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Apeldoorn in den Niederlanden: Schulfrei nach Lust und Laune

Alle Bauernhöfe ausgebucht? Alle Kinderthermen überfüllt? Während eine nicht geringe Anzahl von Eltern wohl froh ist, die eben zu Ende gehenden neun Wochen Sommerferien irgendwie hinter sich gebracht zu haben, planen andere bereits den nächsten Urlaub mit dem Nachwuchs. Einheitliche Herbstferien gibt es in Österreich zwar erst ab dem nächsten Schuljahr, mit der Behelfskonstruktion der schulautonomen Tage geht sich für manche Familien aber auch heuer rund um den Nationalfeiertag am 26. Oktober eine kleine Verschnaufpause abseits der eigenen vier Wände aus – sofern Job, Haushaltsbudget und unterschiedliche Schultypen der Kinder das zulassen. Jetzt dürfen nur die anderen Heerscharen von Familien nicht dasselbe Reiseziel zur Destination ihrer Wahl küren.

In den Niederlanden können die Schulferien innerhalb einer Schule flexibel gehandhabt werden. Das hat nicht überall funktioniert, der Aufwand ist hoch.
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Im niederländischen Apeldoorn hat man sich vom Einheitliche-Ferien-für-alle-Modell schon vor zehn Jahren verabschiedet. Als eine von zwölf Schulen hat die einst kleine Grundschule ein Pilotprojekt gestartet. Die Idee: Jede Familie nimmt sich wochenweise frei, wann sie will – nur über Weihnachten haben alle für zwei Wochen Pause. Einige Lehrkräfte wollten da nicht mitmachen, haben sich an anderen Schulen beworben. Auch viele Eltern hatten Sorge, ob das Modell funktionieren kann, erzählt Direktor Hans Van der Most dem STANDARD. Bei ihm an der Sterrenschool habe sich das Experiment jedenfalls bewährt: Man wuchs von 60 Schülerinnen und Schülern auf 180, diese werden von neun Lehrkräften und fünf Assistentinnen und Assistenten betreut – oft jahrgangsübergreifend, jedenfalls sehr flexibel und individuell. "Für die Lehrkräfte bedeutet das mehr Arbeit", weiß Van der Most. Fällt ein Test in die Reisezeit eines Kindes, muss dieser vorab oder hinterher absolviert werden, jede Schülerin und jeder Schüler hat einen eigenen Stundenplan.

Eltern müssen alle sechs Monate ihre Urlaubspläne bekanntgeben, Änderungswünsche können einen Monat im Voraus deponiert werden. Was nicht geht: "Manche Eltern sagen, sechs Wochen Ferien sind genug für ihre Kinder", erzählt Van der Most, "die müssen wir erinnern, dass noch einiges an Urlaub offen ist." Das funktioniere dann auch.

Nicht an allen Pilotschulen hatte das Projekt Erfolg. Aktuell sind nur noch sechs der einst zwölf Ferienpioniere mit an Bord. Und: "Wir haben Probleme mit der Politik", erzählt der Direktor. Die will den Schulversuch im August 2020 auslaufen lassen. Dabei ist sich Van der Most sicher: Es brauche nur Zeit, um alle für den ungewöhnlichen Schulalltag zu gewinnen. An der Sterrenschool hat man zwei Jahre mit Planung und Überzeugungsarbeit verbracht.

In Österreich wurde das Schulsystem nicht unbedingt mit einem Blick nach vorne reformiert: Die Wiedereinführung der Schulnoten ist ein Schritt zurück.
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Wien: Noten und Sitzenbleiben, dafür Digital Natives

Es ist das bildungspolitische Vermächtnis von Türkis-Blau – ein wenig abgeschmackt zwar, weil sich nach dem auf Video dokumentierten Ibiza-Ausflug des früheren Vizekanzlers Heinz-Christian Strache (FPÖ) im Auflösungsprozess der Regierung nicht mehr alle Vorhaben ausgegangen sind. Einige weitreichende Neuerungen hat der damalige Bildungsminister Heinz Faßmann (als Parteifreier bei der ÖVP) aber rechtzeitig auf den Weg gebracht, sie werden mit Beginn des heurigen Schuljahres schlagend.

Einige wesentliche Punkte betreffen die Volksschulen. Hier erhalten ab dem zweiten Semester auch Zweitklässler wieder Ziffernnoten – verpflichtend, zusätzlich zu alternativen Beurteilungsformen. Eltern bekommen in Form von Bewertungsgesprächen Auskunft über Stärken und Schwächen ihrer Kinder. Ebenfalls neu: Wer ein "nicht genügend" kassiert, muss die Klasse wiederholen – eine Regelung, die ebenfalls bereits für Zweitklässler gilt.

