt in hellem Weiß leuchtend in der Anfu-Straße in einem gentrifizierten Stadtteil mit Cafés und Secondhandläden unter Platanen, als läge es in Berlin-Mitte. Nach der Röntgen-Handgepäckskontrolle, die bei jedem Theaterbesuch in China obligatorisch ist, geht es hinein in eine elegante, moderne Theaterwelt auf vielen Etagen, inklusive hauseigener Ausstellung über die Geschichte und die Stars des Hauses sowie das Theater in Schanghai. Direktorin Ophelia Huang ist stolz auf ihr neues Haus und den Zustrom des (bürgerlichen) Publikums. Die Repertoirevorstellung des Beziehungsdramas Skylight von David Hare verströmt eher müden Charme. Das Publikum ist maximal nichtirritiert und folglich des Öfteren versucht, zum Smartphone zu greifen. Räusper.

Strafe mit dem Laserpointer

Schon in der Peking-Oper bei Oma und Opa leuchteten die Bildschirme während der Vorstellung immer wieder auf. Zu sehr hängen Chinesen an der digitalen Nabelschnur. Das Shanghai Dramatic Arts Centre hat deshalb seitlich der Zuschauertribüne Disziplinierungspersonal postiert, das das Handygucken mit einem Laserpointer bestraft. Nicht übel. Das hat Zukunft, zumal in einem Land, das seine Bürger mit Sozialkritikpunkten erzieht bzw. kontrolliert.

Wer am Weg zur Odyssee-Premiere im Great Theater of China irrtümlich das nur wenige Blöcke weiter gelegene Shanghai Grand Theater angesteuert hatte: selber schuld. In China ist eben vieles great und grand. Und wird es noch mehr, wenn man sich die in den vielen weiterwachsenden Millionenstädten im Bau befindlichen Theater vorstellt, von denen Jiatong Wu erzählt. Das Publikum wartet darauf. Wurde das Shanghai Grand Theater am Volksplatz erst 1998 eröffnet, so hatte es im ersten Jahrzehnt bereits zehn Millionen Besucher. (Margarete Affenzeller, 30.8.2019)