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PRO: Skikönig kommt vor Kanzler

Kein Stäuberl Schnee in Sicht, trotzdem darf der Skistar als Erster durchs Ziel: Nicht den ersten TV-Duellen zur Nationalratswahl gehört am Mittwoch das Hauptabendprogramm auf ORF 2, sondern Marcel Hirscher. Während der vielfache Champion aller Voraussicht nach seinen Rücktritt bekanntgeben wird, müssen die Politiker eine Stunde auf ihren Auftritt warten.

Auch auf die Gefahr hin, den eigenen Ruf als Innenpolitikjournalist zu ramponieren: Das ist schon ganz okay so.

Mancher Bildungsbürger mag nun die Nase rümpfen, weil die hohe Politik objektiv mehr Gewicht hat als ein reines Spektakel – ob Hirscher weiterfährt oder nicht, ist für den Lauf der Dinge egal. Doch Tatsache ist auch, dass der Skizirkus vielen Leuten unheimlich viel gibt: Bei den großen Auftritten des Ausnahmesportlers sahen eine Million Menschen und mehr zu, Bangen, Euphorie und feuchte Augen waren garantiert. Ein Phänomen, das die breite Masse derart bewegt, hat sich eine große Bühne verdient.

Im Gegensatz zu Hirschers Abgang sind die TV-Duelle kein singuläres Ereignis. Fast jeden Abend werfen sich die Kandidaten auf irgendeinem Sender ihre Argumente um die Ohren, für frühe Schlafengeher ist die TV-Thek erfunden. Wer will, wird nichts verpassen.

Außerdem ist es eine Frage der Hierarchie: In einer Nation, für die Wintersport nach dem Krieg identitätsstiftend war, steht ein Skikönig nun einmal über dem Kanzler. (Gerald John, 3.9.2019)

KONTRA: Falsche Kurssetzung

Echt jetzt, ORF? Der gebührenfinanzierte Sender mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag verschiebt allen Ernstes das lang geplante erste "Wahlduell" am Mittwoch nach hinten, um in der Primetime Platz für Marcel Hirschers groß inszenierten Auftritt vor seinem erwarteten Abtritt von der Skipiste zu schaffen?

Das ist ja wohl ein schlechter Scherz – und missversteht den Bildungsauftrag des audiovisuellen Leitmediums des Landes recht grundlegend. Immerhin steht im ORF-Gesetz der hehre Paragraf 10: "Die umfassende Information soll zur freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung im Dienste des mündigen Bürgers und damit zum demokratischen Diskurs der Allgemeinheit beitragen."

Nun, die Demokratie kriegt ihr Brot später zu knabbern. Zuerst gibt es Spiele für das patriotische Herz der Skifahrernation, wenn Hirscher bedeutungsschwer "Rückblick, Einblick, Ausblick" gewährt. Damit sind klare Prioritäten gesetzt. Hirschers Sponsoren wird es sicher freuen. Geht ja nur um eine Nationalratswahl. Geht ja um den Abgang des oft so titulierten inoffiziellen "Königs" der Republik.

Es sei dem ORF (der an sich, unbestritten, ein ordentliches Wahlprogramm liefert) unbenommen, die letzte große Show eines unzweifelhaft großen Sportlers dieses Landes live zu übertragen. Nur sollten die sachlichen Relationen und inhaltlichen Prioritäten nicht ganz verrutschen.

Es gäbe da mit ORF Sport+ ja eine passende Piste im Haus. Oh, da laufen zeitgleich die "Highlights" vom Vienna City Marathon vom April 2019. Na dann. (Lisa Nimmervoll, 3.9.2019)