Die Kunstinstallation "For Forest" im Wörthersee-Stadion.

Foto: W. Czaja

Landschaftsarchtiekt Enzo Enea war für den Transport der Bäume verantwortlich.

Foto: M. Ruetschi

Der Mann hinter dem Projekt: Klaus Littmann.

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Die ersten Vögel haben sich schon niedergelassen. Es zwitschert ganz leise aus dem Wald heraus. "Denn natürlich", sagt Klaus Littmann, "ist das nicht nur ein Kunstprojekt, sondern auch ein temporärer Lebensraum für Fauna und Flora." Dass die Kunstinstallation "For Forest" derzeit ausgerechnet dem Menschen, insbesondere der dem Leder hinterherlaufenden Spezies, versperrt bleibt, ist angesichts des Wunders von Wolfsberg, da der Verein WAC im Mai mehr als überraschend in die Gruppenphase der Europa League aufgestiegen ist und nun nicht einmal ein Heimstadion hat, in dem er seine Spiele austragen kann, sondern bis November ins Grazer Exil ausweichen muss, umso skurriler. "Fußballfeindliches Projekt!", mokieren sich die Gegner.

Eine Idee, 30 Jahre in der Mache

Littmann, Schweizer Künstler seines Zeichens, geht mit der Idee, ein Stadion zu bewalden, schon seit fast 30 Jahren schwanger. Damals, 1990 war das, stieß er in einer Ausstellung in Wien auf eine Bleistiftzeichnung des Wiener Künstlers Max Peintner. Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur, so der Titel des 1970 erstellten und in die USA verkauften Werks, das derzeit in der Stadtgalerie Klagenfurt gastiert, wirft einen verstörenden, dystopischen Blick in die Zukunft.

In eine vielleicht gar nicht so ferne Zeit, wie sich auf geopolitischer Ebene zeigt, in der der Wald zum raren Spektakel geworden ist, das man nur noch im geschützten Rahmen im Stadion bewundern kann. Selbiges ist in Max Peintners Zeichnung, die hier Pate stand, im Gegensatz zum Klagenfurter Jörg-Haider-Vermächtnis, das seit der Fußball-EM 2008 etwas karg dahinvegetiert, zum Bersten gefüllt, bis auf den letzten Sitzplatz ausverkauft. In den nächsten sieben Wochen bis 27. Oktober, so der Plan, soll es auch hier wieder etwas voller werden, im 33.000-Besucher-Stadion der 100.000-Einwohner-Landeshauptstadt.

Foto: W. Czaja

"Ich habe jahrelang nach einem Stadion gesucht", erinnert sich Littmann, "aber wenn ein Fußballclub einigermaßen erfolgreich spielt, ist so viel Geld involviert, dass es eigentlich unmöglich ist, sich für ein paar Monate mit einem Kunstprojekt einzumieten." Und dann kamen Klagenfurt und der österreichische Fußball. Dass das von ihm initiierte Megaprojekt derartige landesfürstliche Wunden aufreißen und zum Politikum werden würde, sagt er, hätte er nicht geahnt. Einige Wuchtelfans drohen damit, den Bäumen mit der Kettensäge an den Stamm zu gehen.

Die Kunstszene ätzt indes, ob die ganze Angelegenheit überhaupt den Aufwand wert sei – und das obwohl nach Auskunft der Klagenfurter Bürgermeisterin Marie-Luise Mathiaschitz (SPÖ), wie sie betonet, "kein Euro Steuergeld von öffentlicher Hand in dieses Projekt geflossen ist". Die kolportierten Investitionskosten, die zur Gänze aus privaten Sponsoren- und Mäzenengeldern stammen, belaufen sich auf vier Millionen Euro.

