Hans Magnus Enzensberger ist vermutlich der letzte große Universalist der Literatur, der sein enzyklopädisches Wissen in geistreicher Prosa auszudrücken versteht, sozusagen eine lebende Brücke zwischen Gelehrtenwelt und Kunst – dass er demnächst 90 wird, erfüllt den Leser mit Dankbarkeit, aber auch großem Staunen angesichts solcher Produktionskraft: Im letzten Jahr kamen gleich drei Bücher mit seinem Namen auf den Markt, und heuer werden es wieder so viele sein.

Enzensberger, der große deutsche Universalist, feiert am 11. November seinen 90. Geburtstag.
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Das aktuell jüngste ist für sich ein typischer Enzensberger: 89-mal beschreibt, karikiert der Ausnahmeautor sogenannte Experten, Menschen, die für irgendetwas Besonderes stehen. Das können Arachnologen sein, die alle Weberknechtarten zählen (es gibt weltweit mehr als 6000); ein Verpackungsexperte, der 150.000 Plastiktaschen gesammelt hat; ein Spezialist für komplizierte Schlösser, in dessen Nachlass sich hunderte Tresore finden; ein Militärstratege, der von "Glück" spricht, wenn er atomare Optionen genau kalkuliert; aber auch ganz einfach Uhrmacher, Falkner, Zahlentheoretiker, Tonmeister, Altersforscher, Hochzeitsvermittler, Osmologen und, und, und ...

Hans Magnus Enzensberger, "Eine Experten-Revue in 89 Nummern". € 24,70 / 336 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2018
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Hans Magnus Enzensberger, "Eine Handvoll Anekdoten. Auch Opus incertum". € 25,70 / 239 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2018
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Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger, "'schreib alles was wahr ist auf'. Der Briefwechsel". Hg. von Hubert Lengauer. € 45,30 / 479 Seiten. Piper, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp, Berlin 2018
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Man kommt zum Schluss, dass die Menschheit aus lauter Experten besteht, jeder Einzelne ist für irgendetwas eine Institution. Wobei das wahre Expertentum sehr oft auch mit Scheitern verbunden ist. Berührend etwa die kleine Geschichte eines Herrenausstatters, der sich als Textilexperte nicht verstanden und geschätzt fühlt und nach einem Kundengespräch mit einem ignoranten Einzelhändler einen Herzinfarkt erleidet, an dem er stirbt. Die Gefährlichkeit des Expertentums beweisen auch unzählige andere Mikrolebensläufe, die uns als subtile Miniaturen präsentiert werden, eine Textsorte, die man als Mischung aus Kalendergeschichte und philosophischem Essay bezeichnen könnte.

Gespräch mit der Natur

Am Ende eines solchen Prosastücks heißt es einmal: "Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang." Und sie kommt ganz ohne quälende Expertise aus. Solche verblüffenden, messerscharfen Sätze, die anderswo leicht zu Banalität verkommen, prägen Enzensbergers Literatur (dabei darf man auch bei Hippokrates eine Anleihe machen). Vielleicht das Beste an diesem Buch ist die Einleitung (als Dialog, wie er in der Antike ein beliebtes Format war), darin unterhält sich ein "Unzufriedener" mit der "Natur", eigentlich zwingt er sie zum Gespräch, konfrontiert sie mit menschlichen Enttäuschungen ("Warum hast du uns keine Flügel gegeben?"), macht ihr die Unzulänglichkeit und Schutzlosigkeit des menschlichen Lebens zum Vorwurf usw.

Die "Natur" antwortet gelassen auf diese Suada an Vorhaltungen: So wichtig, wie sie sich selbst einschätzen, seien ihr die Menschen nicht, dennoch: Jeder Einzelne könne etwas, "aber keiner kann alles. Und deswegen müßt ihr euch die Mühen teilen, die euer Los sind." Aber wie verhält sich die Arbeitsteilung wirklich mit dem Expertentum? Und was soll die Welt mit "Experten für das Expertentum" anfangen?

Dass jeder, wenn er nur glaubt oder will, ein Spezialist sein kann, zeigt Enzensberger in seiner im vorigen Jahr erschienenen Kurzgeschichten-Autobiografie, die er geradezu bescheiden Eine Handvoll Anekdoten nennt. Es gibt auch noch einen zweiten Titel: Opus incertum, und das bedeutet "ungesichertes Werk", so nannten die Römer eine spezielle Art des Mauerbaus aus unregelmäßigen Fundsteinen. Festgefügt, will uns Enzensberger sagen, ist nichts im Leben, und erst recht die Erinnerung ist eine unsichere und lückenhafte Angelegenheit.

Dann kann man sich, wenn man sein Leben beschreibt, gleich die Freiheit des Gestaltens oder wie hier des Collagierens nehmen. So hat Enzensberger ein Selbstbild geschaffen, das er "M." nennt und sehr heftig den Zeitläuften gegenübertreten lässt. Es beginnt mit einem Börsensturz: An dem Tag, an dem er geboren wird, fallen die Kurse in New York um 50 Prozent, keine guten Erwartungen. Abenteuer Geschichte könnte man das nennen, und dafür gibt es genug Vorbilder in der Literatur, am bekanntesten Der abenteuerliche Simplicissimus von Grimmelshausen. Kühn und locker erzählt auch Enzensberger, ohne jegliches Spiel mit Autofiktion, auch wenn die Wirklichkeit allzu oft als Anekdote auftritt.

