Robert Mugabe, langjähriger Machthaber von Simbabwe, starb am Freitag in Singapur.

Foto: Reuters/Philimon Bulawayo

Harare/Wien – Es war jene Rede, die nach Jahrzehnten der Unterdrückung und des blutigen Guerillakrieges einen Neuanfang bestimmen sollte. Die Übel der Vergangenheit, sagte der designierte Premier, müssten nun der Geschichte angehören. Alle Bürger seines neuen Staates müssten einander als Brüder ansehen, in einem Bund der nationalen Gemeinschaft. Sein Kabinett müsse jede Anstrengung unternehmen, damit im Land nie eine Herrschaft des Mob einkehre, und um die Demokratie aufrechtzuerhalten. Denn auch die neue Staatsform könne "leicht zu einer unmenschlichen" werden, "wenn wir jene unterdrücken, die nicht so aussehen, oder die nicht so denken wie wir".

Es war der 17. April 1980, Vorabend der völligen simbabwischen Unabhängigkeit. Der Redner war Robert Mugabe. Die Ansprache erfüllte die Hoffnungen vieler, die dem Land nach dem Ende des rassistischen und undemokratischen Rhodesien und des britischen Kolonialismus eine gerechtere Zukunft wünschten – auch außerhalb Afrikas. Mugabes Rolle beim Kampf für den neuen Staat und bei dessen Aufbau sollte zu einem Grundstein seiner Popularität in den frühen 1980er-Jahren werden. Besonders in Afrika, wo Mugabe als Freiheitsheld gefeiert wurde. Nicht nur dort, sondern auch in anderen Teilen der Welt wurde der Mut zur Versöhnung bewundert, den ein Mann zur Schau stellte, der mehr als zehn Jahre in politischer Haft verbracht hatte und der das Gefängnis nicht einmal für das Begräbnis seines dreijährig verstorbenen Sohnes verlassen durfte.

Macht und Korruption

35 Jahre später gab Mugabe in westlichen Medien ein völlig anderes Bild ab. Jenes eines greisen Langzeitpräsidenten, der gegen innenpolitische Opposition auch vor dem Einsatz von Schlägerbanden und Geheimpolizei nicht zurückschreckte und der nach außen weitgehend isoliert war. Das Bild eines machtbewussten und korrupten Herrschers, der auch im hohen Alter noch am Amt festhielt, auch, als der Körper längst nicht mehr die eigenen Ansprüche oder jene seiner Anhänger erfüllte.

Es blieb allerdings auch ein widersprüchliches Bild: 2013, bei seiner letzten Wahl, wurde er mit mehr als 60 Prozent wiedergewählt. Seine Zanu-PF-Partei gewann sogar Stimmen. Die Wahlen gaben nach Ansicht der meisten Beobachter die Meinung im Land weitgehend wieder – wenn sie auch nicht den Grundsätzen fairer Urnengänge folgten.

Hohes Ansehen genoss Mugabe bis zum Ende nicht nur bei vielen Simbabwern, sondern auch unter zahlreichen anderen Afrikanern. Sie sahen in ihm einen der letzten verbleibenden Freiheitskämpfer. Jenen Mann, der als junger Student in Südafrika mit Größen wie Tansanias Julius Nyerere und Sambias Kenneth Kaunda zusammenarbeitete. Oder den stolzen Panafrikaner, der im Gefängnis mehrere Fernstudien abschloss. Den disziplinierten Jesuitenschüler aus ärmlichen Verhältnissen, der Achtung vor sich selbst predigte, der Lehrer wurde, und selbst nach seiner Wahl zum Premier noch Unterricht gab – und unter dessen Regierung Simbabwe mit weniger als zehn Prozent die bis heute niedrigste Analphabetenrate in Afrika erreichte.

Umstrittene Landreform

Seine Landreform der späten 1990er-Jahre bedeutete eine oft gewaltsame Zwangsenteignung weißer Großgrundbesitzer. Sie wird in Europa oft als großer Sündenfall Mugabes angesehen. In Simbabwe betrachteten sie viele als Aufhebung eines langen historischen Unrechts – und andere als populistischen Schritt. Sie erinnern daran, dass Mugabe 1980 dem zehnjährigen Verbleib bei einem Status Quo zugestimmt hatte, in dem weiße Bauern, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachten, mehr als 70 Prozent des besten Bodens besaßen. Sie sehen die Gründe seines Sinneswandels in seiner Enttäuschung über westliche, vor allem britische, Unterstützung für die Opposition.

Ob Mugabe wirklich einen Wandel durchgemacht hat, ist sehr umstritten. In vielen Medien wird darüber berichtet, dass schon während seiner Zeit als Oppositioneller Konkurrenten bei mysteriösen Autounfällen starben. Auch trug er schon in den frühen 1980er-Jahren zumindest politische Verantwortung für den Mord der in Nordkorea ausgebildeten Fünften Armeebrigade an bis zu 20.000 Mitgliedern der Volksgruppe der Ndebele. Diese hatte er wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit einer konkurrierenden Partei, der Zapu, zugeordnet.

Absetzung 2017

Der Robert Mugabe der vergangenen Jahre war jedenfalls nicht mehr jener Mann, den sich viele Anfang der 1980er-Jahre als kompromissbereiten Demokraten vorstellen wollten. Nur unter Druck aus dem Ausland erlaubte er 2009 die Teilhabe der Opposition an der Regierung – nur um sie an der Macht zu demontieren. Am Ende verstrickte er sich selbst innerhalb der eigenen Partei in Ränkespiele gegen seine frühere Stellvertreterin Joice Mujuru – offenbar weil er die als eher liberal geltende Frau als Nachfolgerin verhindern wollte. Mugabe, der am Freitag verstorben ist, war ein misstrauischer und zynischer Machtpolitiker, der seinem Nachfolger Emmerson Mnangagwa 2017 einen schweren Stand hinterließ, als ihn die Armee am Ende nach 37 Jahren an der Macht doch aus dem Amt putschte. Mugabe starb laut Reuters in Singapur nach langer Krankheit. Sein Nachfolger Mnangagwa bestätigte das auf Twitter.

(Manuel Escher, 6.9.2019)