Zuletzt war er wieder nah am Zeitgeist. Für die opulente September-Ausgabe der britischen Vogue hatte Peter Lindbergh 15 Frauen fotografiert, darunter die Klimaaktivistin Greta Thunberg. Auf dem Schwarz-Weiß-Porträt trägt die 16-Jährige Hoodie und Sneaker, sie stützt sich auf ein Schild, auf dem auf schwedisch "Schulstreik für das Klima" steht, der kritische Blick ist ihr ins Gesicht geschrieben.

Das Bild gehört zum Vermächtnis des Deutschen Peter Lindbergh. Der Starfotograf ist mit 74 Jahren gestorben, wie seine Familie am Mittwoch in Frankreich mitteilte. Das Thunberg-Porträt ist ein typisches Lindbergh-Produkt: Der Fotograf hatte in seiner Karriere mehr Frauen als Männer vor der Linse, für perfekt retuschierte Gesichter und Photoshop hatte er wenig übrig. Immer wieder polterte er gegen den Schönheitsterror und das Verschwinden des Unvollkommenen. Und so wirkt Greta Thunberg vor Lindberghs Linse ernsthaft, unverstellt und ein wenig zerbrechlich. Ein Zufallsprodukt waren Bilder wie dieses mitnichten. Das kann man von einem nicht erwarten, der in einer Zeit der kostspieligen Modeproduktionen und aufwendigen Foto-Sets groß geworden ist.

Die Familie verkündete Peter Lindberghs Tod auf seinem Instagram-Account.

Seinem Stil ist der Bildermacher, einer der letzten großen Stars unter den Modefotografen, ein Frauenversteher, der die Metoo-Debatte unbeschadet überstanden hat, bis zum Schluss seiner rund 40 Jahre währenden Karriere treu geblieben.

Den Durchbruch erlebte er in den 1970-er Jahren mit Auftragsarbeiten für das deutsche Magazin Stern und die französische Vogue, später arbeitete er für Publikationen wie The New Yorker und Vanity Fair. Seine Schwarz-Weiß-Bilder läuteten damals eine neue Ära ein.

Sommersprossen und Falten

Der Künstlichkeit der Modefotografie der 1980-er Jahre setzte Peter Lindbergh Natürlichkeit entgegen. Er vertraute nicht nur auf die Schönheit von Models und Schauspielerinnen, sondern auch auf den Charme von Sommersprossen und Falten.

Diese Karriere erschien kaum vorhersehbar. Peter Lindbergh, 1944 im polnischen Lissa als Peter Brodbeck geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf, nach seinem Studium an der Werkkunstschule in Krefeld ließ er sich zum Werbefotografen ausbilden. In Erinnerung werden dank vieler Ausstellungungen (wie zuletzt in der Kunsthal Rotterdam und in München) sowie schwerer Bildbände und Kataloge die ikonischen Modefotos bleiben, von denen viele für den Verlag Condé Nast produziert wurden.

1988 wurde Anna Wintour, die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, auf den deutschen Fotografen aufmerksam. Sie druckte Lindberghs Porträts von sechs angehenden Models in übergroßen weißen Männerhemden ab.

Linda, Cindy und Co

Im Jahr 1990 landete Lindberghs Gruppenporträt von Christy Turlington, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Cindy Crawford auf dem Titel der britischen Vogue. Mit jenen Bildern schrieb Lindbergh nicht nur Foto-, sondern auch ein Stück Modegeschichte. Er gehörte zu jenen Protagonisten der Modeindustrie, die aus Models Supermodels machten. Und bis zuletzt mit seinen Bildern Magazinseiten füllte. (Anne Feldkamp, 4.9.2019)

Peter Lindbergh fotografierte die Stars der Modeszene.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/FRAZER HARR
Das Cover der britischen September-"Vogue", das von Meghan gestaltet wurde, zeigt Fotos von 15 prominenten Aktivistinnen. Die Porträts stammen von Peter Lindbergh.
Foto: Photo by Peter Lindbergh / KENSINGTON PALACE / AFP
Der Fotograf mit seiner Frau Petra im Februar bei der Premiere von "Peter Lindbergh – Women Stories" im Rahmen der Berlinale.
Foto: apa/apf/pedersen
Der Trailer zu "Women Stories".
DCM
2016 bei der Präsentation des Pirelli-Kalenders mit Nicole Kidman.
Foto: Reuters/Platiau
Peter Lindbergh anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Peter Lindbergh – On Street" in Berlin im Jahr 2010.
Foto: apa/afp/kleinschmidt