Was die CO2-Bilanz betrifft

Die Sonnenstrahlen arbeiten sich durch das Blätter- und Nadelwerk durch. Zwischen Pappeln und Platanen flattert ein verirrtes Täubchen umher. Insgesamt 299 große, ausgewachsene Bäume mit acht bis 16 Meter Höhe bis zu den Wipfeln wurden in den letzten Wochen ins Stadion verfrachtet. Ursprünglich wollte man die Bäume allesamt aus österreichischen Baumschulen ankaufen, doch daraus wurde nichts. Die Mischung aus 18 verschiedenen Baumspezies, mit der man den Kärntner Mischwald nachahmen will, sei in österreichischen Schulen in dieser Menge nicht verfügbar, hieß es. Und so musste man nach Italien, Belgien und Norddeutschland ausweichen.

"Aus Sicht der Konzeptkunst war das schon ein ziemlicher emotionaler Knick", sagt Enzo Enea. "Für mich als Landschaftsarchitekt aber ist der Transport von Bäumen quer durch Europa mein tägliches Geschäft. Bäume sind nie dort, wo man sie braucht. Was die CO2-Bilanz betrifft, so kann ich insofern beruhigen, als Bäume in diesem Alter und in dieser Wuchsgröße durchaus gute Kompensationsarbeit leisten. Ein solcher Baum produziert rund drei Millionen Liter Sauerstoff pro Jahr."

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Enea, der am Zürichsee sitzt, ein eigenes Baummuseum betreibt und von dort Privatgärten in der ganzen Welt konzipiert, errichtet und mit seinem insgesamt 220-köpfigen Team auch kontinuierlich betreut, ist derjenige, der das temporäre Projekt technisch überhaupt erst möglich machte. Seit vielen Jahren schon ist der Gärtner darauf spezialisiert, bedrohte Bäume zu retten, die Investoren, Verkehrsplanern und Stadtentwicklern im Weg stehen, ihre Wurzelballen zu beschneiden und die Bäume in das von ihm gegründete Museum nach Rapperswil zu transportieren, wo sie schließlich ein Leben nach dem Scheintod fristen.

"Genauso", sagt Enea, "sind wir auch in Klagenfurt vorgegangen. Wir haben geschulte Bäume mit kleinen, kompakten Wurzelballen aufgekauft, denn aufgrund der bestehenden Rasenheizung im Klagenfurter Stadion, die wir keinesfalls beschädigen dürfen, mussten wir uns in der Höhe auf ein Minimum beschränken." Die kompakten Wurzelballen stehen auf einer simplen Unterkonstruktion aus Holzbalken und massiven Aluminiumplatten, an die sie aus Stabilitätsgründen mittels Zuggurten festgezurrt wurden. Am Ende wurde der 7000 Quadratmeter große Wald auf Zeit, der im Unterholz noch mit 6000 Gräsern und Gebüschen nachverdichtet wurde, mit Hackschnitzeln und Rindenmulch aufgeschüttet.

Eine realitätsnahe Glosse

Es piepst und zwitschert im Gehölz. Und da ein Schmetterling! Am Ende der Installation, die in Klagenfurt in ein üppiges Rahmenprogramm und allerhand Merchandising-Produkte eingebettet ist, wird das Kunstwerk um einen Kilometer nach Westen übersiedeln. Auf dem Lakeside-Campus der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt sollen die 299 Bäume in der gleichen Konstellation dauerhaft eingepflanzt werden. Herzog & de Meuron werden einen kleinen Pavillon errichten, in dem das Projekt dokumentiert werden soll.

Temporäres Kunstwerk? Mega-Mahnmal? Aufgebauschtes Medienspektakel in der Klagenfurter Ikone für Korruption und sportliche Machenschaften? Die Frage stellt sich nicht. Zumindest nicht jetzt. Ein brasilianischer Psychopath fackelt den Amazonas ab. Und Max Peintner, Klaus Littmann und Enzo Enea liefern nach Jahrzehnten Vorarbeit eine so punktgenaue und realitätsnahe Glosse, dass einem bang wird. (Wojciech Czaja, 6.9.2019)