Ebenfalls abgehakt auf der türkis-blauen To-do-Liste: das Kopftuchverbot. Ab Herbst ist Volksschülerinnen "das Tragen weltanschaulich oder religiös geprägter Bekleidung, mit der eine Verhüllung des Hauptes verbunden ist", untersagt. Lange hat man um eine Formulierung gerungen, die verfassungsrechtlich auch haltbar ist. Am Ende wurde die Maßnahme mit der "sozialen Integration" der Kinder begründet, mit den "lokalen Gebräuchen und Sitten", mit der "Wahrung der verfassungsrechtlichen Grundwerte" und mit der "Gleichstellung von Mann und Frau". Mögliche Konsequenz bei Verstößen: Geldstrafen von bis zu 440 Euro.

Man konnte auch weniger retro und mehr zukunftsorientiert: Der langgehegte Wunsch nach digitaler Grundbildung hat es in den Lehrplan der AHS-Unterstufe und der Mittelschulen geschafft – als verbindliche Übung. Im Unterricht sollen Anwenderkenntnisse genauso vermittelt werden wie der sichere Umgang mit Internet und digitalen Medien. In welchen Schulstufen das Ganze stattfindet, wie viel Zeit dafür aufgewandt wird und selbst die Frage, ob das neue Know-how als eigener Gegenstand unterrichtet wird, bleibt den Schulen überlassen.

Ebenfalls neu an den Mittelschulen, vorerst allerdings nur als "Kann"-Bestimmung: Ab der zweiten Klasse gibt es zwei unterschiedliche Leistungsniveaus, nämlich "Standard" und "Standard-AHS". Statt sieben Noten gibt es nur noch fünf.

Es ist keine Anarchie ausgebrochen. Das Lehrpersonal wird zur Fortbildung geschickt, die Schüler verwalten sich im deutschen Neuruppin zeitweilig selber.
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Neuruppin in Deutschland: Wenn die Schüler das Kommando übernehmen

Einmal im Jahr sind die Schülerinnen und Schüler die Chefs. Das Lehrerkollegium wird weggeschickt – zur Fortbildung. Es bleiben die Kinder, derzeit rund tausend an der Zahl. Schülerinnen und Schüler übernehmen die Rolle der Lehrkräfte, auch die Schulleitung wird besetzt. Es ist der vorletzte Unterrichtstag vor Weihnachten an der evangelischen Schule Neuruppin, einer Grund- und Oberschule samt Gymnasium.

Bricht da die Anarchie mitten in Brandenburg aus? Nein, natürlich nicht. Der schulische Rollentausch ist ein Jahrgangsprojekt für die elfte Jahrgangsstufe, also 17-Jährige. Rund vier Monate laufen die Vorbereitungen – und zwar "weitgehend autonom", wie die stellvertretende Direktorin Bettina Labahn im Gespräch mit dem STANDARD sagt: "Unser Ansatz ist, dass sie sich das selbstständig erarbeiten. Sie müssen klären, in welche Klasse sie gehen wollen und in welches Fach." In Zweierteams startet man los, redet mit dem Regelfachlehrer, bringt seine eigenen Ideen ein. Die Schüler-Schulleitung wird aus den eigenen Reihen demokratisch gewählt.

Dass ältere Schülerinnen und Schüler jüngere unterrichten, wird auch während des Jahres praktiziert, wenn beispielsweise kurzfristig eine Vertretung benötigt wird. "Wir haben eigentlich keinen Unterrichtsausfall mehr", sagt Vizedirektorin Labahn.

Wer sein Kind in diese Schule schicken will, muss ein einkommensbezogenes Elterngeld zahlen. Dass auf ein "christliches Fundament" gesetzt wird, ist logisch, heißt aber nicht, dass konfessionslose Kinder ausgeschlossen werden. Wichtig ist vor allem eines: Dass sie sich an den Projekten beteiligen. Und derer gibt es viele. In einem Jahrgang wird eine Woche lang in einer sozialen Einrichtung mitgearbeitet, in einem anderen findet eine Gedenkstättenfahrt statt. Es gibt eine Partnerschaft mit einer Schule in Uganda. Dafür wird Geld gesammelt, auch ein Schüleraustausch wird organisiert.

"Wir stellen ein stärkenorientiertes Menschenbildin den Mittelpunkt", erklärt Labahn das Schulziel. Es gehe darum, sich ausprobieren und seine Stärken erkennen zu können. Oder anders: "Es geht uns um die Haltung der Schüler, das Leben sinnorientiert zu gestalten."

Einer dieser Tage vor Weihnachten hat es in die Schulannalen gebracht. Ausgerechnet da war im Umland der Schule eine Fliegerbombe entdeckt worden. Nachdem die Behören beschlossen hatten, die Umgebung zu informieren, wurde die Polizei auch in der Schule vorstellig: "Die waren natürlich völlig überrascht, als sie der Schüler-Schulleitung gegenüberstanden", erzählt Labahn. Die "Ein-Tages-Direktion" hat auch dieses Problem bewältigt. (Peter Mayr, Karin Riss, 2.9.2019)