Beginnend 1929 und endend in den frühen Fünfzigern, knapp vor Enzensbergers Schriftstellerwerdung, erzählt das Buch von einem Heranwachsenden, der die Zeit genauso beobachtet wie die Menschen, die ihn später geprägt haben, oder bloß jene, die irgendwie ins Blickfeld geraten sind, wie etwa Julius Streicher, der "feiste Nachbar" der Familie. Oder der "Führer", den das Kind einmal in Nürnberg erlebt. ? "Eine erste Enttäuschung", lautet das Resümee, jedoch: "Seinen Enttäuschungen verdankt M. mehr als seiner Phantasie." Auch das ist so ein typischer Enzensberger-Satz. Der Nationalsozialismus wird dabei nicht bloß aus kindlicher Perspektive beäugt, die Erinnerung schafft ihre eigene Perspektive, auch wenn sie relativ ist und manchmal selbst ein Stück Literatur, bevor sie dazu gemacht wird.

Experte für das Expertentum

Dass Enzensberger gerne mit Abbildungen arbeitet (hier vor allem Familienfotos), ist Teil seiner interdisziplinären Methode, die Bilder fügen sich wie Collagen in den Text. So wird das Buch neben einer "kritischen" Sammlung auch zum vergnüglichen Album, in dem man durch Kindheitslandschaften und Zeitgemälde blättert, die allesamt geistreich beschrieben sind. In Summe ein originäres Textkonvolut, das man einfach gelesen haben muss: seiner literarischen Kraft wegen, als Zeitdokument und auch, um ein Stück mehr über den Autor Bescheid zu wissen.

"Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang." Solche verblüffenden, messerscharfen Sätze, die anderswo leicht zu Banalität verkommen, prägen Enzensbergers Literatur.

Apropos. Bisher viel zu wenig bekannt war, dass Enzensberger eine langjährige Freundschaft mit Ingeborg Bachmann verband, zwischendurch auch eine kurze, heimliche Romanze, die sich freilich in der seit vergangenem Herbst vorliegenden Ausgabe des Briefwechsels (schreib alles was wahr ist auf) nur zwischen den Zeilen findet. Stattdessen geht es ums Schreiben, den Literaturbetrieb, die größeren und kleineren Probleme des Lebens, nicht zuletzt um Angst, die Bachmann immer wieder zum Ausdruck bringt.

Der enge Gedankenaustausch der beiden beginnt mit einem Brief Enzensbergers aus dem Jahr 1957, einem bedeutenden Jahr, ist doch kurz zuvor sein Gedichtband Verteidigung der Wölfe erschienen, der ihn schlagartig berühmt machte. Man sprach vom neuen Brecht, vom neuen Benn. Auch die Bachmann war damals schnell berühmt geworden, mit Celan und den um drei Jahre jüngeren Enzensberger schrieb sie Lyrikgeschichte. In ebendieser Phase beginnt sie sich mit dem zu dieser Zeit in Norwegen lebenden Enzensberger auszutauschen, eigentlich ist er es, der den Anfang setzt: "liebe ingeborg", schreibt er am 27. 11. 1957 aus Stranda, obwohl sie da noch lange nicht per Du sind.

Ob ihr Suhrkamp, fragt Enzensberger beiläufig in eckigen Klammern, ein Exemplar seines Gedichtbands geschickt habe. "Lieber Mang", schreibt die Bachmann erst im Jahr darauf aus München zurück, als sie gerade, was nur niemand wissen soll, auf dem Sprung nach Italien ist. Einen Brief später fände sie es schön, wenn er sie in Neapel besuchen käme. Doch erst im Sommer 1959 wird es ein gemeinsames Treffen in Italien geben.

Kennengelernt haben sich die beiden auf einer Tagung der Gruppe 47, 1955 im Schloss Bebenhausen bei Tübingen. Offenbar hat er sich dort schon als "Mang" vorgestellt, so redet die Bachmann ihn auch in den Briefen an; als C oder "deinmang" unterzeichnet Enzensberger, so auch noch im letzten Kontakt, auf einer Ansichtskarte aus Tjøme, 31. Juli 1969: "warum wohl schickst du mir die beiden andern gedichte nicht hierher, wo es heiter und sonnig ist?" Da geht es um Gedichte, die Enzensberger in dem von ihm herausgegebenen Kursbuch im darauffolgenden November abdruckt.

Mit Gedichten endet der Kontakt. Bachmann hat 1972 noch zweimal versucht zu schreiben, aber die Briefe wurden nicht abgeschickt, sie blieben als Entwürfe liegen. Unerfüllt blieb auch der Wunsch nach einem gemeinsamen Buch, wie ihn Enzensberger noch im ersten Brief 1957 geäußert hat: "ein buch das fliegen kann. eine montgolfière." (Gerhard Zeillinger, ALBUM, 7.9.2019)